Frankfurter Gemeine Zeitung

Quadratisch, praktisch, gelb- Vom Wert eines Anarchoschwammes

Spongebob2

Er sieht aus wie ein hyperaktiver Schweizer Käse mit Hasenzähnen, ist laut und unglaublich nervtötend. Eltern hassen ihn, Kinder und Kiffer lieben ihn: Die Rede ist von Spongebob Schwammkopf, in Englisch auch Spongebob Squarepants.

Von kaum einer Comicfigur dürfte zur Zeit so viel Merchandise verkauft werden, wie vom kleinen gelben Schwamm. Fast überall grinst er einem entgegen.

Doch worum geht es überhaupt?

Der Serienheld Spongebob Schwammkopf lebt in einer Ananas unter dem Meer und ist optimistisch, ein wenig naiv, fleißig, duldsam und meistens richtig gut drauf. Er beginnt den Tag für gewöhnlich mit dem durchdringenden Schlachtruf „Ich bin bereit! Ich bin bereit! Ich bin bereit!“.

Seinen unterprivilegierten Drecksjob als Burgerbrater im Fastfoodrestaurant „Krosse Krabbe“ liebt er über alles und lässt sich mit Freuden von seinem geldgierigen Chef, Mister Krabs, herumkommandieren.

Seine besten Freunde sind ein rosafarbener Seestern namens Patrick, der der Prototyp des faulen, arbeitslosen Gammlers ist und seine Freundin Sandy, ein hochbegabtes Eichhörnchen, welches unter Wasser einen Raumanzug trägt.

Außerdem gibt es da noch Thaddäus, den spießigen und grundsätzlich schlechtgelaunten Tintenfisch, der als Kassierer in der „Krossen Krabbe“ arbeitet, aber sich zu Hhöherem berufen fühlt und von einem Dasein als Künstler träumt, was aber stets an seinem mangelnden Talent scheitert.

Die bonbonbunte Welt, in der sich die Abenteuer von Spongebob abspielen, ist erfüllt mit absurden, geradezu dadaistischen Elementen und folgt keinen logischen Gesetzen der Physik.

So befindet sich unter Wasser ein Meer mit Strand und Fische, die zu weit hinausschwimmen drohen zu ertrinken, so dass sie vom örtlichen Rettungsschwimmer gerettet werden müssen.

In einer Folge brennt auch Spongebobs unter Wasser befindliche Ananas ab.

Statt Wolken gibt es in Spongebobs Welt bunte Blumen, die aussehen, als ob sie ein Kind mit Wachsmalkreide an eine blaue Tapete gekritzelt hätte.

Eventuell sind diese absurden Elemente auch der Grund warum viele Erwachsene, die gerne „schöne“ Zeichentrickfilme wie das Dschungelbuch von Disney sehen, von Spongebob eher abgeschreckt sind.

Wer allerdings ein paar Folgen von Spongebob gesehen hat, wird der Serie einen hintergründigen und durchaus gesellschaftskritischen Humor nicht absprechen können.

Immer wieder werden aktuelle Probleme, seien sie politischer oder gesellschaftlicher Natur aufgegriffen und durch den Kakao gezogen. Dies geschieht zwar eher unterschwellig, aber mit einem anarchischen Witz, der auch für Erwachsene, die ihn verstehen ansprechend ist.

Zum Beispiel:

In einer Folge geht es um das Problem der „Gated Communities“. In dieser fühlt sich Thaddäus der Tintenfisch von seinem Nachbarn Spongebob derart genervt, dass er beschließt in das sogenannte „Tentakel-Paradies“ umzuziehen. Hierbei handelt es sich um eine Siedlung, die mit einer Mauer umgeben ist und in der ein Sicherheitsdienst dafür sorgt, dass keine unerwünschten Personen (Schwämme und Seesterne) Zutritt erhalten.

Alle Häuser sehen dort gleich aus und die Bewohner sind allesamt Tintenfische, die die exakt gleichen Interessen wie Thaddäus haben.

Irgendwann allerdings ist Thaddäus durch die ihn umgebende Uniformität derart gelangweilt, dass er selbst zum Störenfried wird und er von einem wütenden Mob aus der Stadt gejagt wird.

In einer anderen Folge wird die „Krosse Krabbe“ mitsamt der Angestellten an einen Großinvestor verkauft. Dies hat zur Folge, dass Spongebob und Thaddäus fortan auf Schritt und Tritt von einem aalglatten jungdynamischen Filialleiter überwacht werden.

