Frankfurter Gemeine Zeitung

Zirkusjubiläum

Anreise. Der „Platz der Republik“ wird gemeinhin unterschätzt: er bildet nicht nur die Nabe der Globalisierung Frankfurts, sondern gleich noch die größte Verkehrs-Kreuzung des Stadtgebiets. Dafür bleibt als Platz nicht viel übrig, doch das lieben die Frankfurter. Nabe für zwei Achsen gibt er ab, eine die der Infrastruktur, vom Hauptbahnhof zum Messegelände, die andere, für uns wichtigere bietet eine Promenade der Financial Corporations nach Nordwesten, die Mainzer entlang. Auf ihr bewegen wir uns.

Nach Soll und Haben, den Öko-Türmen der Deutsche Bank AG, etwa auf der Höhe der Alten Oper knickt die Strasse nach Norden ab. Der Reuterweg leitet uns durch das sündhaft teure Westend bis zur Kreuzung Hansa-Allee. Sie grenzt den kasernenartigen Exzellenz-Campus der Universität ab, auf dem die Geistes- und Sozialwissenschaften um das „House of Finance“, Frankfurts neuem Uni-Leuchtturm, Spalier stehen.

Nur ein kleines Stück weiter kommt links ein mächtiger grauer Bau in den Blick. An dessen Frontseite halten acht Spuren die Frankfurter Stadtautobahnen am Laufen. Der Haupteingang der Bundesbank befindet sich rückseitig, die letzte Ampel hinter der Hansaallee auf der Platenstrasse links ab, am Geldmuseum vorbei, schon ist man da.

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Der oberste Stock der Bundesbank, dort wo vermutlich der Vorstand sitzt, bietet eine ganz andere Blickachse weiter nach Nordosten. Sie quert ein Areal, das die Wächter zwischen Finanzmarkt und wirtschaftspolitischen Interessen vermutlich noch nicht wahrgenommen haben. Es endet im feinen Dichterviertel, einem Distrikt älteren Reichtums und schönen Baumbestands.

Dazwischen, dort wo die Platenstrasse zur Dauerbaustelle wird, liegt eine Siedlung aus amerikanischen Restbeständen, die von einer Vielzahl Ethnien bewohnt wird, Russlanddeutsche neben Pakistanis, natürlich Türken, Marokkaner, Ostdeutsche und viele mehr. Die Platensiedlung war als „Problemquartier“ vorgeprägt, Abgrenzungsforderungen aus dem Dichterviertel gerieten entsprechend vehement.

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Irritierend aus der Sicht der Bundesbank liegt etwa in der Mitte des Wegs zum Dichterviertel das größte Konsulat der Islamischen Republik Iran in Europa, direkt gegenüber vom Aldi. Noch unpassender: bei den auf der Strasse davor sich wiederholenden Demonstrationen tragen viele der Demonstrantinnen Kopftücher. Das will nicht recht ins Bild passen. Die Rückseite des großen Grundstücks liegt brach, der von der Republik Iran angebotene Park kam nicht zustande, was soll auch ein Park in so einer Gegend.

Angekommen. Gegenüber an einer kleinen Kreuzung zwischen Siedlung und Brache mit direktem Blick auf die Bundesbank, nur vielleicht 200 Meter von ihr entfernt und unsichtbar für sie, steht in dieser Gegend ein kleiner Zirkus, ein Kinderparadies. Der Zirkus Zarakali bietet den vielen Kindern vor Ort wie denen von weiter weg anspruchsvolles Training ihrer Motorik und viel Spaß. Zarakali hat ein richtiges Zirkuszelt und viele Wohnwagen drum herum. Ja, echte bewohnte Wohnwagen im Schatten der Bundesbank. Diese dienen als Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Bad für die Organisatoren des Zirkus und ihre Kinder.

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Andere Wagen beherbergen die Materialien für die dauernd laufenden Kinderkurse, die von 20 Trainern angeboten werden: vom Trapez und Akrobatik über Jonglage und Einrad bis zu Stelzen und einem Jugendensemble. Das ganze Programm des klassischen Zirkus wird von Zarakali geboten, ein öffentlicher Cafe-Wagen ergänzt es.

Drumherum liegen Baustellen oder Brachland, das Zirkusgelände selbst kommt ohne Asphalt aus, seit dem Beginn vor zehn Jahren. Unter dem Dach des Bundes der Pfadpfinder gelang es, dieses Projekt mit wenig Mitteln am Leben zu halten und unter schweren Bedingungen immer weiter aufzubauen, zur Freude des randständigen Stadtteils.

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Am Samstag wurde deshalb 3000 Meter weit weg von den Paraden der Finanzderivate gefeiert, Zarakalis 10-Jahres Jubiläum. Kinder wie Trainer präsentierten zusammen eine zweistündige Show vor mehreren Hundert Gästen, mit viel Kindergewusel, Witz und Freude. Der Flohmarkt hatte einen fast „multikulturellen“, vielleicht sogar etwas multisozialen Habitus, unbemerkt von der Bundesbank und dem House of Finance. Vermutlich ist das besser so.


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