Frankfurter Gemeine Zeitung

Der gute Fürst (1)

Auf dem Weg zur „Spendergesellschaft“ mit Billy Gates

Wir alle kennen die vielen Mythen und Erzählungen über „goldene Zeitalter“ und „weise Fürsten“ und vielerorts werden gewaltige Feste zu ihrer Erinnerung abgehalten. Je weiter weg die Ereignisse, umso strahlender die Erzählungen. Und es könnte darum gehen, zu Lebzeiten „Denkmal zu sein“, statt erst nach dem Tode. Diese Perspektive ist bereits genug Anlass zu grosser Medien-Hype. Doch abseits dieses Rummels ist es nicht in erster – und zweiter – Linie die Motivation der Spender und auch nicht die Tatsache der Spende, die uns beschäftigen sollten, sondern zu was die „Spende“ herhalten muss – und welche Form ihr letztlich gegeben wird.

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Das altbekannte Almosen lässt dem Empfänger – trotz möglicher begleitender moralischer Appelle – die völlige Freiheit, eine Gegenleistung wird nicht erwartet (es sei in Form beschleunigten Zutritts zum Paradies) und seine Verwendung bleibt dem Empfänger überlassen. Spenden zeichnen sich dadurch aus, dass sie gebunden sind, in welcher Form auch immer. Und auch mit dem bekannten Mäzen sollte der postmoderne Spender nicht verwechselt werden.

Die Apologeten des Neoliberalismus schreien auf vor Begeisterung, ist für sie doch der Beweis erbracht, dass die Vollendung des Menschen erreichbar ist, nur der Kapitalismus den Eigennutz letztlich zum Wohle der Zivilgesellschaft umformen kann, und dies auch nur dann, wenn dem Kapitalisten die ultimative Freiheit gewährt wird. Deutschlands Tele-Philosoph Peter Sloterdijk hat endlich die „Planer seines Menschenparks“ gefunden, Sozialdemokraten alter Schule dagegen meinen, das hätte man einfacher haben können mit höherem Spitzensteuersatz und Vermögenssteuer, vergessen darüber, dass sie dies alles gerade mal abgeschafft haben.

Skeptisch-kritische Geister sehen aber doch den Einstieg in eine mächtige „Zivilgesellschaft“ über generöse Spenden.

Nur: die hier zur Schau gestellte Philanthropie ist auch nicht mehr mit der einst bekannten zu vergleichen.

Nun ja, eine „Zivilgesellschaft” gibt es auch dann, wenn nur eine Minderheit Zugang zu ihren Institutionen hat und ihren Diskurs bestimmt, das zeigte bereits die Demokratie des klassischen Athen und ihre Sklaven.  Und wenn deren Mitglieder in „Social Investments“ einsteigen und „Social Capital“ einbringen, dann steckt schon in diesen Begriffen die Frage nach der Rendite, oder, wenn man nicht ganz so weit gehen will, dann wenigstens, dass die Spender sicher gehen wollen, diese Einlage in ihrem Sinne verwendet zu sehen.

Der von den Superreichen bezeugte Gestaltungswille sagt letztlich nicht viel über die Ziele aus. Die hochgejubelte „Freiwilligkeit“, die die Einsichtsfähigkeit des Spenders in allgemeine Notwendigkeiten genauso beweisen soll wie die Angemessenheit seiner gesellschaftlichen Stellung, vermittelt auch keine tieferen Einsichten. Diese Freiwilligkeit ist überaus einseitig – und ambivalent.

Und wie bei den verherrlichten Fürsten lässt man die Frage nach den Machtverhältnissen ausser acht, das steckt quasi im System, denn genau ihre Anhäufung und Entfaltung macht die Spende ja erst möglich.

Das Argument, mit der Gabe mehr Kontrolle über deren Verwendung zu haben als es der Weg über Steuern erlaubt, ist ernst zu nehmen, denn: dieser Satz gilt gilt nur für wenige. Eine „Spendergesellschaft à la Sloterdijk“ ist per se weder gerecht noch zwangsneutral, kann sie auch nicht sein, weil das gerade nicht Sinn der Spende ist. Hier ist nicht die Rede von den 50 Cent, die man dem Bettler vor dem Supermarkt in den Plastikbecher wirft.

