Frankfurter Gemeine Zeitung

Ein Lehrstück in Zynismus

Taliban-Nase

Was hat das Mädchen auf dem Titelblatt des Time-Magazine im Gesicht? Antwort: Das Sommerloch

Dieser Satz ist natürlich zum Einen zynisch und zum Anderen nicht zutreffend. Wie jeder verständige Mensch gemerkt hat, handelt es sich hierbei nicht um einen harmlosen Sommerlochfüller, sondern um eine eindeutige Propagandabotschaft, mit dem Ziel, den Betrachter in Etwas zu locken, dass ich die Empathie-Falle nennen möchte.

Das verstümmelte Gesicht einer ansonsten hübschen jungen Frau löst verständlicherweise eine starke empathische Reaktion in Form von Mitleid und Wut aus.

Diese Reaktion erleben wir regelmäßig, wenn in Medien ein besonders schweres Einzelschicksal ins öffentliche Rampenlicht rücken.

Und grundsätzlich ist Mitleid die einzig adäquate Reaktion, denn auch wenn der olle Nietzsche das Mitleid in Bausch und Bogen verdammt haben mag, würden wir ohne die menschliche Fähigkeit zum Mitleid wahrscheinlich in der schlechtesten aller möglichen Welten leben.

Das Problem ist nur:

Die Betrachtung eines Einzelschicksals lässt den Blick für das größere Ganze verschwimmen.

Denn könnte man nicht auch genügend Einzelschicksale anführen, in denen Zivilisten durch Angriffe der NATO-Truppen grausam entstellt wurden?

Und haben sich die Verhältnisse in Afghanistan und seinem Nachbarland der Atommacht Pakistan nicht zusehends verschlechtert, seit die NATO mit gewaltigem finanziellen und personellen Aufwand dort einmarschiert sind?

Tatsache ist auch:

Die Berichterstattung über ein Einzelschicksal liefert dem Leser nur ein Minimum an tatsächlich relevanter Information und ein Maximum an emotionaler Involviertheit.

Ein Leser sollte sich daher vorsehen, so bald ihm ein rührseliges Einzelschicksal medial auf breiter Front präsentiert wird.

Denn dann kann man sich sicher sein: Hier wird manipuliert! Hier wird Angst geschürt! Hier werden emotionale Überreaktionen, statt rationaler Faktenentscheidungen gefördert.

„Der arme kleine Kevin/Hans/Leonard/XYZ wurde grausam vergewaltigt.“

„Der Schüler XYZ lief in seiner Schule Amok und tötete N Menschen“

Shit happens…

Gesamtpolitisch wären solche Einzelschicksale völlig bedeutungslos, wenn sie nicht eine derart starke Massenreaktion auslösen würden.

Und solche Massenreaktionen führen sehr schnell zum Ruf „Da MUSS man doch was tun.“

So wurde und wird allerlei politischer Unfug durchgedrückt, von der Einschränkung von Bürgerrechten bis hin zum Beginn von Kriegen.

Man denke da nur einmal an die „Brutkasten-Lüge“, die damals den Ausschlag in der amerikanischen Bevölkerung gab, den ersten Irakkrieg zu beginnen.

Auch der elfte September stellt so eine Art Einzelfall dar. Zwar waren bei Weitem nicht nur einzelne Menschen Opfer dieser Tragödie, doch blieb auch nach den verheerenden Anschlägen die Gefahr innerhalb eines Landes der westlichen Welt an einem Terroranschlag zu sterben, extrem gering.

Realistischer ist es, einer Wespenstichallergie zu erliegen, wobei trotzdem noch niemand auf die Idee kam, Krieg gegen die Wespen zu führen.

Man stelle sich vor, die USA hätten nach dem Anschlag mit den Schultern gezuckt und sich wieder dem Tagesgeschäft zugewandt.

Man stelle sich einmal vor, man hätte nur nüchtern und sachlich darüber berichtet und weiter kein großes Aufhebens darum gemacht.

Man stelle sich vor George W. Bush hätte sich mit der folgenden Videobotschaft an Osama Bin Laden gewandt:

„Ihr habt uns zwar das World-Trade-Center zerstört und fast 3000 unserer Bürger getötet, aber wir lassen uns nicht einschüchtern. Wenn Ihr glaubt, dass wir jetzt zu irgendwelchen Panikreaktionen greifen, dann habt Ihr Euch verkalkuliert! Wir machen weiter wie bisher. Durchsage Ende.“

Dies wäre wohl der denkbar größtmögliche PR-technische Super-GAU für den Terrorismus schlechthin.

