Frankfurter Gemeine Zeitung

“Die Vorstellung, ein Recht auf Stadt zu haben, breitet sich aus.”

Wie berichtet galt der alte “Campus Bockenheim” bis vor kurzem als Konkursmasse. Die Gebäude sollten abgerissen und durch Bürotürme ersetzt werden, um Geld in die Kassen der Stiftungsuniversität zu spülen. Doch der Widerstand der Initiativen “Ratschlag Campus Bockenheim” und “Zukunft Bockenheim”  und eine Veränderung der Rahmenbedingungen haben dazu geführt, dass auf dem Areal jetzt die “Hochschule für Musik und darstellende Kunst” angesiedelt werden soll. Über die Hintergründe sprachen wir mit Angelika Wahl von “Ratschlag Campus Bockenheim”.

FGZ: Ich hab mich ein bisschen gewundert, dass der Umzug der “Hochschule für Musik und darstellende Kunst” auf den alten Campus Bockenheim jetzt auf einmal funktioniert, der vorab von offizieller Seite für unmöglich erklärt wurde.

Wahl: Das hat zwei Gründe: einmal die Immobilienkrise, die werden die Flächen nicht mehr so einfach an private Investoren los, zum anderen die mögliche Aufwertung des Stadtteils durch Kreative. Das hat natürlich auch seine Schattenseiten. In bestimmten Städten, wo Quartiere hochgewertet werden mit dem Anstrich “Kreativität”, gibts gleichzeitig eine Verdrängung von freien Künstler-Gruppen und Mietern mit niedrigerem Einkommen.

FGZ: Ihr denkt ja auch daran, das Studierendenhaus beispielsweise für Migrantenvereine zu nutzen; das ist ein etwas anderes Konzept als das der Stadt oder der Kulturszene. Um wen soll es da konkret gehen?

Wahl: Für mich wäre in Bockenheim das Türkische Volkshaus eine wichtige Gruppe. Die sitzen in Räumlichkeiten, wo ältere Leute kaum hoch kommen, also im zweiten Stock. Es ist zu klein und man nimmt es nach außen hin nicht wahr. Die verschiedenen türkischen Gruppierungen sind zahlenmäßig hier sehr stark und bleiben außen vor. Ich kenne eine andere kurdische Gruppierung im Ostend, die sitzt in einem Verschlag. Es ist wichtig, dass die sich mal zusammentun. In der KAV, der Kommunalen Ausländervertretung ,passiert eigentlich nicht mehr viel. Die sind manchmal nicht mal mehr beschlussfähig und das in einer Zeit, wo die Frage der Migration hochgespielt wird, positiv wie negativ. Auf der einen Seite wird viel von Integrationsprojekten erzählt, auf der anderen Seite fehlen die Räumlichkeiten. Nicht nur die Türken, auch die große Gruppe von Marokkanern haben keine Räume.
In früheren Jahren gabs ja mal die “Casa di Cultura” zusammen mit Spaniern und Italienern, das spielt keine Rolle mehr und ich finde es wichtig, dass so ein Kristallisationspunkt da ist. Und bei den Migranten gibt es natürlich auch Künstler und Kreative. Da ist eine Menge Potential, das kaum wahrgenommen wird. Es gibt alle zwei Jahre nur die “Parade der Kulturen”, die aber nicht unbedingt das typische ist.

FGZ…. etwas arg folkloristisch.

Wahl:Genau.

FGZ: Wie hat sich Eure Initiative gegründet?

Wahl: Wir hatten im vergangenen Jahr einen Vortrag im Club Voltaire zur Bebauung des alten “Campus Bockenheim”. Dann kam Annette Münch von der Initiative “Zukunft Bockenheim” dazu, und die Idee wurde geboren: “eine Woche Studierendenhaus” für alle. Nach dieser Woche im Studierendenhaus haben sich dann Leute zusammengefunden, die weitermachen. Wir hatten dann einige Veranstaltungen, auch zum Gängeviertel mit 130 Leuten.

FGZ: Könntest Du noch etwas mehr sagen zum Zusammenhang Stiftungsuniversität und Abwicklung des alten Campusgeländes.

Wahl: Im alten Kulturvertrag steht drin, dass unter bestimmten Voraussetzungen, wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen ändern etc., das Bockenheimer Campus-Gebiet von der Universität an die Stadt zurückgegeben werden kann. Davon ist nach dem Umbau der Universität zur Stiftungsuniversität keine Rede mehr. Viele Vertreter der Wirtschaft sitzen jetzt im Hochschulrat. Der Einfluss geht so weit, dass bestimmte Fachbereiche abgewickelt werden. Es geht z.B. um die Schließung von „Orchideenfächern“, auch andere Institute wie das für Theaterwissenschaften sind davon bedroht. Immer wieder zeigt sich bei der Stiftungsuniversität die Tendenz zur Ökonominierung von Bildung. Und das als Bürger zu finanzieren gefällt mir nicht.

FGZ: Meinst Du, dass Eure Aktivitäten als Bürgerinitiative auch zu dem Meinungsumschwung beigetragen haben?

Wahl: Ja, auf jeden Fall. Die Berichte über die Veranstaltungen, die wir gemacht haben, waren in allen Tageszeitungen drin. Am Anfang wurde jegliche Einbeziehung der Bürger abgelehnt. Ich war im Januar im Planungsausschuss, habe gefordert, die Bürger miteinzubeziehen, das wurde abgelehnt. Genauso im Ortsbeirat. Aber im Laufe der Zeit kams dann tortzdem dazu. Wobei von Seiten der Stadt nicht nur die positive Einstellung zur Bürgerinitiative eine Rolle gespielt hat, sondern sicher auch die Überlegung, die Argumente der Initiative können wir mit nutzen für die Auseinandersetzung mit dem Land. Das Land wollte eigentlich etwas anderes, nämlich möglichst viel Kohle raus holen für die Stiftungsuniversität beim Verkauf des alten Unigeländes.Die Stadt war da schon früher etwas vorsichtiger im Interesse des Stadtteils Bockenheim.

FGZ: Eigentlich ist die Arbeit Eurer Initiative ja bereits eine kleine Erfolgsgeschichte. Gibt es so etwas wie eine neue Städtebewegung?

Wahl: Vor zwei Jahren war der Begriff der Gentrifizierung noch ein Fremdwort. Inzwischen spielt er in vielen Städten eine Rolle. In vielen Städten gibt es jetzt Bürgerbewegungen unter dem Motto “Recht auf Stadt”, die sehr unterschiedlich zusammengesetzt sind. In Hamburg gibt es Leute aus dem liberalen Bereich, aus dem autonomen Bereich, und die vom Gängeviertel, die vermitteln.Es ist es ihnen gelungen, vieles auf die Reihe zu kriegen. In Berlin und Freiburg gibt es ähnliche Bewegungen, in Stuttgart sieht man es jetzt bei Stuttgart 21. Die Vorstellung, ein Recht auf die Stadt zu haben, breitet sich aus.

Interviewer:  Bert Bresgen

 


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