Frankfurter Gemeine Zeitung

Gedanken zum Buch: “Die Identitätsfalle- Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt”

Ich möchte hier einmal ein Buch vorstellen, auch auf die Gefahr hin, dass das was ich erzähle inzwischen kalter Kaffee ist, da das Buch bereits 2006 in englischer Sprache und 2007 auch auf Deutsch erschienen ist.

Rezensionen und Kritiken gibt es inzwischen also mehr als genug. Trotzdem hat mich das Buch bewegt und ich möchte an dieser Stelle ein paar eigene Gedanken dazu formulieren und gleichzeitig eine dringende Leseempfehlung aussprechen.

Die Rede ist von „Die Identitätsfalle- Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt“ des indischen Wirtschaftsnobelpreistägers Amartya Sen.

Die deutsche Übersetzung ist im Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv) erschienen.

Es handelt sich um eine packende und gleichzeitig verständliche Analyse zu den zunehmenden weltweiten politisch-religiösen Spannungen und stellt ein Gegenmodell zu Samuel P. Huntingtons vielzitierten Werk „The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order“ auf.

Amartya Sen kritisiert darin, die zunehmend reduktionistische Sichtweise auf die menschliche Identität. Zutreffend begründet er, dass jeder Mensch eine Vielzahl unterschiedlicher Gruppenzugehörigkeiten haben kann, die sich sowohl gegenseitig beeinflussen, als auch völlig unabhängig voneinander existieren können.

So kann eine Person durchaus gleichzeitig Deutscher, Atheist, pensionierter Lehrer, Grünen-Wähler, Vegetarier, Autofahrer und Homosexueller sein.

Welche Priorität er diesen verschiedenen Identitäten beimisst, ist sowohl situations-, wie auch entscheidungsabhängig.

Es ist daher eine überaus verkürzende Sichtweise auf ihn, wenn man ihn nur unter dem Aspekt seiner Abstammung oder kulturellen Identität betrachtet.

Tatsächlich können Personen innerhalb eines Kulturkreises sich extrem voneinander unterscheiden, während man bei einer Person aus einem völlig fremden Kulturkreis überraschende Übereinstimmungen feststellen kann.

Ein ultrakonservativer Christ aus den U.S.A. hat an vielen Punkten mehr Gemeinsamkeiten mit einen konservativen Moslem aus Afghanistan, als mit einem linksliberalen New Yorker.

Zum Beispiel, was die Sicht auf Homosexualität, Evolutionslehre, Gentechnik und Pornographie betrifft.

Auch kann kein Kulturkreis ein alleiniges Urheberrecht auf Werte wie religiöse Toleranz oder technologischen Fortschritt erheben.

Hierzu führt Sen viele Beispiele aus der Geschichte an.

Den Gedanken, die sogenannte „westliche Welt“ sei der globale Motor für Aufklärung und Menschenrechte entlarvt er als Trugschluss, der letztlich nur den politreligiösen Extremisten in die Hände spielt.

Wenn die Ablehnung der sogenannten „westlichen Welt“ zunimmt und gleichzeitig Demokratie und persönliche Freiheit als „westliche Werte“ wahrgenommen werden, so muss damit zwangsläufig eine Ablehnung dieser Werte einhergehen.

So wird die Behauptung die „westliche Welt“ sei die alleinige Bewahrerin dieser Werte zu einer äußerst gefährlichen selbsterfüllenden Prophezeiung.

Wenn der kulturellen Identität eine übermächtige Rolle beigemessen wird, so führt dies dazu, dass Personen ihre eventuell bestehenden anderen Identitäten dieser unterordnen müssen.

Ein besonderes Problem sieht Sen in der aktuellen Verknüpfung der religiösen Identität mit der kulturellen und politischen Identität, durch die unter anderem der fatale (doch imaginäre) Gegensatz „christlicher Westen“ contra „islamischer Kulturkreis“ entsteht.

Solche künstlich geschaffenen Gegensätze macht Sen für rassistische Ausschreitungen und Genozide verantwortlich.

Und dies nicht zu Unrecht, wie ich meine und ich musste bei der Lektüre an das Drama „Andorra“ von Max Frisch denken, in dem der Protagonist Andri, der eigentlich kein Jude ist in die Identität des Juden gezwungen wird und an dieser festhält, auch nachdem er weiß, dass er in Wirklichkeit nicht jüdisch ist.