Die Burger werden dort nicht mehr von Hand und mit Liebe gemacht, sondern aus ekligem Abfall zusammengepresst.

Dies geht so lange, bis Spongebob, Thaddäus und Mister Krabs dort ein heilloses Chaos veranstalten.

Doch auch Episoden, die nicht direkt gesellschaftskritisch sind, ermutigen dazu, nonkonformistisch zu sein und auch kindischen Impulsen freien Lauf zu lassen, wie z.B. die Episode, in der Spongebob versucht „normal“ zu sein, dabei jedoch so erfolgreich ist, dass er für seine Umwelt unerträglich wird.

In mehreren anderen Folgen verändert Spongebob die physische Realität mit nicht mehr, als der optimistischen Kraft seiner Phantasie.

Und genau in diesen mitschwingenden Statements sehe ich den wahren Wert von Spongebob, nämlich:

Die überkommenen Imperative der Vernunft mit der Macht der Absurdität außer Kraft zu setzen und diesen einen bewusst naiven, fröhlichen Subjektivismus entgegenzustellen.

Spongebob agiert lustbetont aber im gleichen Maße auch mitfühlend und idealistisch, wobei die eigentliche Beliebigkeit der Standpunkte immer wieder erkannt,  aufgegriffen und parodiert wird.

(So z.B. in der Folge, in der sich Spongebob von Thaddäus überreden lässt, seinen eigentlich geliebten Arbeitsplatz zu bestreiken und seinen Arbeitsethos plötzlich zugunsten eines übersteigerten politischen Idealismus aufgibt)

Spongebob ist gerade deshalb so sympathisch und erfolgreich, weil er in völliger Missachtung logischer Kausalitäten handelt.

Vielleicht verkennen aus diesem Grunde so viele bürgerliche Eltern seinen wahren Wert, weil ihnen diese Freiheit des Denkens schon lange aberzogen wurde…


Unser erster Anzeigenkunde: Riedberg der “sympathische” Stadtteil

Wer hätte es gedacht? Die FGZ hat ihren ersten Anzeigenkunden! Darum hier die Werbeanzeige:

A N Z E I G E

Riedberg 1

Fühlen Sie sich bedroht? Leben Sie in ständiger Angst vor Kriminalität? Ist Ihnen das Leben in der Innenstadt zu multikulturell?

Wollen Sie in einer garantiert aufgeräumten Nachbarschaft leben, in der „bürgerliche Werte“ noch etwas bedeuten?

Schätzen Sie eine garantiert moscheefreie Umgebung?

Sind sie so ökobewusst, dass Ihnen die Energiebilanz Ihres Hauses wichtiger ist als eine schöne Fassade?

Haben Sie nichts gegen ein wenig Schimmel in Ihrem überisolierten Passivhaus einzuwenden?

Dann kommen Sie doch nach Riedberg!

Frankfurts blitzsaubere seelenlose Trabantenstadt, direkt zwischen Kalbach und Niederursel, lädt Sie auf einen Besuch ein.

Riedberg 2

Hier gibt es alles was Sie brauchen:

Ausländerfreie Kindertagesstätten, kopftuchfreie Bio-Supermärkte und keine Hartz IV-Empfänger weit und breit.

Hier gibt es keine Burkas! Sie können allen Nachbarn offen ins Gesicht sehen- und das alles ohne die lästige Pflicht sie zu grüßen!

Sofern Ihre Kinder die spießigen Nachbarn nicht stören, dürfen sie sogar zwischen 15 und 18 Uhr an allen Werktagen Fußball im Hof spielen.

Aber natürlich in Zimmerlautstärke.

Schließlich braucht eine „werteorientierte“ Nachbarschaft Ruhe und Sauberkeit.

Hier bei uns wird Uniformität groß geschrieben, darum erhalten Sie beim Kauf einer Wohnung in Riedberg ein nagelneues Navigations-Handy gratis.

Damit können Sie ihr Haus unter den hundert anderen Häusern identischer Bauart leichter wiederfinden.

Denn architektonisch ist Riedberg eine Meisterleistung!

Alle Bauwerke sind in einem einheitlichen Stil gehalten, der mutige Anleihen an den sowjetischen Realismus wagt, aber gleichzeitig moderne Souveränität ausstrahlt und durch Funktionalität besticht.

