Frankfurter Gemeine Zeitung

Kreuzberg Boulevard

Kreuzberg Boulevard: Die Wandzeitung für Interaktive Realitäten

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Mit einer Beobachtung zu einer Kreuzberger Wandzeitung meldet sich die ehemalige Frankfurt, oder!- Korrespondentin aus Berlin zurück.

Ausgabe eins und Ausgabe zwei habe ich quasi gleichzeitig entdeckt: Auf Elektrokästen in meinem Kiez schreien mich weiße, schwarz bedruckte DIN-A-4-Zettel an: “Kreuzberg Boulevard” ruft es: “Die Wandzeitung für Interaktive Realitäten – Im Zweifel für Zerwürfnisse – Unter dem Pflaster liegt der Strand”. Kein einziges Bild ziert die Wandzeitung, allein die groß gesetzten Zwischentitel laden zum Lesen ein: “Das Casting für eine bessere Revolution hat begonnen! Bewirb dich!”

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Will ich das jetzt lesen? Sind zwei ganze DIN-A-4-Seiten, wenn auch groß geschrieben.  Ich stehe da und weiß nicht. Da kommt Jana vorbei mit Kinderwagen. Wir plaudern, bis das Kind genug hat. Ich guck zurück auf die Wandzeitung und beschließe, erstmal im Netz zu gucken, was es damit auf sich hat.

Ich gehe nach Hause und tippe “Kreuzberg Boulevard” in die Suchmaschine ein, wie immer, wenn ich die Realität eines Objektes der Gegenwart überprüfen will. Die Website, die ich finde, besteht aus einer Seite: dem Titelblatt. Nichts dahinter, keine Informationen, keine Links, kein “like” Button für Facebook. [Übrigens: Kennt Ihr diese Aktionen, die urbanen Raum und Internet verlinken, wie zum Beispiel die hübschen "Flattr" Buttons für die Stadt auf der urbanshit-Website?] Der Internetauftritt des Kreuzberg Boulevard ist eine Wand, die mich wieder rausschickt auf die Straße, zur: Wandzeitung.

Geh ich also zurück in den öffentlichen Raum und lese. Ich lese von einer Casting-Jury, die mich oder jemand anderen als Revolutionsführer (“Frau oder Mann”) entdecken wird. Ich soll jetzt die Hand zum revolutionären Faustgruß anwinkeln. Oder es auch bleiben lassen. Die Jury entdeckt mich auch so. Ich lese von einer Klofrau, die Spekulanten in ein virtuelles Paralleluniversum entführt, woraus ich aufgerufen bin, sie (nicht aber die Spekulanten) zu befreien.

Ich lese diese kurzen Geschichten wie einen Blog, der in die materielle Welt zurückgeführt ist, um mich in eine andere Virtualität als die des Netzes zu schleudern. Ich möchte glauben, dass das Kreuzberg Boulevard auch weiterhin nur auf dem Kreuzberger Boulevard zu lesen sein wird. Der materielle Raum der Straße, in dem ich mich befinde und der im Begriff der Gentrifizierung ist, wird zum Bollwerk gegen den in seiner Spekulativität virtuellen Raum der Spekulanten, ohne dass die materielle Welt verklärt wird. Denn gleichzeitig schleudert mich die Lektüre aus der Gegenwart dieses urbanen Raumes in eine virtuelle Welt, in der mich eine Casting-Jury beobachtet. Ich fühle mich vernetzt und stehe doch mit meinen Beinen auf der Straße, sichtbar und ansprechbar für Jana, die mit Kinderwagen vorbeikommt. Bin gespannt, was die nächsten Ausgaben bringen werden. Aber Ihr werdet verstehen, dass ich die Texte nicht in die FGZ stellen kann!

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