Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Partei des geringeren Übels

In einem fernen Land gab es eine Partei, die nannte sich nur „Partei des geringeren Übels“ kurz PGÜ.

Und da die Bürger des Landes nicht an Utopien glaubten, wählten viele die PGÜ.

Nicht weil sie die Partei besonders mochten oder weil sie deren Programm gelesen hätten, auch nicht weil die PGÜ jemals auch nur eines ihrer Wahlversprechen gehalten hätte, sondern weil die PGÜ einfach nur nicht ganz so schlimm wie die andere große Partei, die „Partei des Übels“ (PDÜ), war.

Wenn die „Partei des Übels“ eine Rentenkürzung um 10 Prozent forderte, konterte die „Partei des geringeren Übels“, dies sei doch unsozial den Rentnern gegenüber und forderte eine Kürzung um 5 Prozent.

Wenn die „Partei des Übels“ die Sozialleistungen senken wollte, wollte die „Partei des geringeren Übels“ lieber die Steuern erhöhen.

Wenn die „Partei des Übels“ mit wehenden Fahnen in jeden sinnlosen Krieg ziehen wollte, so zog die „Partei des geringeren Übels“ es vor, ohne wehende Fahnen in jeden zweiten sinnlosen Krieg zu ziehen.

Natürlich hätten die Leute auch gar keine Partei des Übels wählen müssen, weder die des größeren, noch die des geringeren.

Jedem hätte es freigestanden selbst eine Partei zu gründen oder eine der unzähligen kleineren Parteien zu wählen.

Aber die Leute wollten lieber mit der Masse gehen. Und außerdem, so dachten sie, wäre jede Stimme, die man der „Partei des geringeren Übels“ vorenthält, eine indirekte Stimme für die „Partei des Übels“. Und diese wollte man als Gegner des Übels ja nicht gewinnen lassen.

Auf solche Weise schaffte es die „Partei des geringeren Übels“ sogar einmal eine Wahl zu gewinnen.

Als ihre Vertreter dann an der Regierung waren, merkten sie, dass das tatsächliche Ausmaß des Übels viel größer war, als man jemals angenommen hatte.

Da sah die „Partei des geringeren Übels“ die Notwendigkeit, sich an das Übel anzupassen und nannte diese Anpassung „Realpolitik“.

Irgendwann reichte es den Leuten und sie wählten die „Partei des geringeren Übels“ ab und stattdessen die „Partei des Übels“ wieder an die Macht.

Den ausscheidenden Regierungsmitgliedern von der PGÜ war das natürlich herzlich egal, da sie ihren wirtschaftlichen Schnitt gemacht hatten. Sie zogen sich von der Politik zurück und machten lukrative Geschäfte oder schrieben an ihrem Memoiren.

Die „Partei des geringeren Übels“ landete von Neuem auf der Oppositionsbank und konnte von dort aus wieder Reklame machen, dass sie das geringere Übel sei.

Nur ob ihnen das noch einmal jemand glaubt?


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