Eventuell gibt es bald sogar einen Anschluss an das öffentliche Verkehrsnetz. Aber selbstverständlich bekommt jeder frischgebackene Riedberger zu seiner Wohnung auch noch einen Garagenplatz für sein persönliches Heiligtum: Seinen fahrbaren Untersatz.

Riedberg 3

Zögern Sie nicht:

Kaufen Sie sich jetzt noch eine überteuerte Wohnung, bevor die Preise verfallen und das ganze Viertel letztlich doch zu einem Ghetto verkommt.

Denn Riedberg lohnt sich! (…nicht)

-Sicherheitshalber weist die FGZ darauf hin, dass es sich hierbei nicht um eine echte Werbeanzeige, sondern um eine Satire handelt, die nicht von den Immobilienspekulanten, die für Riedberg verantwortlich sind, autorisiert wurde-


Die Segnungen der Privatisierung

Ja, die Privatisierung ist schon etwas Tolles. Sie beseitigt staatliche Monopole und gibt so dem Bürger die Freiheit selbst unternehmerisch auf Gebieten tätig zu werden, die sich sonst im eisigen Griff des Staates befinden würden.

Endlich herrscht Unternehmergeist und freie Konkurrenz!

Deshalb habe ich beschlossen, ins Eisenbahngeschäft einzusteigen. So schwer kann es ja nicht sein, schließlich habe ich früher immer gerne „Railroad Tycoon“ auf dem Computer gespielt.

Als erste Investition kaufte ich mir eine kleine handbetriebene Draisine und setzte sie auf der ICE-Trasse zwischen Frankfurt und Köln auf die Gleise.

Leider kam nach 10 Minuten ein ICE angerauscht und beendete meine Fahrt. Ich konnte gerade noch abspringen, aber für meine ersten drei Fahrgäste und den Fahrer des ICE endete es leider tödlich.

Naja… als damals die ersten Dampfbahnen fuhren, gab es auch Unfälle und Pioniergeist erfordert eben Opferbereitschaft.

Für die Pyramiden mussten schließlich auch ein paar Sklaven draufgehen.

Deshalb ließ ich mich von meiner Pleite im Bahnsektor nicht entmutigen und versuchte mich in öffentlicher Energieversorgung.

Zuerst wollte ich mir aus Russland etwas angereichertes Uran beschaffen um ein Atomkraftwerk aufzubauen.

Leider scheiterte ich da an der Wirtschaftsfeindlichkeit der deutschen Gesetzeslage, die in ihrem sozialistischen Ökowahn jeden Anflug von Unternehmergeist erstickt.

Mein Anwalt war monatelang damit beschäftigt zu verhindern, dass ich wegen dem Uranimport die nächsten fünf Jahre im Gefängnis verbringe und eine Baugenehmigung für das Atomkraftwerk habe ich bis heute nicht erhalten.

Wen wundert es da, dass Deutschland bald nicht mehr mit China konkurrieren kann, wenn man als freier Bürger nicht einmal ein Atomkraftwerk bauen darf, ohne dass einem der Staat ins Handwerk pfuscht?

Also baute ich ein Biogaskraftwerk in meinem heimischen Keller. Dies ging auch eine Zeit lang wirklich gut. Ich leitete einfach die Abfälle meiner Biotonne und die Spülung der Toilette in einen großen Tank um und gewann daraus das notwendige Gas.

Sogar die Bewohner zweier Nachbarhäuser konnte ich davon überzeugen, günstigen Strom von mir zu beziehen.

Irgendwann allerdings explodierte die selbstgebaute Anlage, woraufhin der ganze Häuserblock wegen der umherwabernden Biogaswolke und akuter Seuchengefahr evakuiert werden musste.

Die herbeigerufenen Polizisten erklärten mir, dass ich so eine Anlage als Privatmann gar nicht hätte betreiben dürfen und fühlten sich reichlich verarscht als ich erstaunt fragte: „Wieso? Der Energiesektor ist doch privatisiert?“

Ich spielte schon mit dem Gedanken, dieser rückständigen und innovationsfeindlichen Bundesrepublik gänzlich den Rücken zu kehren.

Doch eine Chance wollte ich meinem Land noch geben.

Ich versuchte mich im Bereich Post- und Paketzustellung selbständig zu machen. Ich kaufte mir also einen kleinen LKW und verteilte Flugblätter.

