Frankfurter Gemeine Zeitung

Webtainment – eine Zustandsmeldung

Microsoft kommt nur noch über den Spendenmogul Bill Gates in die Tagesschau und Apple bewegt erregte Spätteenies, die einem Steve Jobs auf der Suche nach hippen Gadgets an den Lippen hängen. Google aber erstrahlt in echter Techno-Kreativität, verhandelt mit Staaten, wälzt Arbeitsalltag bis Lebenswelt mit vielen gewitzten Tools um: wir suchen, lesen, senden und empfangen, wir forschen, übersetzen, shoppen und bloggen mit Google. Rundumservice am Schreibtisch.

street view - 1

Das Draussen sieht man vom Notebook aus trotzdem gut, manchmal sogar besser, denn besonders lieb gewonnen haben wir die Karten, Googles große Übersichten, mit denen wir uns in komplizierter Welt besser zurechtfinden. Map und Earth heißen sie, die Anzeige von Adressen und das Routenfinden bieten sie, plus schöne Photos, Geschäfte und Restaurants, wichtige Sehenswürdigkeiten und passende Reise-Tours, mit 3-D-Schwenk und einem Blick wie im Landeanflug. Wichtiger Clou am feinen Service: in all dem Kartenwerk verstecken sich Hinweismarken zu netten Netz-Portalen, mit vollem Zutritt zu Angeboten für den Webuser.

Aber all das bleibt noch rudimentär, der Surfer, d. h. eigentlich alle wollen doch wissen: wie siehts da in den Karten denn wirklich aus ? „Street View“ heißt Googles Antwort, mit ihm sehen wir nicht nur Sattelitenfotos, sondern können auf Sichtweite durch Straßen fahren, virtuelle Spaziergänge machen. Ein Ökoparadies, kein Spritverbrauch, nur virtueller Urlaub. Nicht aus Angst vor Touristenverlust, sondern wegen übertriebener Sichtbarkeit sind einige dagegen, die Google-„Sicht“ verletzt angeblich „Privatheit“, gar das hohe Gut des Eigentums. Der wiederholte Blick auf den Vorgarten, die Gardinen oder das Garagentor erzeugt Aufregung, gewiß etwas zu viel „Angst“. Gemach, die Rosen, der gelbe Anstrich und der Säuleneingang verraten vermutlich nicht sonderlich viel.

Begreifen wir Street View deshalb als eine Verbesserung des Stadtzugangs: Google  ergänzent die Infobasis für die Stadt, man sieht bereits vorher den Eingang zum Rathaus oder zur Arbeitsagentur, muß nicht verstört in den Straßen umherirren: wo steht bloß die Hausnummer? Das sieht auch die TAZ so, das grünliberale Leitmedium bejubelt den neuen Service als weiteren Schritt zum echten Webtainment, dem freudigen Erlebnis, das die wirkliche Welt einbezieht. Virtuelles Sightseeing und Shopping als Marketingmaßnahme: ich sehe die Lage des Hotels vor der Buchung, die der angebotenen Eigentumswohnung vor der Besichtigung, kann die Einfahrt zum Parkplatz der Shoppingmall vor dem Besuch aufspüren. Wie schön funktioniert auch Städtewerbung übers Web, ein Stück mehr Sicherheit, mehr Kundennähe, Webtainment. Die Gäste bleiben nicht weg, sondern kommen – wie gut dass wir die TAZ haben.

Lob-Avatar

Sasha Lobo – der erste wirklich lebendige Netz-Avatar – dient der Frankfurter Rundschau als Kontrastmittel zur View-Phobie. Das Recht auf Öffentlichkeit sieht Lobo im View verwirklicht, wir dürfen doch schließlich unsere Städte noch fotografieren: deshalb können wir sie wohl auch anschauen, wir alle. Und Lobo möchte den Schreibtisch weiter in die Öffentlichkeit einbauen, respektive die Öffentlichkeit ins Notebook packen. Aber es gehört schon eine besondere Einstellung dazu, wie er danach zu streben, dass täglich ein paar hundert Leute ins eigene öffentliche Fenster fotografieren. Natürlich muß Lobo mit seinem persönlichen Life-Branding das toll finden: um so mehr Neugierige ihn tagaus, tagein vor und im Bett digital einfangen, desto größer sein Markenwert.

