Frankfurter Gemeine Zeitung

Medien-Kompass – Letzte Oktoberwoche

Ja, noch ein periodischer Artikel, der kleine “Medien-Kompass”. Wir nehmen ihn wegen der Übersichtlichkeit aus “Bemerkenswertes” heraus. Es gibt so viel Infos und Medienspektakel, besonders wenn man das Web einbezieht, dass wir den Kompass, das Aufspüren von vielbeschrittenen Pfaden und einige Wegweiser als dringlich erachten. Das mediale Gewust folgt oft einfachen Zügen, die man in der Fülle immer mal übersehen kann. Deswegen haben wir Bemerkenswertes zu Kultur und Web einfach extra eingerichtet, das soll besser lesbar sein. Bietet sich an, weil wir nicht jede Woche mit einer Überflüle an Artikeln rauskommen.

Was also gibts Neues:

Zuerst die TAZ, die hat nämlich einen journalistischen Coup gelandet, der städtischen Bewegungen sehr hilfreich ist: sie hat die Berliner Geheimverträge zur Trinkwasserversorgug der Stadt mit RWE und Veolia veröffentlicht! Rund 40 Prozent des Trinkwassers in Deutschland wird inzwischen von Unternehmen verkauft, die ganz oder teilweise in privater Hand sind. Dazu gehören etwa die Wasserwerke von Bremen, Essen, Höxter, Gelsenkirchen, Dresden, Schwerin, Goslar, Cottbus oder Rostock. Und bisher wurden noch nirgends alle Verträge zu den lukrativen Geschäften veröffentlicht. RWE und Veojola bekommen n den Verträgen jährliche Gewinne in dreistelliger Millionenhöhe zugesichert – auf Kosten der Stadtbewohner. Also: den Kommunalpolitikern muß man gegen Privatisierungs-Versuche noch mehr Druck machen.

Hilfe dafür bietet eine neue Web-Instanz: Im Web ist nämlich ein neues politisches Wiki eröffnet, das lobykritische Kompedium Lobbypedia. Es werde Licht im Dickicht des Lobbyismus. Dem Wiki geht es um Spielarten der Vernetzung von “Geld – Macht – Politik”  und ist an die Bedienung von Wikipedia angelehnt. Letzte Woche haben wir in einem Artikel auf die Gespinste um Stuttgart21 hingewiesen, Lobbypedia bietet ein “Portal Bau- und Immobilienlobby“. Für unsFrankfurter bei Recherchen besonders interessant: das “Portal Finanzlobby“; es kann uns sicher in der Frankfurter Kanalforschung weitehelfen!

Die rührige “Fachzeitschrift für Finanzprofis” Procontra schreibt unter der netten Überschrift “Der niedere Adel kommt“: “Aufwertungsprozesse sind also etwas für mutige Investoren, die sich von sozialen Protesten nicht abschrecken lassen. Aber es gilt wie so oft: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Nur so schmeckt der Cocktail über den Dächern Berlins und anderswo.” Man gewinnt den Eindruck, dass die Debatten über, besonders aber auch die Verunglimpfung von Protesten (Süddeutsche, Spiegel) für die gebildete Immobilienbranche als Herausforderung begriffen wird. “Halten wir zusammen und zeigen den Leistungsempfängern mal, wo der Hammer hängt”. Es ist immer wieder eine Freude, wenn sich Leistungseliten miteinander beraten. Wo schmeckt also der nächste Cocktail am besten und wem ?

Slavoi Zizek hat sich mal wieder zu Wort gemeldet, diesmal zur Integrationsdebatte in der Süddeutschen. Er verlangt eine Leitkultur, allerdings eine emanipatorische, die Kritik an allen Zuständen in allen Ländern zulässt: “Die Meinungsfreiheit funktioniert nur, wenn alle den gleichen ungeschriebenen Höflichkeitsregeln folgen, die festlegen, welche Formen von Angriff unannehmbar sind, auch wenn sie letztlich vom Gesetz geschützt werden. Diese Höflichkeitsregeln können uns auch aufzeigen, welche Merkmale eines ethnischen oder religiösen Lebenswandels akzeptabel sind und welche nicht. Wenn sich allerdings nicht alle Beteiligten auf solche ungeschriebenen Formen einigen, wandelt sich der Multikulturalismus in gesetzlich geregelte Ignoranz und Hass. Das ist der Grund, warum es die essenzielle Aufgabe aller ist, die heute für Emanzipation kämpfen, über den reinen Respekt für andere hinauszuwachsen und eine positive, emanzipatorische Leitkultur zu finden, in der die Koexistenz und die Vermischung verschiedener Kulturen möglich wird. Und den kommenden Kampf für eine solche Leitkultur aufzunehmen.” Er begreift also ein emanzipationsfähiges Individuum über alle Gruppen hinaus. Seine Leitkultur ist deshalb eine emanzipatorische Leitkultur die sich undifferenzierten Phrasen über “Islamofaschismus” und “Freiheit durch Nato” versperrt. Zu fragen bleibt, wie sich das im lokalen Alltag umsetzt.

Wolfgang Michal weist uns in Carta auf die feinen Selektionsmechanismen des herrschenden deutschen Journalismus hin: wenn Gattin Guttenberg oder Sarrazin in ihm die Hauptrollen spielen, bleiben ein paar Milliarden für die Bad Bank schnell auf der Strecke – auch wenn´s die “größte Finanztransaktion der deutschen Geschichte ist – wir sind ja alle im Aufschwung ! “Hieß es am Donnerstag vor der wohl „größten Finanztransaktion in der deutschen Geschichte“, es seien Wertpapiere, Kredite und Derivate im Nominalwert von 191,1 Milliarden Euro von der HRE zur Bad Bank übertragen worden, so war am folgenden Montag nur noch von 173 Milliarden Euro die Rede. Bisschen Schwund ist ja immer. Doch die Qualitätsmedien erklärten nicht, wie der auffällige Verlust zustande gekommen ist. Sie meldeten lediglich: „Hypo Real Estate spaltet problemlos Bad Bank ab“ (FAZ). Die meisten Zeitungen hielten sich an die Pressemitteilung der „Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung“. Tja, 18 Milliarden Differenz. Carta meint, es wäre interessant “zu fragen, ob die Strategen der HRE unter Mitwirkung ihrer Gläubiger und staatlichen Helfershelfer nicht drauf und dran sind, die Bürger dieses Landes ein zweites Mal über den Löffel zu balbieren, indem sie bei den Bewertungen der Schrottpapiere wieder so tricksen und verheimlichen und „verbriefen“ wie das schon die Halunken der Finanzkrise getan hatten. Das macht die Berlin-taugliche deutsche Wirtschaftspresse leider nicht, zur Bad Bank passt der Bad Journalismus.


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