Doch dann bekam ich Probleme. Der eine wollte, dass ich sein Paket von Frankfurt nach Paris bringe und der andere wollte mir einen Eilbrief nach Kuala Lumpur mitgeben.

Da stellte ich mit Schrecken fest, dass ich mit meinem LKW eindeutig nicht international genug aufgestellt war.

Also musste ich expandieren und in jedem Land eine Postverteilerstation und ein paar Kurierfahrer anwerben.

So etwas konnte ich natürlich nicht aus eigener Tasche finanzieren. Ich hatte so grob durchgerechnet, dass ich mit einem Startkapital von ca. 200 Millionen Euro gut hinkäme. Also suchte ich einen Kreditgeber und wandte mich vertrauensvoll an die Commerzbank, bei der ich bis dahin immer zufriedener Kunde war.

Leider wurde mein Kreditwunsch dort nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit aufgenommen und auch mein Hinweis, dass ich mich mit einem Eigenkapital von immerhin 20.000 EUR beteiligen könnte, half mir nicht weiter.

Auch bei der Postbank, der Sparkasse und der Deutschen Bank scheiterte ich mit meinem Anliegen.

Einzig und allein ein Geschäftsmann aus Nigeria, den ich im Internet kennengelernt hatte, bot an, mir die 200 Millionen zu leihen, wenn ich ihm vorab meine 20.000 EUR Eigenbeteiligung überweise, aber irgendwie vertraute ich ihm nicht.

Ich wollte mein kleines aber feines Logistikunternehmen noch nicht dichtmachen und beschloss darum, erst einmal nur lokale Transporte zu übernehmen.

Aber irgendwie blieben die Kunden aus.

Ich fragte mich warum und forschte bis ich die Antwort fand:

Die Konkurrenz war einfach günstiger.

Ich hatte eine Menge Dinge zu bezahlen, schließlich wollte ich eine private Altersvorsorge und eine Krankenversicherung. Ich sah dies als absoluten Mindeststandard.

Umso mehr staunte ich, als ich mich mal mit ein paar Kurierfahrern von DHL unterhielt. Zu meiner Verwunderung waren sie auch alle Unternehmer, obwohl sie gar keine Investitionen tätigten und ihre Uniformen und Autos von DHL gestellt bekamen.

Und dann erfuhr ich von ihrem Trick:

Sie sparten sich einfach die soziale Absicherung und machten keinen Urlaub. Auf diese Weise waren sie viel günstiger, als ich es mit meinen Versicherungen und meinen Urlauben jemals hätte sein können.

Naja, dachte ich mir: Die Konkurrenz ist eben hart und Urlaub machen oder mich um meine Altersversorgung kümmern, kann ich ja immer noch, wenn mein Unternehmen expandiert hat und ich mit der dicken Knete im Chefsessel sitze.

Also kündigte ich alle meine Versicherungen, einschließlich der Krankenversicherung. Das ging auch eine ganze Zeit lang gut, bis ich dann krank wurde.

Die Krankenhausrechnung verschlang meine gesamten Ersparnisse und ich verlor alle Kunden, weil ich sie wochenlang nicht bedienen konnte.

Meinen LKW musste ich verkaufen.

Am Ende musste der Staat für mich bezahlen, sonst wäre ich gewiss verhungert.

Bis heute verstehe ich nicht so recht, warum ich gescheitert bin, denn ich hatte doch alles richtig gemacht. Ich hatte Unternehmergeist, Leistungsbereitschaft und Mut zum Risiko gezeigt. Ich bin auch flexibel gewesen und innerhalb von drei Jahren viermal umgezogen.

Warum also bin ich heute ein verbitterter Transferleistungsempfänger, statt einem erfolgreichen Unternehmer?

Wollte Schwarz-Gelb nicht durchsetzen, dass sich Leistung endlich wieder lohnt oder hatten sie uns betrogen?

Denn was nützt uns eine Liberalisierung des Marktes, wenn ein Normalbürger an dieser überhaupt nicht teilhaben kann?

Wenn ein staatliches Monopol nur durch das Oligopol einiger Konzerne ersetzt wird, wo liegt darin die Befreiung?

Wie soll denn eine angeblich freie Konkurrenz entstehen, wenn die Einstiegsschranken für neue Akteure so hochgesteckt sind, dass, wenn überhaupt, nur Großunternehmen miteinander auf gleicher Ebene konkurrieren können?

