Frankfurter Gemeine Zeitung

85656 Stuttgart-21-Fans can´t be wrong!

Die Fanseite eines kleinen Bandes mit Schüttelreimen »Geschüttelt, nicht gerührt« von Matthias Oheim und mir hat derzeit 29 Fans auf Facebook. Über die Hälfte davon sind mir glücklicherweise vollkommen unbekannt. DIe Fanzahl korreliert gut mit den Verkaufszahlen des kleinen Bändchens.
So einfach ist das heute.
Vergeßt aufwändige Marktforschung, repräsentative Umfragen und den ganzen Old-Europe- Kram! Popularität läßt sich heute blitzschnell über die Zahl der »gefällt mir«-Klicks auf Facebook messen. Der Uraltstreit: Stones oder Beatles? Wird eindeutig gegen die uralten Stones und zugunsten der  teilweise toten, aber ewig lebenden Beatles entschieden: 8.743.515 gegen 2.287.013. Von Pop zu Politik: CDU oder SPD? Die SPD liegt mit 13.426 weit vor der CDU mit 5.900.

Das sind unbestechliche Zahlen! Und solche Zahlen werden heute als Stichwaffe in der politische Diskussion verwendet. So verwies bei der »Hart aber Fair«-Sendung über das Projekt Stuttgart 21 ein Befürworter darauf, dass eine große Mehrheit der Bevölkerung hinter dem Projekt steht. Die Facebook-Gruppe der Projektbefürworter habe mehr Mitglieder als die Gegner. Erstaunlich! Aber, tatsächlich: Die Gruppe »Kein Stuttgart 21« weist derzeit 72.023 Unterstützer auf, »Für Stuttgart 21« liegt weit vorn mit 85.656.
Daran kann man sehen:  Die über 100.000 Demonstranten, die jede Woche in Stuttgart lautstark demonstrieren, sind tatsächlich allesamt Berufsdemonstranten. Und die paar hundert bis wenige tausend Befürworter, die ab und an auf Stuttgarts Straßen flanieren, vertreten die legendäre schweigende Mehrheit. Die Facebook-Zahlen beweisen es, denn, um es mit dem Elvis-Slogan aus Prä-Facecbookzeiten zu sagen: 85656 Stuttgart-21-Fans can´t be wrong! Oder?

Die Sache hat nämlich einen kleinen Haken: Wenn man ein wenig googelt, kann man fest stellen, dass man FacebookFans kaufen kann. Es gibt inzwischen Firmen, die darauf spezialisiert sind. Have a look at: www.fanbullet.com. Facebookfans sind  nicht einmal übertrieben teuer, kaum teurer jedenfalls, als die bezahlten französischen  ”Claqueure“, die im  19. Jahrhundert auch einer misslungenen Oper zum Durchbruch verhelfen konnten. Deren  Aufgaben waren vielfältig. Laut Wikipedia gab es da die

  • Tapageurs (Aufsehenmacher): Sie hatten heftig zu applaudieren.
  • Connaisseurs (Kenner): Sie hatten die Aufgabe, während der Vorstellung positive Bemerkungen fallen zu lassen.
  • Rieuers (Lacher): Sie hatten die Umsitzenden mit ihrem „spontanen“ Gelächter anzustecken.
  • Pleureurs (Heuler): Ihre Aufgabe war es, während rührender Szenen zu schluchzen.
  • Chatouilleurs (Kitzler): Sie äußerten sich vor Anfang der Vorstellung und in den Pausen positiv über die Darbietungen.
  • Chauffeurs (Heizer): Sie standen tagsüber vor den Ankündigungen und hatten das Stück vor den Umstehenden zu loben.
  • Bisseurs („Nochmaler“, „Zugabe“-Rufer): Sie riefen nach der Vorstellung „Da capo“ und „Zugabe“.

All dies wird man auch in den Aus- und Aufführungen eines manchen modernen Facebook-Stuttgart 21- Fans wieder entdecken können. Und, was  im Sinne des demokratischen Prozesses noch wichtiger scheint: ein kostengünstiger Jubelstuttgarter HEUTE ist weniger ideologisch verbohrt und handgreiflich, als z.B. die berüchtigten Jubelperser DAMALS, die zu Alt68er-Zeiten dem Schah zujubelten. Das Prügeln überlässt der Jubelstuttgarter den Ordnungskräften. Er läßt die Polizei die Kastanien aus dem Feuer holen, die  ihr zuvor an den MappusseiDank-wohlbehelmten Köpfe geworfen wurden. Natürlich: Dann kann so ein wohlbehelmter Kopf oft nicht mehr ganz klar denken…. das kann man nachvollziehen. Hinter den vielen  ”Pro-Stuttgart-21″-Webseiten hingegen stecken wenige, aber nur allzu kluge Köpfe. Wer die Wurzeln der Graswurzelbewegung ”Pro Stuttgart 21″ ausgräbt, stößt unweigerlich immer wieder auf dem Allgemeinwohl verpflichtete Unternehmen, vor allem:  Werbeagenturen. Auch gerne Werbeagenturen, zu deren Kunden wiederum die Deutsche Bahn AG gehört.  Nachzulesen zum Beispiel hier: http://www.metronaut.de/politik/stuttgart-21-mit-pr-agenturen-gegen-demonstranten/

Man mag zu dem Verbuddeln eines Bahnhofs stehen, wie man will. Bedenklich ist, wenn das Medium Internet von denen, die ohnehin in der “wirklichen Welt” die Macht besitzen, benutzt wird, politische Stimmung zu machen. Und das mit dem Geld derer, die sie beherrschen: der Bahnkunden, des Steuerzahlers. Und aller anderen.


7 Kommentare zu “85656 Stuttgart-21-Fans can´t be wrong!”

  1. Sven Eric

    Und mein obiger Artikel hat mich nun geradezu dazu gezwungen, ein Schüttelreimgedicht zu Stuttgart 21 zu verfassen, welches auf der im Artikel erwähnten Fanseite nun zu lesen ist.

  2. Sven Eric

    Achso, hier:
    http://www.facebook.com/pages/Geschuttelt-nicht-geruhrt/184571663533

  3. gaukler

    Das macht den Avatar im Web erst richtig schön: wir kommen zu realitätstauglichen Politik-Avataren.

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