Frankfurter Gemeine Zeitung

Soziale Bewegungen aus dem Internet

Im Zentrum des gegenwärtigen sozialen Wandels, den uns die Medien immer wieder präsentieren, wird eine „technische Revolution“ angesiedelt, die zu gänzlich neuen Erfahrungen und Verbindungen führen soll. Vor 20 Jahren wurde noch eine digitale Revolution deklamiert, die auf die Massenverbreitung von Computern setzte. Inzwischen wurde die revolutionäre Agenda weiter geschrieben und dem Internet oder Web die Fähigkeit für ausserordentliche soziale Umwälzungen zugemessen.

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Durch die Verbindung der vielen pfiffigen Geräte zusammen mit passenden „sozialen Programmen“ (ala Facebook oder Twitter) sollen sogar gänzlich neue kollektive Kompetenzen und Verbesserungen des Lernens einzelner möglich werden. Web-Utopien vermuten gar ein breites Spektrum neuer demokratischer Potentiale für uns alle. Sie reichen von Instant-Aktivierungen ala Flashmobs über demokratische Arbeitsorganisation im Stil der „Open Source Software“ Bewegung bis zu einer umfassenden Bürgerbeteiligung an öffentlicher Verwaltung und Planung via „Open Government“.

Solche schöngezeichneten Visionen bleiben nicht unwidersprochen, zuerst in Deutschland mit Frank Schirrmacher, kurz danach durch Nicholas Carr in den USA. Zwar werden von verschiedenen Kritikern neue Möglichkeiten goutiert, aber im allgegenwärtigen Instant-Charakter des Webs (“fix, kurz, viel”) wird eher ein bedrohlicher Schwund an Aufmerksamkeit diagnostiziert, selbst hinter den freiwilligen Kooperationen im Web Neuauflagen klassischer sozialer Hierarchien ausgemacht und viel mehr Überwachungsgesellschaft als Beteiligungsgesellschaft vermutet.

Bei diesen skeptischen Einwänden bleibt es nicht: was von „Evangelisten“ des Internets gerade noch als Mechanismus des besonderen Web-Potentials angepriesen wurde, erkennen selbst Internet-Stars wie Jaron Lanier als Bedrohung. Das gilt besonders für große Ansammlungen kleiner Abstimmungen in der virtuellen Welt, etwa zu Produkten, Texten, Personen oder Ereignissen. Die Kriterien dafür sind meist einfach gestrickt, leicht rezipierbar und fix zu übernehmen. Dem entsprechend agieren die Beteiligten: meist wird leicht das Leichte, Gängige von den Vielen adaptiert – es droht eine Verflachung, die auf wenigen, eher gleichgültig akzeptierten Schemata aufsetzt. Entsprechend verschwinden in seiner Perspektive eher randständige Beiträge und Bewertungen, Lanier befürchtet einen Niedergang unserer Kreativität durch die Formen, in denen sich das Internet gerade ausprägt.

Eine neue, interessante Variante der Kritik stammt von einem weiteren Internet-Evangelisten. Malcolm Gladwell vor Tagen im „New Yorker“ einen Artikel „Small Change. Why the revolution will not be tweeted“, der es unternimmt, ein neues Mythos der Web-Enthusiasten zu demontieren. Von Moldavien bis Iran wurde er aufgebaut: soziale, ja revolutionäre Bewegungen wurden danach durch die Web-Instanz (z. B. „Twitter“) erst ermöglicht, in Gang gehalten und weiter angetrieben. Das Web erlaubt angeblich eine echte Massenmobilisierung, die ohne dieses weitreichende und schnelle Kommunikationsmittel nicht zustande käme. Die Kommunikationsprotokolle in Twitter während der „grünen Revolte“ im Iran beweisen das.

All das bezweifelt Gladwell. Zunächst sieht er die Belege für Aktivierung als nicht stichhaltig: Strassenaktivisten im Iran verständigen sich nicht in englischer Sprache, und genau diese sprechen die Twitter-Protokolle. Das klingt nach Hype und nicht nach ernsthafter Untersuchung.