Und wenn diese Großunternehmen letztlich alle den gleichen 3-4 großen Banken gehören?

Irgendwer macht ja schließlich Geld mit der Privatisierung, aber bei mir als Kleinunternehmer kam nie etwas davon an.

Als die Post noch die gute alte Deutsche Bundespost war, gehörte sie irgendwie uns allen. Jedem von uns zu einem kleinen Teil.

Ihre Entscheidungen waren nicht immer wirtschaftlich, aber das mussten sie auch nicht. Schließlich handelte es sich um politische Entscheidungen innerhalb einer Demokratie. Heute entscheiden Aktionäre und die Demokratie muss bei Aktionärsversammlungen leider draußen vor der Tür warten, wie ein Hund beim Supermarkt.

Vor allem frage ich mich aber:

Wenn mir die Post zu einem kleinen Teil gehörte und jetzt gehört sie nicht mehr mir, sondern nur noch den Aktionären- Was ist mit meinem kleinen Eigentumsanteil am öffentlichen Eigentum Post geschehen?

Wurde ich nicht ein Stückweit enteignet?

Wo bleibt meine Entschädigung?


Die Stimmung des Volkes

Man könnte meinen, es brodele in der guten BRD, die Hunnen stünden vor den Toren und drinnen die Massen marodierend auf der Gass. (Sarkozi träumt von deutschen Strassen.)

Parade des Volkes

Buchtitel verkünden großmäulig, dass Deutschland sich abschaffe und erst die Stimmung des Volkes, bitter und schwarz dräuen die Wolken aus allen Richtungen. Schwäbische Unternehmer kündigen ihre Flucht ins  sichere Ausland an (wo sie bohren dürfen). Eine Art Endzeitstimmung scheint dieses Land zu befallen. Überall wird unter Kopftücher geschaut (selbst die Schwälmer Trachtenvereine sind nicht mehr sicher), Hilfspäckchen aus dem Jemen stehen unter Generalverdacht (Katt wird teurer). In ihrer Verzweiflung rekrutiert die Bundeswehr schon in den Job-Centern und Arbeitsämtern (vielleicht ein bisschen leichtsinnig die Reform). Und Inder und Chinesen greifen nach unserem Bruttosozialprodukt.

Die Regierung tut alles ihr mögliche, um diesen Gefahren entgegenzuwirken, doch eilig durchgeführte Messungen der allgemeinen Volks-Temperatur lassen Böses ahnen.

Von denen, die zur Wahl gegangen sind, haben zweifelsfrei die meisten diese Parteien und Gesichter gewählt. Warum nur sind sie jetzt, da diese von ihnen selbst geförderten Figuren sich anschicken, ihre Wahlversprechen einzulösen, so bitter enttäuscht. Weil sie etwa ein Jahr gebraucht haben? Das sollte man ihnen durchgehen lassen, hatten sie doch alle Hände oll zu tun, den wichtigsten Teil ihres Klientels vor Schaden zu bewahren – und dies ist ihnen mit Riesenbeträgen auch gelungen. Es sollte ihnen nicht verübelt werden, dass sie erst das System und seine wichtigsten Träger schützten, bevor sie an die nachrangigen Probleme gingen. Das tun sie jetzt mit vollem Schwung. Und dennoch.

Genau zu diesem Zeitpunkt schlägt die Stimmung im Volke um, die FDP rutscht unter die magische Grenze einer verdienstreichen politischen (und ökonomischen) Existenz, Frau Merkels Umfrage-Jäckchen wird noch kürzer, die SPD entwickelt sich stetig zur Nischenpartei derer, die noch einen „Normalarbeitsplatz“ besitzen, das Potential der Linken bleibt bei den Nicht-Wählern und die Grünen wissen kaum wie ihnen geschieht.

Dabei ergaben Umfragen zur Lage – und eben der Wählerbefindlichkeit – dass die meisten Deutschen eine Verbesserung der Lebensumstände des unteren Fünftels der Bevölkerung entschieden ablehnt, sich ca. 20 % eine starke Führung wünschen (nicht unbedingt identisch mit einem neuen „Le Führer“) und just in dem Moment, in dem sich all dies abzeichnet und eine ungeheure Aktivität in Berlin sichtbar wird, diese Missachtung.

