Frankfurter Gemeine Zeitung

Melancholie und Widerstand

Herbst. Der Herbst ist jene Jahreszeit, in der im Unterschied zum Rest des Jahres gerne Gedichte gelesen werden. Meistens melancholische Gedichte wie dieses:

Chanson d‘automne

Les sanglots longs
Des violons
De l’automne
Blessent mon coeur
D’ une langueur
Monotone.

Tout suffocant
Et blême, quand
Sonne l‘ heure,
Je me souviens
Des jours anciens
Et je pleure;

Et je m’en vais
Au vent mauvais
Qui m’ emporte
DeV à, delà,
Pareil à la
Feuille morte.

Voila: schon fühlt man sich auch bei kläglichen Französischkenntnissen wie: ein totes Blatt.

Oder ein totes Ballett (Massenselbstmord).

Oder wie ein ominöses Omlett, das bei dem mißlungenen Versuch es kühn herumzudrehen an der Stuck-Decke hängengeblieben ist und nun in einzelnen halbrohen Teigfetzen heruntertropft auf die entblößte Schulter einer berückenden Frau im Abendkleid, die grade ansetzte, ein Herbstlied vorzutragen. Omletts werden bislang nur in sanierten Altbauwohnungen mit Stuckkdecken zubereitet, ebenso wie Herbstlieder.

Dieses Herbstlied ist von Paul Verlaine. Und weil das von Paul Verlaine ist und fast nur aus Klängen besteht, ist es eigentlich unübersetzbar. Our very own Super-Ästhtet und Bingener Hagestolz Stefan George hats trotzdem versucht und bei ihm klingt es so: “Seufzer gleiten Die saiten Des herbsts entlang/ Treffen mein herz Mit einem schmerz Dumpf und bang./ Beim glockenschlag Denk ich zag und voll peinen An die zeit Die nun schon weit /Und muss weinen./ Im bösen winde Geh ich und finde Keine statt…Treibe fort Bald da bald dort –Ein welkes blatt.” Man sieht: auch der Meister einsamer Worte scheute nicht davor zurück als Übersetzer Herz auf Schmerz zu reimen.

“Im bösen winde geh ich und finde keine statt”, so ist es in der melancholischen Jahreszeit. Und für einen echten Melancholiker wie Verlaine war dies die einzige Jahreszeit. Es gab keine andere. Im Unterschied zu den heutigen Herbstkranken versuchte er dem noch nicht durch einen Wellness-Kurzurlaub in Marienbad und Duftkerzen entgegenzuwirken, höchstens durch Besuche bei der grünen Fee, dem Absinth.

Absinth und Melancholie machen die Unbeweglichkeit zu einem verführerischen Erlebnis. Aber mit diesem Gedicht hat es eine seltsame Bewandnis. Mit diesem Herbst-Gedicht, insbesondere mit der als Signal verstandenen 2. Strophe wurde, wie Wikipedia erklärt, “die französische Resistance im Zweiten Weltkrieg auf dem Sender Radio Londres der BBC am Abend des 5. Juni über den Termin der innerhalb 48 Stunden bevorstehenden Landung in Frankreich (6. Juni, Operation Overlord) informiert.”

Was mögen sich die Abwehrspezialisten der Wehrmacht gedacht haben, als sie diese Verse hörten? Dass die BBC den Franzosen mitten im Sommer die Melancholie des Herbstes näher bringen will?

Seltsam.

Vielleicht werde ich mir morgen zum ersten Mal in meinem Leben ein Omlett zubereiten.

Oder ich fahre nach Marienbad.


Blind dates 1. – 7. 11.

Bornheim01

Am Montag, um 20 Uhr im Club Voltaire wendet man sich den Stadtumbrüchen zu, mit Film und Diskussion: “Empire St. Pauli – von Perlenketten und Platzverweisen” heisst er. Auch wenn sich der Film lediglich der Entwicklung St. Paulis widmet, so stehen die
politischen und wirtschaftlichen Umstrukturierungsmaßnahmen und gesellschaftlichen Prozesse stellvertretend für einen Wandel, der sich an vielen Orten der Welt wiederfinden lässt: Gentrifizierung.