Besonders präsentiert er lebhafte Beispiele aus den jahrelangen, oft bohrenden und kleinteiligen Aktivitäten der Bürgerrechtsbewegung in den USA: sie zeigen für ihn, dass es bei folgenreichen politischen Bewegungen, die auf tiefsitzende soziale Probleme abzielen, auf enge Verbindungen, auf Vertrauen und Zusammenleben ankommt. Aktivisten müssen danach ein gemeinsames Milieu erarbeiten, die das Web nicht leisten kann. Politischer Aktivismus beruht auf „starken Beziehungen“, während das „Soziale“ des sozialen Webs auf „weak ties“ aufbaut, denen nur schwache Verlässlichkeit innewohnt: was meinen schon 1462 Facebook „Freunde“? Die Bürgerrechtsbewegung und die soziale Revolution 1989 liefen effektiv ohne das Web – mit “strong ties”.

Das soziale Web dient eher einer Partizipation und nicht einer kollektiven Motivation. Es hilft für verbessertes Wissen und zeigt herrschende Stimmungen an. Am besten hilft es dem Massenpublikum eher folgenlose soziale Hilfestellungen zu geben (“suche einen neuen Teddybären”). Gladwells Diagnose lässt sich noch etwas ergänzen: das soziale Band im Web baut auf einem eindimensionalen Tele-Kanal auf, während unsere Bande abseits vom Screen auf vielen Wahrnehmungen, Gesten, Bewegungen und Äusserungen in einem quirligen Umfeld beruhen. Das führt dazu, dass für Involvierte Situationen grundsätzlich besser  einschätzbar sind als über Betrachter mittels Web-Kanälen, seien noch so viele Video-Schnipsel darauf sichtbar.

Die Reaktionen auf Gladwells Artikel reichten bis nach Deutschland, Süddeutsche und Freitag, besonders die vermutete Wirkungslosigkeit von reinen Web-Kampagnen, wie sie auch der Web-Star Clay Shirky propagiert. Gladwells Artikel wird von verschiedenen Nerds als undifferenziert kritisiert und es scheint mir, dass die Gegenüberstellung von nachhaltiger Bewegung und gleichgültigem Web zumindest zu einfach ist. Es gibt politische Ereignisse und langfristige Bewegungen, die unterschiedliche Grade an Langfristigkeit, Tiefe und Nachhaltigkeit, Organisation und Wissenserwerb für Teilnehmer verlangen, sogar variierend zwischen den Aktivisten. Ursprung und Ziele der Bewegungen liegen meist in der „realen Welt“, Missstände werden dort erfahren und verändert, und nur ein dauerhaftes Sensorium vor Ort baut ordentliche Fundamente für folgenreiche Initiativen. Nicht zuletzt der anhaltende Bezug auf Stadtprobleme zeigt die Notwendigkeit vom „Vibrieren der Umgebung“, den dichten Erfahrungen für soziale Bewegungen auf.

Das Web bietet allerdings eine pfiffige Plattform für notwendiges Wissen und vielleicht leistet seine eigene „soziale Sensorik“ etwas soziale Anregung über das Web hinaus, der Art: „wenn so viele Mitmachen, könnte ja was dran sein“. Die erwünschte Wirkung tritt aber nur dann ein, wenn es abwechslungsreiche Kanäle – neben den beherrschenden Mainstreams – gibt, verschiedene Checks und Diskurse laufen, die Wissen und Ziele immer revidieren und weiter treiben können.

Politische Flashmobs und Web-Bewegungen haben i wesentlichen symbolische Funktionen, dürfen aber nicht als bemerkenswerter Beitrag darüber hinaus interpretiert werden, gar als Ersatz für politisch weit tragendes „out there“. Es gibt jedoch politische Ereignisse, die keine dauerhafte Verankerung verlangen.


2 Kommentare zu “Soziale Bewegungen aus dem Internet”

  1. Fadir

    plaätze am computer sind belegt, so dass keine möglichkeit vorhanden ist. Labtop wird gestohlen oder kaputt gemacht

  2. rails

    73ab enter site is price

    is canada legal

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