Frankfurter Gemeine Zeitung

Screammodelle im Frühling

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Haben sie es erkannt? Der Warnruf eines Engadiner Murmeltieres, wenn ein Raubvogel am Himmel zu sehen ist. Mit der Imitation dieses Pfeifens habe ich den „Preis der Jury“ auf dem internationalen Treffen der Murmeltierfreunde in Davos gewonnen. Immerhin saß damals die leider bereits ertaubte Ilse Werner in der Jury. Außerdem musste ich gegen eine Gruppe italienische Bauarbeiter antreten, die seit frühster Jugend trainiert hatten, indem sie Frauen in Miniröcken hinterherpfiffen. Auf Sardinien hat sich aus dem Bauarbeiterpfeiffen sogar eine eigene Pfeifsprache entwickelt. Das sind Voraussetzungen, von denen kann man hierzulande nur träumen. Andererseits hat das auch verhindert, dass ich mich zu früh auf Murmeltiere festgelegt habe. Und wen ich ihnen einen Rat geben darf: Legen sie sich nie zu früh auf Murmeltiere fest.
Ich hatte ja als junger Mann ohnehin andere Pläne, ich wollte als Schauspieler zum Film. Aber die Schauspielschulen haben mich nicht genommen, und ich dachte: Okay, versuch ich mal auf dem Umweg über das Synchronisieren in das Business reinzukommen. Ich machte eine Sprecherausbildung und hab mich für ein paar Synchrojobs beworben. Eines Tages kam meine Chance: Kabel Eins wiederholte sämtliche 360 Folgen von Daktari. Im Directors Cut. Das war diese uralte Serie um einen Tierarzt im Urwald. Etliche Szenen mussten neu synchronisiert werden.
Die Synchroleiterin sagte zu mir: „Die meisten Rollen sind schon weg. Aber ich sehe grade, ich kann Dir noch wunderbare Rolle anbieten: Clarence!“ Okay, ein anderer Sprecher hätte vielleicht damals gesagt: „Ein schielender Löwe, das ist unter meiner Würde!“, aber Clarence war neben Judy, dem Schimpansen, der einzige echte Star der Serie! Und nachdem ich zum ersten Mal als Clarence gebrüllt hatte, mit einem 1A-Timing, das ein echter Löwe niemals so hinbekommen hätte, haben im Studio alle geklatscht. Meine Eltern wussten damals gar nicht, dass ich als Synchronsprecher arbeitete. Sie hatten irgend etwas falsch mitbekommen und dachten, ich wäre Synchronschwimmer. Wenn ich sie besuchte, nahm mich meine Mutter beiseite und sagte: „Junge, pass auf das deine Haut nicht austrocknet. Du musst Dich genügend eincremen!“ Mein Vater maulte: „Ich finde, er hätte uns die anderen ruhig mal vorstellen können, die da mit ihm synchronschwimmen. Ich möchte wissen, was das für Jungs sind, mit denen er den ganzen Tag im Wasser ist und die man nie zu Gesicht kriegt. Am Ende wird er noch schwul!“ Aber zu meinem 21. Geburtstag schenkten sie mir eine Bademütze von Hugo Boss und dafür bin ich ihnen heute noch dankbar.
Bis die 360 Folgen von Daktari abgenudelt waren, hatte ich eine super Zeit. Ich hab mich total mit der Rolle identifiziert und sogar selbst ein wenig zu schielen angefangen, glücklicherweise ist das später wieder weggegangen.
Dann las ich eines Tages die Ankündigung eines richtigen Kinofilms, einer Hollywoodproduktion: „Das Schweigen der Lämmer“. Können Sie sich meine Gefühle vorstellen? Alles schien so natürlich: Nach dem Löwen nun das Lamm! Ich hab gleich den Produktionsleiter der Synchro angerufen. Das war eine echte Herausforderung für einen jungen Tierstimmenimitator! Lämmer sind eh viel schwieriger als man denkt, die machen nicht einfach mäh oder bäh, da ist jedes Lamm unterschiedlich, das muss in der Stimmführung individuell gezeichnet werden. Und dann erst: Schweigende Lämmer. Ich weiß nicht, ob sie schon mal auf einer Wiese früh morgens Lämmer schweigen gehört haben, das ist etwas ganz ursprüngliches. Ich habe mich auf einem Bauernhof im Hunsrück mit einigen Lämmern mehrere Monate nach der Stanislawski-Methode auf die Synchro vorbereitet und ich sage ihnen, in punkto Lämmerschweigen konnte mir damals niemand das Wasser reichen, zumindest hier bei uns.