Spenden dieser Grössenordnung verlangen Institutionen, die ihre Anwendung überprüfen, Zielvorstellungen vermitteln und deren Erlangung genau regeln. In der Regel sind dies Stiftungen. Wir sehen hier einmal davon ab, dass Stiftungen gerade ein bevorzugtes Mittel zur Steuerhinterziehung waren und sind bzw. zum Verstecken der eigentlichen Ziele dienten. Das heisst, mit ihnen wurden der Allgemeinheit Mittel entzogen, egal wie hoch der Steuersatz. Hier sind wir trotzdem am Kernpunkt: der Frage nach der üblichen Praxis dieser Einrichtungen.

Die Verfassungen von Stiftungen geben hier nur bedingt Auskunft, denn sie sagen nicht viel über die Zugänglichkeit ihres Fördersystems und die Bedingungen, unter denen innerhalb der Förderung gearbeitet werden muss.

Zweierlei darf man dabei nicht aus den Augen verlieren: Stiftungen sind bestrebt, ihren Bestand zu halten, Mittel einzuwerben, den Vorstellungen ihre Finanziers zur Geltung zu verhelfen und sie sind, abseits konkreter Rechtslage, private Unternehmungen. Und das hat Folgen, wie später gezeigt wird.

Stiftungen - wie sie besonders in Frankfurt Tradition haben – sind letztlich elitäre Veranstaltungen, dies ist kein Einwand, eher eine banale Feststellung. Entscheidungen bzw. die Richtlinien dafür werden von einigen Honoratioren-Clubs getroffen, deren Mitglieder sorgfältig ausgewählt wurden und den Sachverstand wie das tiefere Wissen um die Notwendigkeiten für sich beanspruchen. Ihre augenfällige politische Abstinenz ist dabei Kennzeichen, ihren Einfluss nachhaltig politisch geltend zu machen. Man muss schon begeisterter Anhänger von Gelehrten-Tyrannis sein, um diesen Verfahren vorbehaltlos zuzustimmen – oder eben Mitglied im Club.

Nach diesen einleitenden Bemerkungen kommen wir jetzt zum aktuellen Anlass, Bill Gates. Hier geht es nicht um ein bisschen „Gut-Menschelei“, hier geht es um Übernahme. Propagandistisch als Übernahme von Verantwortung, die dieser privilegierten Schicht zufällt, zufallen muss. Und keiner weiss besser als er, dass diese Übernahme Erfolge braucht. Für Erfolge sind zwei Bedingungen essentiell: Geld und Macht. Die Bill & Melinda Gates Foundation gibt das Beispiel, ein Blick in die Zukunft der Spendergesellschaft. Mit ihr betritt ein Spieler das Parkett, der ebenso subtil wie mit atemberaubender Geschwindigkeit die Diskurs-Hoheit an sich reisst. Das gilt in internationaler Ökonomie und Politik, der Gesundheitsversorgung, der Beratung wie der Wissenschaft

Bill Gates bietet nun keineswegs eine narzisstische „Performance“ in philanthropischem Gewande, das wäre ihm auch nicht genug, er liefert ein Gesellschaftsmodell, das quer durch die Sphären hindurch wirken soll. Als Gallionsfigur der wahrhaft globalen Klasse ruft er seine Klassen-Genossen zum Mitmachen auf.

Es spricht für das angestrebte Modell, dass er keine theoretischen Begründungen liefert, er macht. Zum Beleg der Rationalität seiner Thesen herzt er Säuglinge, die in einem dieser Projekte betreut werden. Basta. Das erzeugt Zustimmung. Im Glanze dieser Bilder verblassen die Fragen, die zu ergründen suchen, wie es denn möglich ist, dass neben so viel Reichtum dieses Elend derart massenhaft immer weiter existieren kann.

Im nächsten Abschnitt dieses Essays wird versucht, wie über Spenden und Stiftungen das „Public-Private-Partnership“ Einzug hält und äusserlich kaum erkennbar unsere Institutionen transformiert – abseits demokratischer Verfahren. Das gilt für Universitäten wie für NGO bis zur WHO.


Frankfurter Sensorium – Bilder (2)

Die Letzte Ferienwoche: von Bornheim bis Ginnheim

Kerb11Bernemer Identitätsbildung ?