Stell Dir vor, wir legen eine Bombe und keinen kümmerts.

Die RAF hätte damals wohl nach einem halben Jahr resigniert aufgegeben.

Stattdessen aber folgten die Panikreaktionen. Und die Panik ist der größte Feind von Demokratie und Aufklärung überhaupt und dabei sogar noch gefährlicher als der religiöse Wahn.

Notstandsgesetze sind die Grundlage auf der Willkür und Gewaltherrschaft sich legitimieren können.

Und ein permanenter Kriegszustand hält die Massen gefügig, wie auch George Orwell in seinem Roman 1984 sehr treffend dargestellt hat.

Doch während die westliche Welt in rasender Panik von einem kontraproduktiven militärischen Abenteuer ins andere taumelt, kann die Diktatur China ihren geostrategischen Einfluss mit einer unaufgeregten aber listigen Außenpolitik ungehemmt ausweiten.

Gratulation dazu an die Herren Scharfmacher! In zwanzig Jahren werden wir uns für diese politischen Entscheidungen wahrscheinlich herzhaft in den Allerwertesten beißen.

Doch wie sollte man denn reagieren, wenn einem Mal wieder die „arme kleine Sophie“ von Ihrer „Rabenmutter“ dem Hungertod preisgegeben wird?

Wie sollte man reagieren, wenn jemand in der Schule Amok gelaufen ist?

Wie sollte man reagieren, wenn irgendwo eine Bombe explodiert ist?

Zunächst einmal natürlich unaufgeregt, wobei eine gehörige Portion an Zynismus ungeheuer hilfreich sein kann.

Als Training für den persönlichen Zynismus betrachte ich regelmäßig und in hoher Dosis Splatterfilme.

Wenn mich jemand fragen würde, was das Betrachten des Bildes auf der Time in mir ausgelöst hat, so würde ich wohl nur antworten „I luld“, als Statement für den angewandten Zynismus.

Natürlich wäre diese Antwort nicht ganz ehrlich, denn eigentlich ließ es mich erfrischend kalt, sogar bis zu dem Punkt, dass es nicht einmal voyeuristische Gelüste ansprach.

Mir ist bekannt, dass die Taliban Barbaren sind, denen ich so ziemlich jegliche Schandtat zutrauen würde.

Von daher hat mich die Geschichte keineswegs überrascht.

Mir ist aber auch bekannt, dass die westlichen „Verteidiger der Freiheit“ eben nur Soldaten sind, die sich in einer Kriegssituation der Logik des Krieges ergeben.

Natürlich ist es keinesfalls zu befürworten, was die Taliban in Afghanistan angestellt haben und jetzt, seit sie in die Defensive gedrängt wurden noch verstärkt anstellen.

Aber die westliche Welt sollte sich von der Illusion verabschieden, für alle Vorgänge auf diesem Planeten verantwortlich zu sein.

Man könnte auch das Bild eines misshandelten chinesischen Dissidenten abdrucken und darunter titeln „Was passiert, wenn wir nicht in China einmarschieren“.

Doch wer wollte und könnte in China einmarschieren? Dies wäre blanker Irrsinn und würde außerdem zu weit größerem Leid führen.

Leider sind aber noch immer zu viele Menschen in unseren Breiten Anhänger des Machbarkeitswahns. Wenn irgendwo etwas schlecht ist, so muss es verbessert werden, im Großen wie im Kleinen, so der allgemeine Glaube.

Man versucht die Lebenserwartung und die Volksgesundheit (schreckliches Wort) immer weiter zu steigern, indem man die Bürger gängelt mit Rauchverboten und eventuell bald sogar erhöhten Krankenkassenbeiträgen für Dicke.

Man schafft immer mehr Kontroll- und Überwachungsfuntkionen. Überall wütet das Qualitätsmanagement in völliger Ignoration der Tatsache, dass sich zwar Prozesse aber nicht Menschen optimieren lassen.

Und da man alles optimieren will, schließt das natürlich auch die Nachbarn mit ein.

Im Großen wie im Kleinen.

Denn die Welt soll ja „gut“ werden… nach unserem Bilde.


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