Frankfurter Gemeine Zeitung

Stadtfauna – 2

Die Weiterentwicklung des Homo oeconomicus

Beim Blick in Zeitungen und ferne Kontinente (Auslandsjournale) entsteht der Eindruck, dass die Evolution dabei ist, eine neue Sub-Spezies hervorzubringen, die mehr und mehr die Metropolen besiedelt, ja, es scheint, dass die Schöpfung nach einiger Zeit des Relaxens oder doch zumindest stark verminderter Aktivität, mit einem Male wieder Fahrt aufnimmt und unsere Fauna wie vor Millionen Jahren explosionsartig mit neuen (Unter-) Arten versorgt und vielleicht erneuert. Und dies ebenso global wie damals. Die Frage, ob es sich dabei auch um eine Art Wiederauflebens einer Art Neandertaler handeln könne, ist noch heiss diskutiert.

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Diese neuen Arten siedeln nicht in separaten Biotopen, sie sind mitten unter uns. In ihrer Neuartigkeit werden sie oft verkannt und in Ermangelung wissenschaftlicher Einordnung werden sie nur allzu leicht mit historischen Erscheinungen (s.o.) verwechselt, was zu Irritationen und Fehldeutungen führt.

Doch bei einem aufmerksamen Spaziergang durch die Stadt kann man sie entdecken, obwohl es scheint als würden sie alles tun, um nicht erkannt zu werden. Das mag zum Teil daran liegen, dass sie die erwähnte Verwechslung fürchten.

Auch einen Namen trägt sie bereits – diese Weiterentwicklung der Krone der Schöpfung und das ist gut so, denn ohne Bezeichnung stiftet man nur Verwirrung. Was jedoch nicht heißen soll, dass im Umkehrschluss der Name allein für Klarheit sorgt.

Das Bezeichnete selbst bleibt vage, beschreibt eher eine Art Mäandern durch die Postmoderne. Eine Art Wandervogel durch die post-fordistische Ökonomie. Folgt man den Beschreibungen, so meint man eine Art >>Homo flexibillis<< zu erkennen, doch wird dieses Wesen auch als >>Homo brasiliensis<< deklariert, was natürlich Samba, Sandstrand, fortwährenden Karneval, der aus den Favelas herausdrängt, assoziieren lässt.

Bei näherem Hinsehen fällt auf, dass es sich kaum mit herkömmlichen Kategorien in die Linnésche Einteilung der Natur fügt, ein launiger Creator seines Daseins. Pfiffig wäre ein treffendes Attribut.

In ihm glaubt man den „Zeitpionier“ erkannt zu haben, eine Art Sponti der Globalisierung. Seine Gestalt ist nicht fest, nicht festgelegt, will es offenbar nicht sein. Angetroffen wird dieses Wesen in Mumbay wie in Rio und in Frankfurt, in Büros und auf der Walz, im Appartement und mit Einkaufswagen. Mal malocht es bei Nokia, mal lebt es seine Freisetzung mitten in Mexico-City, kurz, dieses sein Leben ist bunt, entzieht sich Planbarkeit und Kalkulation. Und es ist der Schrecken der Gewerkschaften und der Mittelstandsvereinigung der CDU. Zudem sind diese Wesen auf dem ungeordneten Vormarsch. Ihnen scheint die Zukunft zu gehören, daran kann kaum noch gerüttelt werden, obgleich man bezweifeln kann, dass sie selbst eine haben.

Je nach Verkennung der Situation wird das Loblied einer derartigen Existenz gesungen, ihr Zustand beklagt oder ihre offensichtliche Alltags-Anarchie bekämpft.

Ihre Mimikry scheint perfekt, so gut, dass sie öffentlich nur in Form von Statistiken fassbar sind. Und deren Wert hat ein kurzes Verfallsdatum. Am ehesten zu identifizieren sind sie mit dem Kriterium >>sozialversicherungspflichtig<<, doch auch dies ist recht unscharf. Aber man kann den Listen entnehmen, dass sich hier eine wahrhafte Durchseuchung abzeichnet, ohne Hoffnung auf eine ausreichende Immunität der Gesellschaft. Die neoliberale Rede vom parasitären Befall ist eher dem Unbehagen geschuldet als klare Diagnose. Wobei allerdings die hohe Virulenz nicht mehr zu leugnen ist.

Letzteres bereitet Sorgen. Diese Wesen, die zumeist ad hoc entscheiden, sind schwer zu fassen. Flexibilität ist ja schön und gut, sie sollte sich jedoch ausschließlich an den Erfordernissen des Marktes orientieren.

Dabei ist die charakteristische hohe Adaptionsfähigkeit der Wunschtraum der Chicago Boys, da wird sich nicht lange mit Forderungen an abstrakte – öffentliche -  Institutionen aufgehalten, es wird gehandelt. In ihm scheint sich auch die Marxsche Forderung: morgens fischen, mittags tischlern, abends kritische Kritik treiben, nun endlich zu materialisieren. Oh ja, richtig gelesen, sie sind durchaus nützlich (und gewinnbringend), das ist weitab von dem Westerwelleschen Dekadenzgestöhne. Es versöhnt die Verfechter der Subsistenzwirtschaft wie die Verteidiger der Basisbewegungen gleichermaßen.

Nun, mit dieser Spezies entstehen wenig Lohn“zusatz“kosten, kein Arbeitsgericht wird bemüht und keine Vertretung meint, sich an den gedeckten Tisch setzen zu müssen.