Café im Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, Markt 44 zeigt am Mittwoch, 3. November um 19 Uhr: „Im Schatten des Bösen – Der Krieg gegen die Frauen im Kongo” Dokumentarfilm 2008 mit anschließender Podiumsdiskussion. Das ist leider sehr aktuell denn die Lage im ganzen Kongobecken (Größe Westeuropas) ist prekär. Seit 1996 haben die Kriege im Kongo Millionen Todesopfer gefordert – ohne viel Aufmerksamkeit bei uns. Marodierende Armeen und Rebellentruppen kämpften in der Hauptsache um (unsere) Bodenschätze. Vor allem Frauen sind bis heute von systematischen und besonders brutalen Vergewaltigungen bedroht.

Tja, im Ökohaus (Grüne, Schwarze !?) soll der Widerstand Gestalt annehmen, am Freitag um 19 Uhr: „Leben in Stuttgart“ – Veranstaltung mit Gangolf Stocker, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21. Gangolf Stocker wurde eingeladen, weil er in Frankfurt nicht nur über den dann aktuellen Stand der Dinge, sondern auch über die Entstehungsgeschichte von Bürgerbewegung und Aktionsbündnis berichten kann.

Stuttgart ist schon jetzt über den Widerstand gegen das Immobilienprojekt Stuttgart 21 hinaus ein Musterbeispiel direkter zivilgesellschaftlichen Intervention in die unmittelbare Lebenswelt der Bürger und Bürgerinnen. Und Frankfurt? In einem zweiten Teil sollen insbesondere Stadtinitiativen aus Frankfurt, ihre Praxis vorstellen
und gemeinsame Schnittmengen erörtern.


Bemerkenswertes – Letzte Oktoberwoche

Die FDP ist eine kleine, eindeutige Partei, der man leicht folgen kann. So leicht wie eine Steuererklärung auf dem Bierdeckel zu lesen ist. Darauf passt ja auch etwa ihr Programm: “keine Steuern für Leistungseliten”.

“Freiheitlich” hat die Postenmaschine FDP im Titel, soll auf eine liberale Tradition hinweisen, die auch für Bürgerrechte eintritt. Zwei Ereignisse die letzten Tage haben diese Illusion noch einmal zerpflückt und die FDP ist jetzt klarer im rechten europäischen Feld “Freiheitlicher Pateien” ala Haiders Trupp in Österreich einzuordnen: das Aussenministerium der FDP schützte 30 Jahre lang die Naziumtriebe der Mitglieder des Amts. Und für die Zukunft möchte sie den Kontroll-Staat noch stärker ausrüsten: Erhöhung der Strafe bei “Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“. Vermutlich gilt bald ein aufmüpfiger Blick als solcher. Die FDP ist Steigbügelhalter der Rückkehr ins 19. Jahrhundert. Tja, das ist immer die Frage: Freiheit für wen und auf wessen Kosten ?

Passend zum vorigen Artikel war ein Testlauf in Frankfurt letzte Woche: Boris Rhein, aus bekannter Frankfurter Familie kommend und nun in Wiesbaden als CDU-Innenminister tätig, sperrte eine Nacht mit 300 Polizisten das Bahnhofsviertel ab. Jeder musste seinen Ausweis vorzeigen, Totalkontrolle von über 1000 Leuten über die Business-Distrikte hinaus: entdeckt wurde etwa ein 17Jähriger, der im Puff unterwegs war und ein Verstoß gegen das Aufenthaltsgesetz. Besonders wurden die Hygienevorschriften der Kneipen untersucht, na im Pass auf der Strasse ? Welch eine Stimmung in der Stadt.

Der Mann kann einfach alles, und bietet alles, was das Business wünscht: Beziehungen, Beratungskompetenz, juristische Kenntnisse. Ex-Ministerpräsident Koch kommt aus der Familie, die uns das schöne Eschborn in seiner heutigen Modell-Form beschert hat. Das bot Klein-Roland schon früh ein Übungsfeld und er kehrt an dessen Sockel zurück: ins Baugeschäft. Bilfinger Berger. Es gibt ja noch viel zu tun im RheinMain-Gebiet, umzubauen, zu investieren, da ist echt Geldverdienen mit. Und nicht nur dort. Erfolg wünschen wir ihm nicht.


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