Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Segnungen der Privatisierung

Ja, die Privatisierung ist schon etwas Tolles. Sie beseitigt staatliche Monopole und gibt so dem Bürger die Freiheit selbst unternehmerisch auf Gebieten tätig zu werden, die sich sonst im eisigen Griff des Staates befinden würden.

Endlich herrscht Unternehmergeist und freie Konkurrenz!

Deshalb habe ich beschlossen, ins Eisenbahngeschäft einzusteigen. So schwer kann es ja nicht sein, schließlich habe ich früher immer gerne „Railroad Tycoon“ auf dem Computer gespielt.

Als erste Investition kaufte ich mir eine kleine handbetriebene Draisine und setzte sie auf der ICE-Trasse zwischen Frankfurt und Köln auf die Gleise.

Leider kam nach 10 Minuten ein ICE angerauscht und beendete meine Fahrt. Ich konnte gerade noch abspringen, aber für meine ersten drei Fahrgäste und den Fahrer des ICE endete es leider tödlich.

Naja… als damals die ersten Dampfbahnen fuhren, gab es auch Unfälle und Pioniergeist erfordert eben Opferbereitschaft.

Für die Pyramiden mussten schließlich auch ein paar Sklaven draufgehen.

Deshalb ließ ich mich von meiner Pleite im Bahnsektor nicht entmutigen und versuchte mich in öffentlicher Energieversorgung.

Zuerst wollte ich mir aus Russland etwas angereichertes Uran beschaffen um ein Atomkraftwerk aufzubauen.

Leider scheiterte ich da an der Wirtschaftsfeindlichkeit der deutschen Gesetzeslage, die in ihrem sozialistischen Ökowahn jeden Anflug von Unternehmergeist erstickt.

Mein Anwalt war monatelang damit beschäftigt zu verhindern, dass ich wegen dem Uranimport die nächsten fünf Jahre im Gefängnis verbringe und eine Baugenehmigung für das Atomkraftwerk habe ich bis heute nicht erhalten.

Wen wundert es da, dass Deutschland bald nicht mehr mit China konkurrieren kann, wenn man als freier Bürger nicht einmal ein Atomkraftwerk bauen darf, ohne dass einem der Staat ins Handwerk pfuscht?

Also baute ich ein Biogaskraftwerk in meinem heimischen Keller. Dies ging auch eine Zeit lang wirklich gut. Ich leitete einfach die Abfälle meiner Biotonne und die Spülung der Toilette in einen großen Tank um und gewann daraus das notwendige Gas.

Sogar die Bewohner zweier Nachbarhäuser konnte ich davon überzeugen, günstigen Strom von mir zu beziehen.

Irgendwann allerdings explodierte die selbstgebaute Anlage, woraufhin der ganze Häuserblock wegen der umherwabernden Biogaswolke und akuter Seuchengefahr evakuiert werden musste.

Die herbeigerufenen Polizisten erklärten mir, dass ich so eine Anlage als Privatmann gar nicht hätte betreiben dürfen und fühlten sich reichlich verarscht als ich erstaunt fragte: „Wieso? Der Energiesektor ist doch privatisiert?“

Ich spielte schon mit dem Gedanken, dieser rückständigen und innovationsfeindlichen Bundesrepublik gänzlich den Rücken zu kehren.

Doch eine Chance wollte ich meinem Land noch geben.

Ich versuchte mich im Bereich Post- und Paketzustellung selbständig zu machen. Ich kaufte mir also einen kleinen LKW und verteilte Flugblätter.

Doch dann bekam ich Probleme. Der eine wollte, dass ich sein Paket von Frankfurt nach Paris bringe und der andere wollte mir einen Eilbrief nach Kuala Lumpur mitgeben.

Da stellte ich mit Schrecken fest, dass ich mit meinem LKW eindeutig nicht international genug aufgestellt war.

Also musste ich expandieren und in jedem Land eine Postverteilerstation und ein paar Kurierfahrer anwerben.

So etwas konnte ich natürlich nicht aus eigener Tasche finanzieren. Ich hatte so grob durchgerechnet, dass ich mit einem Startkapital von ca. 200 Millionen Euro gut hinkäme. Also suchte ich einen Kreditgeber und wandte mich vertrauensvoll an die Commerzbank, bei der ich bis dahin immer zufriedener Kunde war.

Leider wurde mein Kreditwunsch dort nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit aufgenommen und auch mein Hinweis, dass ich mich mit einem Eigenkapital von immerhin 20.000 EUR beteiligen könnte, half mir nicht weiter.

