Frankfurter Gemeine Zeitung

Bewegungen: handfeste Impulse

Jagd-Demo

Fährtenlese und Spurensuche betreibt seit Jahren der kluge Kritiker Robert Misik: er gibt den Ethnologen unseres kulturellen und politischen Alltags, kümmert sich um wichtige praktische Kampffelder für einen links texturierten Zeitgeist – oder seine Restbestände. Das dreht sich um kulturelle Traumwelten der Warenwelt und Märkte, um Verwirrungen der “Progressiven”, ideologische Strategien und eine Brise Marx-Lektüre. Sein neustes Buch heißt standesgemäß: Anleitung zur Weltverbesserung: Das machen wir doch mit links“.

Passend zu dieser Veröffentlichung mischt Misik sich in die Leit-Appelle des Freitag ein: “Freiheit, Gleichheit, Streikheit Dagegen sein reicht nicht. Protest braucht ein Wir-Gefühl“. Misik konstatiert ein “Tappen im Dunkeln” (online leider nur ein kleiner Ausschnitt!), das sich auch bei der großen Streikbewegung in Frankreich zeige und typisch für linke Desorientierung sei: Blockaden wie Ablehnung allein reichen nicht, ist oft sogar kontraproduktiv.

Mit dieser Diagnose ist Misik nicht allein, nur der Hintergrund des Befundes liegt bei ihm anders als etwa die Tage bei Rudolf Maresch in Telepolis. Der reiht sich in die Reihe von Autoren ein, die in Deutschland erstaunlicherweise eine vehemente Protestbewegung am Werke sieht – mit Stuttgart als ihrer Speerspitze. Der Kritiker Maresch versteht aber gleichzeitig die Welt nicht, denn der “Protestgesellschaft” geht´s doch eigentlich super, die Kinder fahren mit dem SUV zur Schule, zum Dritturlaub geht´s auf die Malediven und viele andere Dinge beglücken uns alle: die Leute sind halt verwirrt und kapieren einfach nicht, dass die von ihnen Gewählten doch nur das machen, was die Wähler eigentlich wollen. Mareschs Rat ala Sarazin:  Schluß mit dem ganzen Protest-Unsinn, dranbleiben, damit der Aufschwung 2.0 uns alle weiter bringt.

Nicht kapieren tun es nach Misik die Linken auch, aber er ordnet das ganz anders als Maresch ein: nicht den Aufschwung der Deutschen Bank möchte er befördern, sondern genau den der Linken. Die sollte aber nicht einfallslos dagegen sein oder sich einem Moralisieren ala “Gutmenschen” hingeben. Wir brauchen für eine Bewegung mehr, und zwar eine Sprachaufbereitung, die der herrschenden kulturellen Hegemonie, dem Jubel für Märkte wiederstehen kann. Gewiß ein gutes Vorhaben, das kann ich voll unterstützen!

Nun soll sich diese neue Sprechweise aber nicht im Widerstreit um partikulare, materielle Interessen einzelner Gruppen ausdrücken, sondern in markanten Werten, deren Bedeutung für alle auf der Hand liegt. Gelingendes Leben und Gleichheit anstelle von Gutmenschentum soll sein, und man soll dafür greifbare, allgemein gültige Belege präsentieren, die allen verständlich und überzeugend sind: das Buch “Gleichheit und Glück” von Richard Willkinson und Kate Pickett liefert die Munition für seine Strategie. Es zeigt nach ihm zur Genüge, dass gutes, gelingendes Leben für alle nur in Gesellschaften mit markanter (ökonomischer) Gleichheit möglich ist.

Das ist gewiß anregend – doch keine ausfüllende Strategie. Es bietet Material für eine bessere sprachliche Richtschnur der Linken, die mit “Kooperation, Kreativtät und Gleichheit” operiert und gegen die Lufthoheit der Markt-Worthülsen etwas Boden wettmachen kann. Aber: es ist schlicht zu wenig für echte politische Impulse. In dem von Misik so favorisierten Buch findet selbst ein liberaler Prediger wie Wolfgang Kersting sein Gutes: herrschende Institutionen müssten bei ihren Maßnahmen doch bloß ein paar Grenzen beachten, mehr folge aus dem Buch letztlich nicht. Also: allein ist noch zu wenig Substanz in dem Buch, vielleicht in dem kurzen Motto Misiks überhaupt.

Es gibt noch wichtigere Ergänzungen: selbst wenn man Kooperation, Kreativtät und Gleichheit politisch operabel macht, sind sie allein nicht motivierend. Ohne die Kärrnerarbeit an vielen Orten, die oft auch Konsens mit Konflikt konfrontiert, ja vom Einspruch lebt, kommen politische Bewegungen nicht aus. Zusammen etwas bewegen, auch wenn´s nicht gleich mit Erfolg gekrönt wird, baut ein kleines Wir-Gefühl, das weitere Aktivitäten anstösst, es arbeitet wie ein kollektives Üben. Also: Interessenpolitik ja, aber mit Reichweite und spannender Sprache  angereichert.

Und das genügt immer noch nicht, denn es bleibt oft in lokalen und kurzfristigen Kampagnen stehen. Über die sprachliche Gehhilfe der Linken hinaus muß deswegen eigener “Sinn” eingebracht werden, wie es der gerade verstorbene Georg Bollenbeck forderte: die Linke benötigt einen Sinngenerator, der für den “langen Atem” des politischen Tuns hilft.  Das meint ein Verschweißen von Begriffen, Ideen, Konzepten, das über Vokabulare ala Misik hinausgeht: wir brauchen Lageanalysen und Hoffnungen, sonst geh uns die Luft aus. Und sie müssen attraktiv sein, gewitzt gegen die herrschende kulturelle Hegemonie: wir brauchen nicht nur die pfiffigen Parolen in den Überschriften, sondern auch spannende Ideen und Visionen, die tiefer ausgearbeitet und herausfordernd sind; und die für Ansprüche auf Realisierbarkeit sensibel sind. So werden Einsprüche auch für Abseitige, gar “Intellektuelle” wieder interessanter. Nicht nur das Getöne von Sloterdijk soll die Zuhörer verzücken.

Und schließlich noch etwas mehr: das Gesagte riecht nämlich nach Koalitionsbildungen auf mehreren Ebenen – ohne sich gleich in großen Utopien verfangen zu müssen. Und dafür helfen unterschiedliche Bewegungen, Diagnosen und Redeweisen. Derer haben wir eher zu wenig als zu viel.

Die Mängel an all dem machen linke Aktivitäten und Ideen so wenig attraktiv. Bleibt nur: die genannten Komponenten sie abzuschwächen, müssen zusammen aufgebaut werden. Misiks Vorschlag ist ein Beitrag, dabei offensiv vorgehen zu können.


4 Kommentare zu “Bewegungen: handfeste Impulse”

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