Als ich dann endlich zur Synchro ins Studio ging, sagte der Aufnahmeleiter: “Also die Sache ist die, wir haben uns den Film noch mal angesehen, da schweigen gar keine Lämmer in dem Streifen, das tut mir echt leid. Alles, was Du tun kannst ist, auf den Directors Cut warten, vielleicht sind da ja ein paar Lämmer drin.“
Das hat mich damals richtig umgeworfen innerlich, ich habe ein Jahr lang kein Lammfleisch mehr essen können, das Schweigen der Lämmer wollte ich mir nicht ansehen, nicht mal einen Film mit Till Schweiger, obwohl der gar nichts damit zu tun hatte.
Meine Mutter fragte mich: ” „Junge, Du bist so blass, cremst du dich auch genug ein?“
Mein Vater sagte: „Warum helfen ihm seine Badehosenfreunde nicht? Alles, was diese jungen Typen interessiert, ist Sex!“ Was mir in der Zeit Kraft gab, war meine Beziehung zu Andrea und die verdanke ich letztendlich doch dem verdammten Film. Andrea war als Scream-Modell für die Synchro des Films angeheuert worden, Amerikanerinnen schreien ja viel höher als Europäerinnen, das klingt für unsere Ohren eher komisch, und natürlich kriegte die reguläre Synchrosprecherin die harten Passagen nicht hin. Andrea konnte aus dem Stand heraus so schreien, dass man eine Gänsehaut bekam. Oft saßen wir in diesem Sommer in ihrem kleinen Garten im Frankfurter Nord-End, ich schwieg, sie schrie und wir hatten eine Menge Spaß!
Und als wir so eines Abends beisammen saßen, kam mir eine Idee: Buckelwale. Andrea schrie auf vor Begeisterung! Gesänge der Buckelwale waren damals total angesagt, da wurden Bücher und CDs in Massen abgesetzt. Ich dachte mir, was Buckelwale können, kann ich auch. Ich bin also nach Australien gefahren, hab an Waltouren teilgenommen und mir das gesamte Buckelwalrepertoire reingezogen. Und ich kann ihnen sagen: Unter Wasser singen ist für einen Menschen nicht einfach. Aber am Ende hatte mich eine Gruppe von 13 Buckelwalen als Buckelwal akzeptiert. Wir hatten eine Menge Spaß und ich hab dann mit den Jungs eine CD rausgebracht: „Fuck up, Captain Ahab“, die ist auf Platz 9 der Weltmusik-Charts gestiegen, fast hätten wir die ganzen Mönch-CD´s überrundet.
Also, ich fands wirklich ein Superlied, aber leider war der Buckelwalgesangshype auf einmal aus und vorbei. Das hat mich dann fast mit nach unten gezogen. Die Jungs waren total enttäuscht, sie ließen sich einfach irgendwann an den Strand treiben und verendeten…Traurig, aber für mich war so etwas nie eine Lösung. Ich gab nicht auf, ich gebe niemals auf.
Dass ich da rausgekommen bin, habe ich auch Andrea zu verdanken, sie brachte mich in der Synchro von „Jurassic Park“ unter, in der sie selbst wieder als Scream Modell arbeitete. Zum ersten Mal sprach ich ein Tier, das es nicht in der Wirklichkeit gab. Ich imitierte ein Tier, dessen Stimme kein Mensch jemals gehört hatte. Das war wie eine Befreiung. Natürlich hab ich nur die kleineren Flugsaurier aus der zweiten Reihe bekommen, aber ich war in einem Film von Steven Spielberg! Danach gings wieder aufwärts: über die Krankheitsvertretung in „Godzilla“ zu meiner ersten sprechenden Maus. Ich sprach richtige Worte, einen eigenen Text. Na und jetzt kriege ich zu den Filmrollen noch die ganzen Aliens in PCspielen angeboten und ab und zu ein Auftritt im Unterhaltungsprogramm eines Ornitologenkongresses, es läuft wirklich gut und Mutter sagte neulich zu mir: „Tante Rosi hat angerufen, sie hat Fernsehen geguckt und irgend so ein Flugsaurier hat sie an Dich erinnert. Ist das nicht sehr merkwürdig? Aber willst Du uns nicht mal Deine kleine, schreiende Freundin vorstellen?“ In solchen Momenten denke ich: Das Leben ist eigentlich sehr schön.


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