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Kerb08Ambiente am Bernemer Mittwoch

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Städtisches Biotop


Webtainment – eine Zustandsmeldung

Microsoft kommt nur noch über den Spendenmogul Bill Gates in die Tagesschau und Apple bewegt erregte Spätteenies, die einem Steve Jobs auf der Suche nach hippen Gadgets an den Lippen hängen. Google aber erstrahlt in echter Techno-Kreativität, verhandelt mit Staaten, wälzt Arbeitsalltag bis Lebenswelt mit vielen gewitzten Tools um: wir suchen, lesen, senden und empfangen, wir forschen, übersetzen, shoppen und bloggen mit Google. Rundumservice am Schreibtisch.

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Das Draussen sieht man vom Notebook aus trotzdem gut, manchmal sogar besser, denn besonders lieb gewonnen haben wir die Karten, Googles große Übersichten, mit denen wir uns in komplizierter Welt besser zurechtfinden. Map und Earth heißen sie, die Anzeige von Adressen und das Routenfinden bieten sie, plus schöne Photos, Geschäfte und Restaurants, wichtige Sehenswürdigkeiten und passende Reise-Tours, mit 3-D-Schwenk und einem Blick wie im Landeanflug. Wichtiger Clou am feinen Service: in all dem Kartenwerk verstecken sich Hinweismarken zu netten Netz-Portalen, mit vollem Zutritt zu Angeboten für den Webuser.

Aber all das bleibt noch rudimentär, der Surfer, d. h. eigentlich alle wollen doch wissen: wie siehts da in den Karten denn wirklich aus ? „Street View“ heißt Googles Antwort, mit ihm sehen wir nicht nur Sattelitenfotos, sondern können auf Sichtweite durch Straßen fahren, virtuelle Spaziergänge machen. Ein Ökoparadies, kein Spritverbrauch, nur virtueller Urlaub. Nicht aus Angst vor Touristenverlust, sondern wegen übertriebener Sichtbarkeit sind einige dagegen, die Google-„Sicht“ verletzt angeblich „Privatheit“, gar das hohe Gut des Eigentums. Der wiederholte Blick auf den Vorgarten, die Gardinen oder das Garagentor erzeugt Aufregung, gewiß etwas zu viel „Angst“. Gemach, die Rosen, der gelbe Anstrich und der Säuleneingang verraten vermutlich nicht sonderlich viel.

Begreifen wir Street View deshalb als eine Verbesserung des Stadtzugangs: Google  ergänzent die Infobasis für die Stadt, man sieht bereits vorher den Eingang zum Rathaus oder zur Arbeitsagentur, muß nicht verstört in den Straßen umherirren: wo steht bloß die Hausnummer? Das sieht auch die TAZ so, das grünliberale Leitmedium bejubelt den neuen Service als weiteren Schritt zum echten Webtainment, dem freudigen Erlebnis, das die wirkliche Welt einbezieht. Virtuelles Sightseeing und Shopping als Marketingmaßnahme: ich sehe die Lage des Hotels vor der Buchung, die der angebotenen Eigentumswohnung vor der Besichtigung, kann die Einfahrt zum Parkplatz der Shoppingmall vor dem Besuch aufspüren. Wie schön funktioniert auch Städtewerbung übers Web, ein Stück mehr Sicherheit, mehr Kundennähe, Webtainment. Die Gäste bleiben nicht weg, sondern kommen – wie gut dass wir die TAZ haben.

Lob-Avatar

Sasha Lobo – der erste wirklich lebendige Netz-Avatar – dient der Frankfurter Rundschau als Kontrastmittel zur View-Phobie. Das Recht auf Öffentlichkeit sieht Lobo im View verwirklicht, wir dürfen doch schließlich unsere Städte noch fotografieren: deshalb können wir sie wohl auch anschauen, wir alle. Und Lobo möchte den Schreibtisch weiter in die Öffentlichkeit einbauen, respektive die Öffentlichkeit ins Notebook packen. Aber es gehört schon eine besondere Einstellung dazu, wie er danach zu streben, dass täglich ein paar hundert Leute ins eigene öffentliche Fenster fotografieren. Natürlich muß Lobo mit seinem persönlichen Life-Branding das toll finden: um so mehr Neugierige ihn tagaus, tagein vor und im Bett digital einfangen, desto größer sein Markenwert.

