Frankfurter Gemeine Zeitung

Wetterauer Ethologie

Wetterau heißt ein Gebiet in der Rhein-Main-Metropolenregion, nordöstlich von Frankfurt gelegen. Der Länge nach mißt es ungefähr 40 bis 50 Kilometer, die man auf dem Weg in den Vogelsberg eher schnell hinter sich bringen möchte. Vom Metropolenschub hat die Wetterau nicht viel abbekommen, hauptsächlich Pendlerstaus, steigende Preise in den Einfamilienhauskarrees und verödende Dörfer.

Um hinzukommen fährt man von Frankfurt aus die Friedberger hoch auf den Lohrberg, vorbei am Frankfurter Rieslingweinberg (der tatsächlich noch zum Weinbaugebiet Rheingau gehört) und stösst rückseitig auf Bad Vilbel, den Einlaß in die Wetterau. Dort den Berg runter in einer Schlange von Cabrios und Offroadern rollt man durch ein langweiliges Kaff, das sich irgendwann den Titel “Bad” gekauft hat. Über 70 Prozent wählt politisch schwarz, das lässt sogar noch Frankfurt konservative Koalition verblassen. Der Bürgermeister dankts mit Bauprojekt nach Bauprojekt. Hinter den Betonreihen Vilbel-Dortelweils, rein in die typischere Wetterau kommen nur noch die B3, Häuser mit Plakaten “Umgehung jetzt” und vereinzelte Großmärkte für die vollmotorisierte Einwohnerschaft. Agronutzung pur ist angesagt, wenig Bäume, kaum verwertungsfreie Wiesen.

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Nach gut 20 Minuten fährt man in das Zentrum der Wetterau ein, das traurige Paar der Städtchen Friedberg und Bad Nauheim. Vor 50 Jahren als Standort Elvis Presleys für die bundesweite Öffentlichkeit zwangsverheiratet, befinden sie sich seitdem im Rosenkrieg. Und es geht Zug um Zug abwärts mit ihnen. In Friedberg war es der Ami-Abzug vor 15 Jahren, aus den leeren Kasernen werden in der Öde halt nicht automatisch Hightech-Parks. In Bad Nauheim hieß das Elend Gesundheitsreform, ohne Kassen keine Kuren, was vorher von selbst lief, ging in den letzten Jahren Pleite. Seitdem versucht sich das Bad im Städte-Marketing, schröpft dabei eher die eigenen Einwohner; also so, wie der Umbau anderswo auch funktioniert.

Nach Friedberg kommt Nidda und dann endlich der Vogelsberg, dort wird es landschaftlich ein bißchen abwechslungsreicher und die Leute geben noch mehr Gurrlaute von sich. Lebenswelt und Öffentlichkeit bedeutet in diesen Regionen etwas ganz anderes als zwischen der Batschkapp und dem Sandweg. Vermutlich zieht es deshalb feinfühlige Ethologen hinaus, beharrliche literarische Forscher, die seitwärts ausgestorbener Dorfstrassen beißende Nachbarschaften und grobe Familienliebe ausloten und einem überraschten Publikum in den Städten berichten.

In den 80er und 90er Jahren betraf das den damals hippen Vogelsberg, die Wetterau kannte der Frankfurter nur als Apfelwein-Marke. Helmut Höge wurde der großstadtgeschulte Ethnograf vom Süden des Hoherodskopf, mit all den postmodernen Apparaturen gerüstet: sein Vogelsberg. Endlosroman sondierte noch aus der Perspektive einer Landkommune, heute lange passe.

In der Wetterau, in ihrem Zentrum forscht seit Jahren ein dort gebürtiger Autor, in letzter Zeit mit zunehmender Aufmerksamkeit des Publikums, qausi die literarische Fortsetzung der Linie Frankfurt – Vogelsberg. Während Höge noch stärker auf kulturelle Kolonisationen, Spannungslinien zwischen Lebensstilgruppen und Dorfumbrüche setzte, fokussiert Andreas Maier in seiner Friedberger Heimat noch feiner und noch beissender. Onkel J. heißt das ehemals dort wohnende Land-Übel, um das sich viel dreht, bereits Anfang des Jahres in “Onkel J. Heimatkunde” beissend eingeführt, und mit dem Heimatroman „Das Zimmer“ nun Zug um Zug seziert. Was Höge mit einer subtileren RheinMain-Kartografie begann, möchte Maier im echten Bewohnen fortsetzen, aus familiärer Perspektive bietet das gewiß einige Möglichkeiten für einen Endlosroman. Die Erkundungen sollen ja Buch um Buch weitergehen, Jahr um Jahr, wie die quälenden Staus auf der B3, der Ader der Wetterau.

Am Mittwoch Abend, dem 22. 9. liest Andreas Maier in der Romanfabrik. Einen guten Monat später möchte ihn Stefan Geyer im Klabunt vorstellen. Man ist gespannt.


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