Mit der Identitätszuweisung „Jude“ werden Andri gleichzeitig Negativeigenschaften wie Geldgier und Geilheit zugeordnet, woraus sein Umfeld dann seine Verfolgung und Ermordung rechtfertigt, ebenfalls unter Einfluss eines kollektiven Identitätsgefühls.

Ich selbst durfte schon oft die Erfahrung machen, dass die kulturelle oder religiöse Zugehörigkeit eines Menschen nicht zwangsläufig etwas über seine sonstigen Einstellungen aussagt.

Beispielsweise habe ich mal vor etlichen Jahren an einem Schüleraustausch mit Israel teilgenommen. In der israelischen Schülergruppe befand sich unter Anderem ein junger Mann, der eine israelische aber keine jüdische Identität hatte und damit auch recht zufrieden war.

Er hatte kein Problem damit, seinen Wehrdienst bei der israelischen Armee abzuleisten, aber bezeichnete sich gleichzeitig auch als Atheist, dem koscheres Essen völlig egal war und der keine Berührungsängste mit Schweinefleisch hatte.

Umgekehrt gab es in der Gruppe auch ein Mädchen, die gläubige Jüdin und Pazifistin war und die eine sehr kritische Sicht auf die israelische Armee hatte.

Ein anderer Bekannter von mir ist Deutscher, Familienvater, Mitglied einer alteingesessenen Frankfurter Familie und (konvertierter) Moslem.

Ein Gespräch mit ihm über den Islam, welches er in frankfurterisch gefärbtem Hessisch führen würde, hätte auf einen Verfechter singulärer Identitäten bestimmt eine gleichermaßen erhellende wie verstörende Wirkung.

Angemerkt werden sollte an dieser Stelle auch, dass bei den letzten Protesten im Iran, die Bevölkerung vielfach auf die Dächer stieg und mit „allahu akbar“-Rufen gegen das ebenfalls muslimische Regime protestierte.

Und wer Europa als Teil des „christlichen Abendlandes“ sieht, der marginalisiert andere kulturelle Einflüsse. Die alten Griechen waren keine Christen. Übrigens wurden viele wissenschaftliche und philosophische Schriften des antiken Griechenlands in der arabischen Welt bewahrt und blieben in arabischer Sprache erhalten, worauf auch Amartya Sen mit Nachdruck hinweist.

Außerdem betont Sen die Möglichkeit, innerhalb gewisser Grenzen zwischen Identitäten frei zu wählen.

Hierfür wäre auch mein zum Islam konvertierter Bekannter ein gutes Beispiel.

Eine unnötige Verknüpfung oder exklusive Betrachtung verschiedener Identitäten schränkt die freie Wahl der Identität empfindlich ein und kann sie manches Mal sogar unmöglich machen.

Als extremes Beispiel:

Ein Jude zur Zeit des Dritten Reiches hatte nicht die Möglichkeit eine deutsche Identität zu besitzen, obwohl dies vorher uneingeschränkt möglich war. So kämpften im Ersten Weltkrieg einige deutsche Juden noch mit Überzeugung auf deutscher Seite.

Die Nazis aber proklamierten die Volkszugehörigkeit als ausschließliches Identitätskriterium und schlossen Juden willkürlich von dieser aus.

Die Folgen sind bekannt.

Wenn Identitäten als absolut betrachtet werden, entsteht schnell ein Gefühl des „wir-gegen-die“, das der wahren Komplexität menschlichen Denkens und Handelns keinesfalls gerecht wird.

Amartya Sen kritisiert, dass vielfach der interkulturelle Dialog nur als interreligiöser Dialog missverstanden und nicht als Dialog der Zivilgesellschaften begriffen wird.

Seiner Auffassung nach bedeutet echter Multikulturalismus, die individuelle Wahlmöglichkeit zwischen einer Vielzahl an Identitäten und nicht das Koexistieren in sich geschlossener Gesellschaften.

Und diese Perspektive geht weit über Religion und Kultur heraus.

Leider zeichnen sich auch in anderen Bereichen immer stärkere Segregationstendenzen ab, wie man am zunehmenden Phänomen der Gated-Communities und der Ghettoisierung der Unterschicht feststellen kann.

Und auch hier kann man das Problem der Abgrenzung anhand einer einzelnen Identität (in diesem Falle anhand der Klassenzugehörigkeit) beobachten.

Die Identitätsfalle“ von Amartya Sen kann ohne Übertreibung als Lehrbuch der Toleranz bezeichnet werden und ich möchte es jedem Leser dringend ans Herz legen.


5 Kommentare zu “Gedanken zum Buch: “Die Identitätsfalle- Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt””

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