Frankfurter Gemeine Zeitung

Hochdruckreiniger für Innenstädte

Innenstädte sind in, mit ihnen lassen sich glänzende Immobilienprofite erzielen. Das gilt für Büros wie für Wohnungen. Das gilt insbesondere für “angesagte” Stadtteile. Sie sind nach Übergangsphasen eines bunten Lebens bereit zu einer Neustrukturierung für Eigentumswohnungen, Anreiz für Verkäufe und Austausch der Bewohnerschaft. “Gentrifizierung” ist das dafür in den letzten Jahren verwendete Schlagwort.

Blackwall_terrace_1

Was aber tun, wenn der Bestand an Wohnungen knapp ist und die Residenten starrsinnig bleiben, schlicht innenstädtische Bereiche nicht klaglos räumen wollen ? Die englische Regierung hat dafür eine in die Zeit passende Lösung gefunden, die sich als Modell auch bei uns anbieten könnte: Die Haushaltverschuldung des Staates durch die “Finanzkrise” – Europas Hauptorte dieser: London und Frankfurt – veranlasst die Regierungen zu drastischen Sparmaßnahmen. Üblicherweise sind das Senkungen: nämlich der Spizeneinkommenssteuern und der Sozialzuschüsse.

London kapriziert sich besonders aufs Soziale: dabei kommen Mietbeihilfen ins Visier. Etwa 750.000 Haushalten wird die Beihilfe gekürzt, die Einzelheiten schildert der folgende Audio-Beitrag: Englands innenstädtische Wohnungsproduktion. Das Ergebnis dieser Kürzung würde in einer neuen Stadtflucht bestehen, viele Bewohner können die Miete nicht mehr zahlen, müssen raus aus ihren Wohnungen und verlassen angestammte Innenstadtgebiete, weg in strukturärmere Randgebiete. Platz ist geschaffen für potentielle Zuzügler und Käufer. Die Vermarktungs-Maschine könnte loslegen, ein tolles Matktszenario!

Aber die Krise hat noch ein anderes Bild: Das Vertickern von Häusern auf Teufel komm raus war einer der Sprengstoffe für die gegenwärtige Krise. Die Immobilienmärkte “überhitzten” sich, Häuser und Kredite wurden zu teuer. Das betrifft besonders die USA, Großbritannien und Spanien. Mit der Folge: die Immobilien- und Mietpreise gehen in den Keller, zunächst schlecht fürs Geschäft aber auch für den sich reich fühlenden Mittelstand. Gefühlte Armut und kreditknausrige Banken machen den Verkauf und eine geschmierte Marktmaschine dann schwer.

London - Gentrification-3

Nun kann man sich unter diesen Krisenbedingungen aber folgende Fortsetzung als weiteres Szenario vorstellen: die Preise in bestimmten städtischen Gebieten fallen, sozial geförderte Wohnungen werden leer. Von der Krise heftig betroffener Mittelschicht, die arbeitslos wird, bekommt Kredite gestrichen, die Zinsen erhöht. Mit erheblichen Folgen: ihre häusliche Kasse leert sich rapide, die Immobilien müssen schnell und billig losgeschlagen, die Wohnungen verlassen werden.

Junge, agile Künstler-, Studenten- und Techniker-Szenen sondieren jetzt passende Gebiete für ein hippes Quartier, ziehen ein – billiger Platz ist ja nun genügend da – und bauen das Viertel in den nächsten Jahren klturel auf. Die jetzt tiefpreisigen Objekte kaufen Investoren und bieten sie nach der Krisenberuhigung den interessierten Stadtzuziehern an: fantastic profit. Vielleicht finden sich unter den Käufern wieder einige derer, die kurz davor noch mit vielen Miesen raus mussten ! Die Szene kann man mit ein paar Abfindungen in andere Bereiche verschieben, die Krise und die Sozialmaßnahmen haben ja genug Platz geschaffen.

Städtische Pflege

Pflüge oder Hochdruckreiniger arbeiten sich periodisch, alle paar Jahre oder Jahrzehnte durch die Städte. Mal wird wird umgeschichtet, mal planerisch planiert. Die Stadt wird zum maschinellen Raum der Ökonomie, je nachdem wie es äussere und innere Gelegenheiten in ihnen bieten. Gegen solche Unvemeidlichkeiten kommt manchmal, zu selten Unwillen auf.

Vielleicht auch ein Modell für Frankfurt: passt das hier nicht gut zu schwarz-grün und wichtigen Teilen ihrer Klientel ? Riedberg ist fast vorbei, Uni-Bockenheim ist nicht wirklich groß. Anruf in Berlin. Die FDP hat ja bereits die Änderung in eine Wohnpauschale vorgeschlagen. Da wird man sich doch schon einigen können.


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