Kommen wir zu den vielen schönen Möglichkeiten, die sich aus Googles und Lobos Visionen zusammen mit dem Street View bieten. Die pfiffige Techno-Kombinatorik, mit Datenmengen und Computerpower der Firma Google lässt wenig Wünsche offen. “Öffentlichkeit” spinnt sich mit ihr gut im Sinn vieler Web-Nerds weiter: was spricht denn eigentlich gegen Shopping-Vorschläge durch Google, wenn die Firma schon unsere Kontakte, Vorlieben, Reisen und vieles mehr kennt? Mit View kommt alles noch schöner rüber: wir werden direkt an die Auslagen der ausgewählten Geschäfte geführt, können durch die Scheiben blicken oder den Webshop betreten. Bezahlt wird später.

Eine neue Web-Öffentlichkeit entfaltet sich weiter, wenn wir den Platz im Gartenrestaurant besichtigen und buchen, vielleicht im Chat Hand-in-Hand durch die Web-Strassen flanieren, gemeinsam die Mall betreten und andere auf die schönen, von Google empfohlenen Angebote für unser City Viewing hinweisen: „Wir erwarten euch zum Cappuccino an diesem Tisch in der Ecke“.   Virtuelles Public Viewing.

Der Weg zu echten öffentlichen Handlungen als Publictainment, der medien-politischen Stufe des Webtainments, dem Kern von Netz-Utopie und Web-Community ist jetzt nicht mehr weit. Warum bloß zu zweit die Auslagen ansehen, wenn man mit vielen im Street-View chatten, die City-Web-Öffentlichkeit easy bevölkern kann. Vermutlich trifft es das Publictainment passender als manche linke Netz-Community- und Wissen-für-alle-Utopien, es bietet deren Wirklichkeit.

Weiter: wozu noch Flash-Mobs, wenn die Google-Street-Mobs viel schneller, praktischer aktivierbar sind: jeder muß am Platz nur sein Fähnchen schalten, im Street-View wird’s sichtbar, die gewünschte Öffentlichkeit ist erreicht. Und es geht so leicht !

Warum an dieser Stelle verharren, das kann doch für alle Demonstrationen, für öffentliche Versammlungen gelten: mit höherer Sicherheit, leichterer Aktivierung, größerer Öffentlichkeit, und niemandem tuts weh.

Das grade populäre „Recht auf Stadt“, eine Forderung nach städtischem Zugang für alle ihre Bewohner wird völlig neu denkbar, ganz einfach realisierbar: alle können schließlich im Web flanieren, der Ärger ist vorbei, Privatisierung kein echtes Problem mehr.

Spinnen wir noch etwas weiter, Google arbeitet ja an der globalen „künstlichen Intelligenz“. Eine AI-Politik steht kurz vor der Tür: das automatische Erzeugen der Öffentlichkeit nämlich – die nötigen Daten sind doch da. Natürlich ist es öffentlich, in welchen Büchern ich lese („Google Bücher“), besonders für Google: wer kennt deshalb meine politischen Wünsche besser als sie ? Warum dann selbst den Google-Street-Flash-Mob wählen, ein „Google Decider“ könnte das für mich viel schneller erledigen. Tja, die hübsche Technik, einfach benutzen !

Mehr noch wäre vorstellbar: wie schön man die Öffentlichkeiten zu- und abschalten könnte, einfach über Kreuzchen, da ist sie und wieder weg. Nicht nur alle 4 Jahre wie beim “Wählen”, sondern jederzeit, oder von anderen für manche, oder für viele, gar alle – ausser denen mit der nötigen Übersicht und Einsicht. Und denen mit Geld, für dieses und jenes. Welche neuen Möglichkeiten von Öffentlichkeit, und so leicht zugänglich, eine Mitmachöffentlichkeit am Schreibtisch mit der Kreditkarte. Im Flat-Package zu kaufen, mit Rabatt, zahlbar nach Freischaltung.

Sicher, schwarz gemalt, deshalb schnell vergessen und darauf hingewiesen, dass ich nächste Woche noch beim Thema bleibe und einige neue Einsichten auf unserem Weg zum postmodernen Wissensmenschen bespreche. Öffentlich.


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