Frankfurter Gemeine Zeitung

Der gute Fürst (3)

Die dunkle Seite

Alles okay, wer spenden will, soll dies auch tun und reichlich. Die Ahnentafel ist ihm/ihr sicher und die Saga von dem wundersamen Wirken.

Es ist hier nicht der Platz über individuelle Motive (Psychopathologie) zu spekulieren oder in eine Diskussion über Ehrenhaftigkeit oder nicht (Verschwörungstheorien) einzusteigen, es geht vielmehr darum, aufzuzeigen, wie die unreflektierte Begeisterung zu voreiligen Schlüssen führen kann. Es wird zu vieles in einen Topf geworfen, zu kräftig umgerührt und schliesslich zu heiss gegessen, um noch bekömmlich zu sein.

du-bist-deutschland

Die Logen der feinen Gesellschaft

Die entscheidenden Gremien einer Stiftung sind ihre Vorstände und Beiräte. Vor allem Letztere sind (aus)gewählt, zunächst vom Stifter, dann von seinen Nachfolgern: nehmen wir einmal Bertelsmann (man erinnere sich noch an: „Wir sind Deutschland“, peinlich, peinlich). Dieser Unternehmung des Patriarchen wurden 77 % des Aktienpaketes der AG übereignet und sie zieht weitere Spenden an. Im Vorstand sitzt die Familie und die Leitung der Bertelsmann AG. Sie ist weitgehend mit anderen Stiftungen vernetzt, von denen als reichste hier nur die Robert Bosch Stiftung erwähnt sei.

Das Kuratorium, dieser erlesene Klub, ist mit Prominenz aus Kulturindustrie, Grossindustrie und Politik bestückt. Beste Kontakte nach überall. Diese Damen und Herren vergeben ca. 70 Mio. im Jahr, eine imposante Summe, die jedoch kleiner ist als die Streuern, die mit dieser Konstruktion gespart werden. Und ihre „Fachleute“ reden überall mit, sei es bei Schröder/Fischer (Agenda 2010, Hartz IV), sei es bei der Umgestaltung kommunaler Verwaltungen.

Man berät, in der Gesundheits- und Sozialpolitik – “können wir uns nicht mehr leisten” – kommunales Management (NPM) –private-public-partnership, fördert die Exzellenz von Hochschulen (CHE), kurz: man hat überall, wo es wichtig werden kann, seine Finger am Hebel und den Lobbyisten vor der Tür. Und dies auch international, wo man die nächste Generation der Eliten fördert.

Die Zusammensetzung der Gremien garantiert die Kontinuität des Stifterwillens. Bertelsmann legt sehr viel Wert auf die Einflussgröße seiner Kuratoriumsmitglieder. Wichtige Entscheidungen werden informell getroffen. Soviel zu dem transparenten zivilen Spendersystem.

Sowohl Vorstand als auch Kuratorium sind geschlossene Veranstaltungen, man wird berufen. Ein weiteres Kenzeichen von Re-Feudalisierung.

Von Transparenz zur Transpiration

Was grossartig gefeiert wird, ist die Transparenz der Stiftungen (hier ist die Verschwörung öffentlicher Einrichtungen gegen „den“ Bürger impliziert). Sie bezieht sich jedoch bei näherem Hinsehen lediglich auf die Rechnungslegung, die vom Finanzamt mit der „Gemeinnützigkeit“ verlangt wird.

Wie der Honoratiorenklub zu den Entscheidungen der dort ausgewiesenen Projekte kommt, bleibt hinter den geschlossenen Türen  verborgen. Innerhalb der Projekte heisst Transparenz, dass der Stiftung jederzeit genauer Überblick über jede Einzelheit zu geben ist- dazu gehört auch, dass Interna nicht nach Aussen dringen. Interessant ist der ausdrückliche Hinweis, dass leider nur hauseigene Projekte gefördert werden können. Das  bedeutet, dass Zuwendungen nur dann gegeben werden, wenn ein Projekt unter der Weisungshoheit der Stiftung steht, was wiederum die Aufgabe der Selbstbestimmung des Antragstellers einschliesst. Dies geschieht „freiwillig“ und in bestem – gegenseitigem -  Einvernehmen.

Als Betroffenem kommt einem dann nur noch der kalte Schweiss. In der Praxis kann zwar jeder auch (online) einen Antrag stellen, doch erfolgreich ist er nur dann, wenn er den richtigen Fürsprecher hat.

Kann man in der Regel behördliche Entscheidungen anfechten, so ist das hier völlig unmöglich, wenn also immer mehr Mittel entzogen, um in derartigen Gebilden geparkt zu werden, dann besteht aller Grund zum Schweissausbruch.

Von Freiheit und Würdigkeit

Ein entscheidendes Kriterium für die Praxis ist die Nähe von Spender und Empfänger, so kann davon ausgegangen werden, dass Gelder, die in Universitäten angelegt werden, generell grössere Freiräume für die Empfänger beinhalten, was zumeist auch noch in der Natur der Sache liegt. Ist der Spender Mitglied der empfangenden Gemeinde, so kann ebenfalls auf steng formalisierte und detaillierte Kontrollen verzichtet werden.

Steigen jedoch soziale und räumliche (kulturelle) Distanzen und Differenzen, bekommt die Spende andere Beigeschmäcker. Sie bestätigt auf jeden Fall die als ungerecht empfundene Verteilung der Güter, wie auch immer die Zuschreibung dafür aussehen mag.

In der Praxis der Spendergesellschaft stellt sich die Förderung für die Geförderten meist als Danaergeschenk dar.

Denn der Freiheit des Spenders entspricht die Würdigkeit des Empfängers. Letztere definiert sich mit wachsender sozialer Distanz zwischen beiden als „unverschuldet“ in Not geraten und schliesst stillschweigend ein, dass der Neo-Kapitalismus verstärkt jene Arme produziert, denen nach erfolgreicher Abschöpfung des Mehrprodukts dann umso besser geholfen werden kann. Da es letztlich wieder dorthin zurückfliesst – zu den Armen, nur in wesentlich sinnvollerer Form – erübrigt sich auch jede Anstrengung, sich um eine Gesellschaftsordnung zu bemühen, die das erst gar nicht zulässt. Und weil die Empfänger vorgeblich keine Stimme haben, werden sie gleich entmündigt.

Die Funktionäre der Spendergesellschaft

An erster Stelle natürlich alle, die ihre Brötchen bei den Stiftungen verdienen, dann das grosse Heer derjenigen, die Gelder verwalten und die Projekte durchführen, also Institute, NGO vor allem, nicht zu vergessen auch die vielen Schreiber und Denker. Sie richten die würdigen Armen her, dass sie saubergewaschen und gekleidet, dem Spender bei der Besichtigung ein Ständchen bringen.

Von ihnen wird viel verlangt, denn um in den erlauchten Kreis aufgenommen zu werden, sollten sie sich vorher so zugerichtet haben, dass sie eine Chance sich ausrechnen können. Nur so ist für sie innerhalb der Projekte Freiraum realisierbar. Andererseits garantiert dies dem Spender, dass seine Vorstellungen adäquat umgesetzt werden.

Was tut man nicht alles, um an der Tafel des Fürsten zu sitzen.




Ein Kommentar zu “Der gute Fürst (3)”

  1. Dussel

    “Was tut man nicht alles, um an der Tafel des Fürsten zu sitzen”: das sieht man immer bei den vielen eilfertigen Besuchern von Römer-Empfängen. Gelobt sei der schwarz-grüne Vereinsvorstand. Ok, nehmen wir rot-gelb gleich noch dazu.

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.