Die Banken machen wieder riesige Profite (und zahlen die dazu gehörigen Boni), die Exporte brummen (und die Facharbeiter fehlen), die Arbeitslosenzahlen sinken (nicht die Zahl derer, die auf Transferleistungen angewiesen bleiben), der Konsum steigt. So muss das sein und dennoch.

Was muss denn noch geschehen? Die Laufzeiten der AKW sind verlängert und abgesichert gegen feindselige Bestrebungen, die Gesundheitsreform wird nächstes Jahr voll durchknallen, die Ärzte haben bereits ihren Anteil, Hartz IV ist in neuer Undurchschaubarkeit verkleidet, fünf Euro mehr gibt es ausserdem, Stuttgart 21 ist Chefinnensache, das Deutschen-mobben auf den Schulhöfen wird endlich unterbunden (oder muss in Zukunft auf deutsch erfolgen) und keine libanesischen Kurden werden mehr ins Land gelassen, erneuerbare Energien werden endlich von den Rauchern gefördert. Und dennoch.

Die Welt schaut ungläubig auf dieses Deutschland – wieder einmal (und hofft auf Genesung). Westerwelle hat die UNO überzeugt, dass sie nur mit Deutschland im Sicherheitsrat überleben wird, Erfolg auf allen Bühnen. Und dennoch.

Wulff erklärt den Türken endlich in aller Offenheit, dass das Christentum zur Türkei gehört und legt den Grundstein für eine deutsche Universität, da wird dann sichergestellt, dass nur noch Fachkräfte nach Deutschland kommen. Und dennoch.

Die Säle mit Sarrazin und Wilders sind voll, der Stuttgarter Park aber auch, Focus tut das seine und präsentiert von der Leyen hoch zu Ross wie weiland nur grosse Kurfürsten, Frau Schröder hat die Familienbeihilfen wieder für die zur Verfügung, die zu den Leistungsträgern dieser Gesellschaft gehören, für den Rest gibt es Gutscheine demnächst, Leutheusser-Schnarrenberger (ich werde mich nie daran gewöhnen) hat flugs Mietgesetze und Demonstrationsrechte ausgehebelt, damit das Volk die Einhaltung von Klimazielen auch richtig finanziert. Und dennoch.

Es kommt einfach keine Ruhe ins Land, die Strickfraktion demonstriert schon wieder in Gorleben, die Künast liebäugelt mit dem OB-Posten in Berlin, in Stuttgart offen, in Frankfurt noch nicht derart massenhaft, ereignen sich Methusalem-Revolten (stern 42, 2010), wohlstandsverwöhnte Rentner mit guten Bezügen aus den fetten Jahren vertreiben sich die Zeit auf öffentlichen Plätzen; die, die nie was zu sagen hatten, wollen auf einmal gefragt werden. Sogar einen halbtägigen Warnstreik der Eisenbahner musste ertragen werden, gerade zur Berufsverkehrszeit, dreist.

Hier wird „Demokratie“ gespielt, weil sie offensichtlich keine Existenzsorgen mehr haben. Macht nur so weiter, mag man ihnen zurufen, die werdet ihr schon bald wieder haben, wenn ihr und wir so weitermachen.

Oder haben wir es wieder mit denen zu tun, die erst den Aufstand (berüchtigt: 68) probten, dann durch die Institutionen wanderten, um jetzt wieder auf die Straße zu gehen, weil die Pension ihnen sicher ist?

Das wäre dann ein Generationsproblem erster Klasse. Und der Protest wäre in der Mitte – der neuen alten Mitte – der Gesellschaft angekommen. Und wie damals halten die deutschen Arbeiter ihren Arbeitgebern die Stange, während diese Profiteure der Gesellschaft wieder mal ihr Mütchen kühlen gehen und sich Schlachten mit der Polizei liefern.