Und die Individuen sind noch welche, allein sich auf ihre Findigkeit verlassend. Sie akzeptieren Zeiten geringer und genießen Intervalle hoher Prosperität.

Doch alles, was sie auszeichnet macht sie auch verdächtig, denn sie erweisen sich als außerordentlich resistent gegenüber den Abgabenforderungen der staatlichen Stellen, sind praktisch nur für die Mehrwertsteuer wirklich erreichbar.

In der Regel verfügen sie über Freizeit, die genutzt werden will. Ferner sind sie ideale Konsumenten, da sie das, was sie so eben mal in der Tasche haben, gleich umsetzen.

Man sieht, es handelt sich wirklich um eine Weiterentwicklung, ohne Frage. Es spricht für die ungeheuer hohe Adaptionsfähigkeit unserer Spezies generell. Da sage noch einer, die Lage sei hoffnungslos, nix da!

Prekär sind nicht länger die Verhältnisse, es wird damit eine menschliche Eigenschaft beschrieben, die sich im Laufe der ökonomischen Evolution zum Mehrheitsmerkmal herausbildet – das ist doch mal eine gute Nachricht, na dann:

Prekarier aller Länder verweigern sich nicht!


Frankfurter Sensorium – Bilder (1)

FB54Abstieg ?

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FB52Creative Class ?

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FB53Träumerei ?


Kurze Berührung zweier Pole

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Imaginationen über Zentralafrika drehen sich bei Mitteleuropäern gerne um Kurz´ Grauen, das vor über 100 Jahren an die belgischen Gräuel um den Fluß Kongo herum erinnert. “Kongo” ergänzt Joseph Konrads “Herz der Finsternis” um drei weitere Wahrnehmungsraster, mit denen wir diese seltsame Gegend betrachten. Die Ökofreunde schauen gerne die netten Gorillas, Schimpansen und Waldelefanten im Fernsehen an, die meist von wagemutigen Amerikanern im undurchdringlichen, zweitgrößten Regenwald der Welt abgefilmt werden. Wohlfeile Empörung stößt kurz bei uns auf, wenn wir Nachricht oder Doku von den Massakern rund um die Rohstoffe im Osten Kongos rezipieren, Rohstoffe, nach denen wir gleichwohl unablässig gieren. Etwas vom alltäglichen afrikanischen Grauen kommt in die Stube bei Bildern aus dem urbanen Moloch im Westen, der Hauptstadt Kinshasa, mit fast 10 Millionen Einwohnern beherbergt sie eines der größten Slums der Erde.

Touristen vom Frankfurter Flughafen bewegen sich nie dort hin, die Angst ist gar groß, die Stadt bedrohlich, wie das Auge des Orkans im Zentrum Afrikas. Vor Jahren wagte sich aber eine mutige, sicherheitshalber schwerbewaffnete Kompanie der Bundeswehr zur “Wahlbeobachtung” nach Kinshasa, verbarrikadierte sich ein paar Monate in einer selbstgebauten Festung und verlies die schützende Einrichtung nur selten, wenn dann begleitet von einem dokumentierenden deutschen Fernsehteam. Die Bewohner drum herum bemerkten die tapferen Deutschen kaum, auch nicht die Hundettausenden von Kindern, Kranken, Behinderten und Kriegsversehrten, die in der Nachbarschaft auf der Strasse leben. Und das ist ein Stadtleben, von dem man sich am anderen Weltpol, der auch in Frankfurt liegt, wenig praktische Vorstellung macht.

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Klare Vorstellungen haben wir an unserem Erdpol aber davon, wen und was wir über die Grenze reinlassen: den Rohstoff für unsere Handys gerne, die armen Hungerleider, gar kranke Migranten auf keinen Fall.

Eine ganz seltene Ausnahme von diesen Regeln konnte Frankfurt letzte Woche erfahren, als nämlich am Dienstag die Musikertruppe “Staff Benda Bilili” im Palmengarten die Power vorführte, die in den Strassen Kinshasas verborgen liegt. Ihr Name ist Programm, denn er meint, dass die Protagonisten “das Verborgene sichtbar” machen möchten. Die 8 Musiker arbeiten mit dem Rumba Kongos als Troubadoure der Slums Kinshasas, möchten die Bewegungen des Alltags dort als Journalisten erkunden und ihre Psychogeografie hörbar machen, erklingen lassen.  Der Frankfurter Pol könnte jetzt mit einigem Neid resümieren, dass Staff Benda Bilili wirkliche Journalisten sind, denn unsere hier verstärken zu oft bloß das bereits Sichtbare, das allzu Bekannte.

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Ihnen wurde die Überquerung der EU-Grenzen erlaubt. Noch erstaunlicher: die Musiker und Berichterstatter sind Behinderte und Jugendliche, eine Alterspanne zwischen 17 und 55, auf der Bühne in Rollstühlen, mit Instrumenten aus Blechresten, die zusammen fast in einem einzigen Koffer im Flugzeug unterzubringen sind. Es sei gewarnt, es war kein Betroffenheitskonzert: fast 2 Stunden entwickeln Staff Benda Bilili auf der Bühne eine unglaubliche Dynamik, mit atemberaubenden Stimmen, dem Kreischen der selbstgebauten Blechgitarre und bei ihrem Tanz mithüpfenden Rollstühlen. Das Palmengartenpublikum ist hingerissen, am Ende tanzen gleich Hunderte mit.

Staff Benda Bilili ist von hier aus zu wünschen, dass ihre politische und kulturelle Arbeit in Kinshasa, im Kongo viele Früchte trägt, wir können davon lernen, von Stadt zu Stadt.


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