Frankfurter Gemeine Zeitung

Stadtfauna – 4

Viel Gutes aus dem Menschenpark

Endlich bin ich mal fündig geworden. Es geht ja auch nicht an, dass nur noch schlecht berichtet wird über das, was uns so ins Haus steht. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass hier und da der sehnsuchtsvoll erwartete neue Mensch unter uns wandelt. (Ausserdem habe ich, glaube ich wenigstens, die Wahrheit über Spiderman gefunden. Ganz nebenbei ergaben sich weitere Verknüpfungen, doch erst mal der Reihe nach.)

Aber jetzt mal im Zusammenhang: schon mal in der letzten Zeit so nachgeschaut, was auf dem „Arbeitsmarkt“ los ist. Entweder schreibt da einer vom anderen ab, oder sie haben die gleiche Software, oder es gibt nur noch diese(n) WunschkandidatIn. Dieses Wesen ist merkwürdig uniform trotz aller geforderter Individualität, so als wäre es nur eine Verpackung von Opportunitäten.

Die >Lichtgestalt< unter den sehnsüchtig Erwarteten ist der „Vernetzer“. Ich träume schon von ihm/ihr, bekomme die Gestalt aber nicht klar zu fassen. Und so ganz kann ich mich nicht von dem Gedanken befreien, dass es sich um das handeln könnte, was man weiter südlich leichthin einen „Wolpertinger“ nennt.

Wie dem auch sei, gerade Frankfurt, die Stadt der Banken und Börse, soll ein besonders günstiges Mikroklima besitzen, ein optimales Biotop für diese Spezies. Und man sieht es ihr nicht an, jedenfalls nicht sofort, es ist eher so eine Art Aura des Erfolgreichen, die es auszeichnet, ein Gefühl, das sich unweigerlich in seiner Umgebung ausbreitet, so Charisma gepaart mit dem Zwang, ihn/sie zum Freund haben zu müssen.

Hier zunächst einmal einige Anhaltspunkte, wie man diese Spezies erkennen kann:

Sie ist autonom, disponibel, spontan, kreativ, mobil, plurikompetent. Sie bildet Netzwerke, geht auf andere zu, ist offen gegenüber anderen und Neuem, verfügt über visionäre Gaben, hat Gespür für Unterschiede, ist rücksichtsvoll gegenüber anderen Meinungen und Geschichten, akzeptiert verschiedenartige Erfahrungen und neigt zum Informellen. Sie ist erfüllt von dem Streben nach zwischenmenschlichen Kontakten. Wenn nun jemand meint, das genau wäre sein Freund, weit gefehlt, das ist eine neue Art.

Dieser Superman (oder Supergirl) des Neo-Kapitalismus trägt auf allen Schultern und besiegt doch leichten Herzens die Schwerkraft. Sie sind amoralische Moralisten, ausbeutungsfreie Profiteure, Kumpel und Coach und ein Beleg für Castanedas These, dass die wahren Meister an zwei Orten zugleich sein können. Sie sind Meister der Ungewissheit, ein treuer Freund stetig wechselnder Freundschaften.

Sie sind die Unverwechselbaren der Austauschbaren.

Dies alles ist bereits bei Arbeitgebern und –Vermittlern bekannt, wie wild versuchen sie die neue Spezies aus ihrem Biotop auf den freien Markt zu locken. Und Coaches landauf landab versuchen, alle anderen nach ihrem Bild zu formen. Na ja, wenigstens eine Nummer kleiner.

Sie tragen ein schweres Los, denn alles, was ihre Mobilität einschränkt, führt zu einem Wertverlust, also: keine Eigentumswohnung, keine feste Beziehung (erinnert so ein bisschen an die neoliberale Fassung von „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“), gar Familie.

Zudem werden sie uns allen als Vorbilder präsentiert, denen wir gar nicht genügend nacheifern können. Ich bin – zumindest bewusst – noch keinem über den Weg gelaufen, weiss jedoch aus gut unterrichteter Quelle, dass gerade Frankfurt ein kleines Heer von ihnen beherbergen muss.

So mustere ich die vielen Gesichter in Strassencafes, treibe mich vor den Bankpalästen herum, versuche sie am Hinterausgang des Tiger-Palastes zu erhaschen, immer in der Hoffnung, diesen einen entscheidenden Kontakt zu knüpfen, der mich, da bin ich ganz sicher, in diese ihre Welt hineinsaugt, mich zu einem der Ihren macht. Eigentumswohnung brauche ich auch nicht.


2 Kommentare zu “Stadtfauna – 4”

  1. Dussel

    Alle in Facebook usw. sind doch dann Vernetzer, oder ?
    Nix mit Ausbildungsmängeln, alles im Lot dann ?

  2. Trickster

    Ja und nein. So über den Daumen gepeilt, könnten sie sich dazu rechnen und das ist genehm, ihnen fehlt jedoch die entscheidende Komponente: sie müssten auch noch zum Wohl des Unternehmens beitragen und das ist zweifelhaft. Ausserdem, was heisst hier Ausbildungsmängel? Es geht heute um Strategien der Verwertung des Arbeitskraftskapitals!
    Solange die Facebook-User für Vernetzer halten, muss man sich nicht um sie kümmern, es ist geschickter, sie in ihrer stillen verblendung mit sich selbst beschäftigen zu lassen.

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