Einen kurzen Überblick wie es im Land aussieht, findet man in den Abrechnungen mit jenen Teilen der Mittelklasse, die „mehr Demokratie wagen“ allzu wörtlich nehmen:

1.  man lamentiert zwar öffentlich über Hungerlöhne und tritt für Mindestlöhne ein, kauft aber dann beim Billigdiscounter ein, wo die Milch dreißig Cent kostet, oder lässt sich von einem Feierabendfriseur die Haare schneiden

2.  man macht am Wochenende am besten zwar mal rasch einen Abstecher nach Rom, London, Berlin oder Paris, zum Shoppen, Raven oder Sightseeing, tiefer in die Tasche greifen will man dafür aber nicht

3. man ereifert sich zwar über den hohen CO2-Ausstoß und den Klimawandel, fährt die Kinder aber dann im SUV zum Klavierunterricht, zum Nachhilfelehrer oder zum Kindergeburtstag

4. man referiert zwar in bunten Bildern und mit klugen Worten über die Vielfalt der Kulturen, zieht dann aber, wenn die Kinder eingeschult werden, rasch in andere Stadtteile oder schickt sie gleich auf Privatschulen

5. man demonstriert zwar gegen längere Laufzeiten von AKWs und für erneuerbare Energien, führen die dafür benötigen Hochspannungsanlagen aber durchs eigene Wohnumfeld, geht man auf die Barrikaden

6. man schimpft zwar über höhere Energiepreise, nimmt Subventionen, die der Staat für die Errichtung von Sonnenmodulen auf den Hausdächern garantiert, aber gern entgegen

7. man fordert zwar die Verlegung des Verkehrs auf die Schienen, werden die dafür nötigen Infrastrukturmaßnahmen, Gleise, Bahnhöfe, Untertunnelungen getroffen, sieht man darin aber eine Zerstörung von Naturlandschaften und macht sich für den Erhalt des Juchtenkäfers oder der Krötenwanderwege stark

8. man möchte zwar eine kostenlose Rundumversorgung durch den Wohlfahrtsstaat, müssen die Steuern dafür aber erhöht werden, ist man nicht bereit, den entsprechenden Obolus zu entrichten

9. man weiß zwar, dass man wegen fehlender Kindergeburten und der immer älter werdenden Bevölkerung im Prinzip länger arbeiten muss, möchte selbst aber bereits und am liebsten mit sechzig in Rente gehen

10. man ist sich zwar bewusst, dass die Verschuldung des Staates künftige Generationen belastet, gleichwohl fordert man vom Staat aber seine krude Subventionspolitik beizubehalten und weitere Wohltätigkeiten (Elterngeld, Kitas, Ganztagesschulen, Bildungschips und Schulspeisungen …) flächendeckend über das Land zu verteilen.

(Telepolis)

Ja, was sind das für Töne seitens dieser rotzfrechen Bürger, wird Zeit, dass die Regierung sich endlich das Volk wählt, das auf Dauer am besten zu seiner Politik passt, denn ganz ehrlich: so kann das nicht weitergehen.

Denn die neoliberalen Strategen wissen, die Welt ist flach geworden, ergo kann man ganz rasch über die Kante treten, um im Nirvana zu verschwinden, und da sind die oben beschriebenen Deutschen gerade dabei, mit Vollgas, im SUV.

Ja, das waren noch Zeiten als SPD-Wähler nichts weiter als aufsteigen wollten, deutsche Arbeiter jede Lohnkürzung bejubelt haben (hatten noch einen Arbeitsplatz), der Mittelstand einfach fleissig war und neidisch auf die Tarifverträge, die Unternehmer noch wahre Patriarchen, die auch Werkswohnungen gebaut haben und die Arbeiterkinder solide ausgebildet.

Und alle haben dem Kaiser zugejubelt.

Wir werden diese mediale Position im Auge behalten und den Zusammenhang mit dem Frontalangriff der Regierung (s. dann Teil II).


Bemerkenswertes – Erste Novemberwoche

Tja, was war das für eine Begeisterung vor 2 Jahren: die Lichtgestalt Obama, die emanzipatorische  Personifizierung des “yes we can”. Nach den Jahren des amerikanischen “Darth Vader” Bush junior sah man über vieles hinweg, blickte an der Partei, ja an Washington und Wall Street vorbei. Als würde eine Person oder ein kleiner Trupp ein großes [...]

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Medien-Kompass – Erste Novemberwoche

“Pakete” lautete der mediale Aufreger letzter Woche. Nicht die Verzögerung der Postzustellung sondern die prompte Lieferung von Überraschungspaketen  war der Grund. Absender: Jemen und Griechenland. Bekannt wurde die Quelle von Bedrohung durch wohlinformierte Geheimdienste. Echte Gefahr durch die versandten Geschenke: Umfang unbekannt. (In Athen kursierte der Witz, dass jeder Politiker, der kein solches Paket erhalten [...]

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Freitag abend – Frankfurt

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