Frankfurter Gemeine Zeitung

Stadtfauna – 3

Es war einmal ein grosser Marketing-Stratege, der sass an einem schönen Nachmittag an seinem ebenso schönen Schreibtisch bei einem frischen Espresso in seinem sonnendurchfluteten Büro, schaute sinnend über die Stadt und auf ein Bildchen, das den Titel hatte: errechnete Bevölkerungsübersicht 2010.

Bestagers

Er war ein vorausschauender Mensch, eigentlich noch viel Zeit bis dahin, aber bei der Rasanz heutiger Entwicklungen.

Es waren die Jahre des Baby-Booms, der Vollbeschäftigung und er hatte eine Eingebung: „Lass’ die alle mal 50+ sein.“ Ein leichter Hauch strich ihm über die Stirn – die Muse hatte sich ihm zugewandt.

Er träumte von spezifischen Angeboten und Produkten für diese neue Spezies, die da entstand und vor seinem dritten Auge Gestalt annahm:

BestAgers.

Reife Kunden mit sicherer Stellung und Rentenanspruch. Die Zukunft konnte beginnen. Glanz und Wachstum erhellten den Horizont, Milch und Honig flossen reichlich.

Für diesen neuen Stamm in unserer Mitte gestaltete er Anti-Aging Cremes und Lotions, erfand anti-blähende Joghurts, baute und makelte die luxuriösen Quartiere von Kronberg bis zum Westhafen, die Dachwohnungen der angesagten Viertel, die neuesten SUV’s, mit denen die Angehörigen dieser Spezies zum Stylisten fahren.

Die schöne neue Welt der besten Jahre. Die einzige Gefährdung, die dieses zarte Pflänzchen ernsthaft bedroht: seine eigenen  Anlagenberater.

Ja und der dunkle Stamm.

Denn leider hatte unser Prophet den dunklen Zwilling hinter der Lichtgestalt nicht gesehen, es hatte sich ein zweiter nahezu identischer Stamm entwickelt.

Ein neuerlicher Spaziergang durch die Stadt enttarnte diese weitere Unterart unserer (?) Spezies. Nur, wie sie von den Lichtgestalten unterscheiden. Zuerst brauchen sie eine Klassifikation,

Best!Agers,

das klingt gut und macht dem Erfinder Ehre. Die Unterscheidung zu seinem lichten Zwilling „(!)“, dieses Ausrufezeichen, deutet zart an: Vorsicht! Sehr subtil.

Irgendwie muss deren Entwicklung mit dem zusammenhängen, was so unter demografischem Wandel verstanden werden soll.  In welche Richtung da die Tendenz geht, ist allerdings nicht so klar. Einmal hält der Einzelne einfach länger, zum anderen ist eigentlich kein Platz mehr da. Zumindest, wenn er nicht vorher bezahlt ist.

Das Dilemma mit den dunklen Zwillingen ist, sie dürfen sich noch einiger Jährchen sicher sein und fühlen sich auch nicht schlecht. Das sieht man schon daran, wie sie ihre Bahnen morgens im Brentanobad ziehen, sich ansonsten auf der Liegewiese diese gesunde Bräune holen, die unerlässlich bei einem Vorstellungsgespräch ist. Sie pochen darauf, dass es ihnen nicht an dem mangelt, was wir früher mal mit „Berufserfahrung“ umrissen haben, heute jedoch mehr und mehr eine zweifelhafte Kategorie geworden ist.

Ihre biologische Leistungsfähigkeit steht nicht in Zweifel, eben das ist das Problem. Wie es dagegen mit ihrer sozialen Nützlichkeit ausschaut, das steht auf einem anderen Blatt.

Zum einen ist da eine gewisse Beharrung auf die bereits erwähnte „Berufserfahrung“, zum anderen muss man schon sagen, dass die Lernfähigkeit aus eben diesem Grunde doch als eingeschränkt bezeichnet werden muss. Ganz zu schweigen, dass sie für sich einen bestimmten Lebensstandard beanspruchen, von dem sie meinen, sie hätten ein Anrecht darauf erworben. In der Regel sind sie zudem noch recht gut informiert, weswegen ihre Enttarnung auch nicht so ohne weiteres möglich ist.

Diese Ausgeburt der Postmoderne stellt jede Gemeinschaft vor Probleme, vor allem, da gewisse moralische Positionen eine durchgreifende Lösung verhindern. Appelle an die Einsicht dieser Sub-Spezies richten da wenig aus.

Nicht nur, dass sie immer grössere Teile dessen konsumieren, was doch für die nächste Generation gedacht war, die jetzt unseren Wohlstand garantiert, sie tritt unmittelbar in Konkurrenz mit ihr. Ihre Verkommenheit geht dabei so weit, dass sie minder qualifizierte Jobs durchaus zu akzeptieren bereit scheint, nur um so zu belegen, dass ihr die Daseinsberechtigung nicht abzustreiten sei.

Es will diesen Best!Agers einfach nicht in den Kopf, dass sie dort stehen, wo sie stehen, weil man auf sie dankend verzichten kann. So zwingen sie Staat und Gesellschaft, sie mitzutragen. Ganz zu schweigen von den noch beschäftigten erfahrenen Leistungsträgern (BestAgers), ihre Angst, in diese (dunkle) Sub-Spezies zu wechseln oder auch nur mit ihr verwechselt zu werden, lässt sie an ihren Stühlen kleben und so die dringend benötigten Plätze für unsere hoffnungsfrohe Jugend unerreichbar werden.

Wie lange werden wir uns das leisten können?

Der gut gemeinte Umgang mit ihnen kann nie mehr sein als der Versuch, die negative Bilanz, die Best!Agers schliesslich verkörpern, einigermassen erträglich zu gestalten.

Das Zureden der Agenturen, Mitglieder dieser Gruppe als eine Art Maskottchen zu beschäftigen, entweder als stete Mahnung oder als Symbol der sozialen Errungenschaften, beseitigen keine einzige ökonomische Zwangslage und können in der erreichten Massenhaftigkeit auch nicht mehr lang bestehen.

Die Versuche, Best!Agers zu überreden, wenigstens dann, wenn alle Strategien gescheitert sind, endlich das zu tun, was ihrem Alter entspricht, Enkel zu hüten, Eltern und Parks zu pflegen, müssen mit allem Nachdruck erfolgen. Der Starrsinn, immer noch mitmischen zu wollen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass trotz aller Anti-Aging Cremes, ihr Platz im Hause ist.

So werden sie sich weiter in Schwimmbädern neben ihre Lichtzwillinge legen, die Überschüsse verzehren, in Vermittlungsagenturen ein- und ausgehen. Und ihre Lebenserwartung auch noch steigern.

Hoffentlich habe ich die Ausrufezeichen alle richtig gesetzt.


Ein Kommentar zu “Stadtfauna – 3”

  1. Dussel

    Die “Stadtfauna” gibt schöne Skizzen von Frankfurts Bewohnern und ihrer Träume. Gibt es da noch mehr ?

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