Kommen wir zu den vielen schönen Möglichkeiten, die sich aus Googles und Lobos Visionen zusammen mit dem Street View bieten. Die pfiffige Techno-Kombinatorik, mit Datenmengen und Computerpower der Firma Google lässt wenig Wünsche offen. “Öffentlichkeit” spinnt sich mit ihr gut im Sinn vieler Web-Nerds weiter: was spricht denn eigentlich gegen Shopping-Vorschläge durch Google, wenn die Firma schon unsere Kontakte, Vorlieben, Reisen und vieles mehr kennt? Mit View kommt alles noch schöner rüber: wir werden direkt an die Auslagen der ausgewählten Geschäfte geführt, können durch die Scheiben blicken oder den Webshop betreten. Bezahlt wird später.

Eine neue Web-Öffentlichkeit entfaltet sich weiter, wenn wir den Platz im Gartenrestaurant besichtigen und buchen, vielleicht im Chat Hand-in-Hand durch die Web-Strassen flanieren, gemeinsam die Mall betreten und andere auf die schönen, von Google empfohlenen Angebote für unser City Viewing hinweisen: „Wir erwarten euch zum Cappuccino an diesem Tisch in der Ecke“.   Virtuelles Public Viewing.

Der Weg zu echten öffentlichen Handlungen als Publictainment, der medien-politischen Stufe des Webtainments, dem Kern von Netz-Utopie und Web-Community ist jetzt nicht mehr weit. Warum bloß zu zweit die Auslagen ansehen, wenn man mit vielen im Street-View chatten, die City-Web-Öffentlichkeit easy bevölkern kann. Vermutlich trifft es das Publictainment passender als manche linke Netz-Community- und Wissen-für-alle-Utopien, es bietet deren Wirklichkeit.

Weiter: wozu noch Flash-Mobs, wenn die Google-Street-Mobs viel schneller, praktischer aktivierbar sind: jeder muß am Platz nur sein Fähnchen schalten, im Street-View wird’s sichtbar, die gewünschte Öffentlichkeit ist erreicht. Und es geht so leicht !

Warum an dieser Stelle verharren, das kann doch für alle Demonstrationen, für öffentliche Versammlungen gelten: mit höherer Sicherheit, leichterer Aktivierung, größerer Öffentlichkeit, und niemandem tuts weh.

Das grade populäre „Recht auf Stadt“, eine Forderung nach städtischem Zugang für alle ihre Bewohner wird völlig neu denkbar, ganz einfach realisierbar: alle können schließlich im Web flanieren, der Ärger ist vorbei, Privatisierung kein echtes Problem mehr.

Spinnen wir noch etwas weiter, Google arbeitet ja an der globalen „künstlichen Intelligenz“. Eine AI-Politik steht kurz vor der Tür: das automatische Erzeugen der Öffentlichkeit nämlich – die nötigen Daten sind doch da. Natürlich ist es öffentlich, in welchen Büchern ich lese („Google Bücher“), besonders für Google: wer kennt deshalb meine politischen Wünsche besser als sie ? Warum dann selbst den Google-Street-Flash-Mob wählen, ein „Google Decider“ könnte das für mich viel schneller erledigen. Tja, die hübsche Technik, einfach benutzen !

Mehr noch wäre vorstellbar: wie schön man die Öffentlichkeiten zu- und abschalten könnte, einfach über Kreuzchen, da ist sie und wieder weg. Nicht nur alle 4 Jahre wie beim “Wählen”, sondern jederzeit, oder von anderen für manche, oder für viele, gar alle – ausser denen mit der nötigen Übersicht und Einsicht. Und denen mit Geld, für dieses und jenes. Welche neuen Möglichkeiten von Öffentlichkeit, und so leicht zugänglich, eine Mitmachöffentlichkeit am Schreibtisch mit der Kreditkarte. Im Flat-Package zu kaufen, mit Rabatt, zahlbar nach Freischaltung.

Sicher, schwarz gemalt, deshalb schnell vergessen und darauf hingewiesen, dass ich nächste Woche noch beim Thema bleibe und einige neue Einsichten auf unserem Weg zum postmodernen Wissensmenschen bespreche. Öffentlich.


Bisher keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.