Auch bei der Postbank, der Sparkasse und der Deutschen Bank scheiterte ich mit meinem Anliegen.

Einzig und allein ein Geschäftsmann aus Nigeria, den ich im Internet kennengelernt hatte, bot an, mir die 200 Millionen zu leihen, wenn ich ihm vorab meine 20.000 EUR Eigenbeteiligung überweise, aber irgendwie vertraute ich ihm nicht.

Ich wollte mein kleines aber feines Logistikunternehmen noch nicht dichtmachen und beschloss darum, erst einmal nur lokale Transporte zu übernehmen.

Aber irgendwie blieben die Kunden aus.

Ich fragte mich warum und forschte bis ich die Antwort fand:

Die Konkurrenz war einfach günstiger.

Ich hatte eine Menge Dinge zu bezahlen, schließlich wollte ich eine private Altersvorsorge und eine Krankenversicherung. Ich sah dies als absoluten Mindeststandard.

Umso mehr staunte ich, als ich mich mal mit ein paar Kurierfahrern von DHL unterhielt. Zu meiner Verwunderung waren sie auch alle Unternehmer, obwohl sie gar keine Investitionen tätigten und ihre Uniformen und Autos von DHL gestellt bekamen.

Und dann erfuhr ich von ihrem Trick:

Sie sparten sich einfach die soziale Absicherung und machten keinen Urlaub. Auf diese Weise waren sie viel günstiger, als ich es mit meinen Versicherungen und meinen Urlauben jemals hätte sein können.

Naja, dachte ich mir: Die Konkurrenz ist eben hart und Urlaub machen oder mich um meine Altersversorgung kümmern, kann ich ja immer noch, wenn mein Unternehmen expandiert hat und ich mit der dicken Knete im Chefsessel sitze.

Also kündigte ich alle meine Versicherungen, einschließlich der Krankenversicherung. Das ging auch eine ganze Zeit lang gut, bis ich dann krank wurde.

Die Krankenhausrechnung verschlang meine gesamten Ersparnisse und ich verlor alle Kunden, weil ich sie wochenlang nicht bedienen konnte.

Meinen LKW musste ich verkaufen.

Am Ende musste der Staat für mich bezahlen, sonst wäre ich gewiss verhungert.

Bis heute verstehe ich nicht so recht, warum ich gescheitert bin, denn ich hatte doch alles richtig gemacht. Ich hatte Unternehmergeist, Leistungsbereitschaft und Mut zum Risiko gezeigt. Ich bin auch flexibel gewesen und innerhalb von drei Jahren viermal umgezogen.

Warum also bin ich heute ein verbitterter Transferleistungsempfänger, statt einem erfolgreichen Unternehmer?

Wollte Schwarz-Gelb nicht durchsetzen, dass sich Leistung endlich wieder lohnt oder hatten sie uns betrogen?

Denn was nützt uns eine Liberalisierung des Marktes, wenn ein Normalbürger an dieser überhaupt nicht teilhaben kann?

Wenn ein staatliches Monopol nur durch das Oligopol einiger Konzerne ersetzt wird, wo liegt darin die Befreiung?

Wie soll denn eine angeblich freie Konkurrenz entstehen, wenn die Einstiegsschranken für neue Akteure so hochgesteckt sind, dass, wenn überhaupt, nur Großunternehmen miteinander auf gleicher Ebene konkurrieren können?

Und wenn diese Großunternehmen letztlich alle den gleichen 3-4 großen Banken gehören?

Irgendwer macht ja schließlich Geld mit der Privatisierung, aber bei mir als Kleinunternehmer kam nie etwas davon an.

Als die Post noch die gute alte Deutsche Bundespost war, gehörte sie irgendwie uns allen. Jedem von uns zu einem kleinen Teil.

Ihre Entscheidungen waren nicht immer wirtschaftlich, aber das mussten sie auch nicht. Schließlich handelte es sich um politische Entscheidungen innerhalb einer Demokratie. Heute entscheiden Aktionäre und die Demokratie muss bei Aktionärsversammlungen leider draußen vor der Tür warten, wie ein Hund beim Supermarkt.

Vor allem frage ich mich aber:

Wenn mir die Post zu einem kleinen Teil gehörte und jetzt gehört sie nicht mehr mir, sondern nur noch den Aktionären- Was ist mit meinem kleinen Eigentumsanteil am öffentlichen Eigentum Post geschehen?

Wurde ich nicht ein Stückweit enteignet?

Wo bleibt meine Entschädigung?


5 Kommentare zu “Die Segnungen der Privatisierung”

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