Frankfurter Gemeine Zeitung

Die Stimmung des Volkes

Man könnte meinen, es brodele in der guten BRD, die Hunnen stünden vor den Toren und drinnen die Massen marodierend auf der Gass. (Sarkozi träumt von deutschen Strassen.)

Parade des Volkes

Buchtitel verkünden großmäulig, dass Deutschland sich abschaffe und erst die Stimmung des Volkes, bitter und schwarz dräuen die Wolken aus allen Richtungen. Schwäbische Unternehmer kündigen ihre Flucht ins  sichere Ausland an (wo sie bohren dürfen). Eine Art Endzeitstimmung scheint dieses Land zu befallen. Überall wird unter Kopftücher geschaut (selbst die Schwälmer Trachtenvereine sind nicht mehr sicher), Hilfspäckchen aus dem Jemen stehen unter Generalverdacht (Katt wird teurer). In ihrer Verzweiflung rekrutiert die Bundeswehr schon in den Job-Centern und Arbeitsämtern (vielleicht ein bisschen leichtsinnig die Reform). Und Inder und Chinesen greifen nach unserem Bruttosozialprodukt.

Die Regierung tut alles ihr mögliche, um diesen Gefahren entgegenzuwirken, doch eilig durchgeführte Messungen der allgemeinen Volks-Temperatur lassen Böses ahnen.

Von denen, die zur Wahl gegangen sind, haben zweifelsfrei die meisten diese Parteien und Gesichter gewählt. Warum nur sind sie jetzt, da diese von ihnen selbst geförderten Figuren sich anschicken, ihre Wahlversprechen einzulösen, so bitter enttäuscht. Weil sie etwa ein Jahr gebraucht haben? Das sollte man ihnen durchgehen lassen, hatten sie doch alle Hände oll zu tun, den wichtigsten Teil ihres Klientels vor Schaden zu bewahren – und dies ist ihnen mit Riesenbeträgen auch gelungen. Es sollte ihnen nicht verübelt werden, dass sie erst das System und seine wichtigsten Träger schützten, bevor sie an die nachrangigen Probleme gingen. Das tun sie jetzt mit vollem Schwung. Und dennoch.

Genau zu diesem Zeitpunkt schlägt die Stimmung im Volke um, die FDP rutscht unter die magische Grenze einer verdienstreichen politischen (und ökonomischen) Existenz, Frau Merkels Umfrage-Jäckchen wird noch kürzer, die SPD entwickelt sich stetig zur Nischenpartei derer, die noch einen „Normalarbeitsplatz“ besitzen, das Potential der Linken bleibt bei den Nicht-Wählern und die Grünen wissen kaum wie ihnen geschieht.

Dabei ergaben Umfragen zur Lage – und eben der Wählerbefindlichkeit – dass die meisten Deutschen eine Verbesserung der Lebensumstände des unteren Fünftels der Bevölkerung entschieden ablehnt, sich ca. 20 % eine starke Führung wünschen (nicht unbedingt identisch mit einem neuen „Le Führer“) und just in dem Moment, in dem sich all dies abzeichnet und eine ungeheure Aktivität in Berlin sichtbar wird, diese Missachtung.

Die Banken machen wieder riesige Profite (und zahlen die dazu gehörigen Boni), die Exporte brummen (und die Facharbeiter fehlen), die Arbeitslosenzahlen sinken (nicht die Zahl derer, die auf Transferleistungen angewiesen bleiben), der Konsum steigt. So muss das sein und dennoch.

Was muss denn noch geschehen? Die Laufzeiten der AKW sind verlängert und abgesichert gegen feindselige Bestrebungen, die Gesundheitsreform wird nächstes Jahr voll durchknallen, die Ärzte haben bereits ihren Anteil, Hartz IV ist in neuer Undurchschaubarkeit verkleidet, fünf Euro mehr gibt es ausserdem, Stuttgart 21 ist Chefinnensache, das Deutschen-mobben auf den Schulhöfen wird endlich unterbunden (oder muss in Zukunft auf deutsch erfolgen) und keine libanesischen Kurden werden mehr ins Land gelassen, erneuerbare Energien werden endlich von den Rauchern gefördert. Und dennoch.

Die Welt schaut ungläubig auf dieses Deutschland – wieder einmal (und hofft auf Genesung). Westerwelle hat die UNO überzeugt, dass sie nur mit Deutschland im Sicherheitsrat überleben wird, Erfolg auf allen Bühnen. Und dennoch.

Wulff erklärt den Türken endlich in aller Offenheit, dass das Christentum zur Türkei gehört und legt den Grundstein für eine deutsche Universität, da wird dann sichergestellt, dass nur noch Fachkräfte nach Deutschland kommen. Und dennoch.

Die Säle mit Sarrazin und Wilders sind voll, der Stuttgarter Park aber auch, Focus tut das seine und präsentiert von der Leyen hoch zu Ross wie weiland nur grosse Kurfürsten, Frau Schröder hat die Familienbeihilfen wieder für die zur Verfügung, die zu den Leistungsträgern dieser Gesellschaft gehören, für den Rest gibt es Gutscheine demnächst, Leutheusser-Schnarrenberger (ich werde mich nie daran gewöhnen) hat flugs Mietgesetze und Demonstrationsrechte ausgehebelt, damit das Volk die Einhaltung von Klimazielen auch richtig finanziert. Und dennoch.

Es kommt einfach keine Ruhe ins Land, die Strickfraktion demonstriert schon wieder in Gorleben, die Künast liebäugelt mit dem OB-Posten in Berlin, in Stuttgart offen, in Frankfurt noch nicht derart massenhaft, ereignen sich Methusalem-Revolten (stern 42, 2010), wohlstandsverwöhnte Rentner mit guten Bezügen aus den fetten Jahren vertreiben sich die Zeit auf öffentlichen Plätzen; die, die nie was zu sagen hatten, wollen auf einmal gefragt werden. Sogar einen halbtägigen Warnstreik der Eisenbahner musste ertragen werden, gerade zur Berufsverkehrszeit, dreist.

Hier wird „Demokratie“ gespielt, weil sie offensichtlich keine Existenzsorgen mehr haben. Macht nur so weiter, mag man ihnen zurufen, die werdet ihr schon bald wieder haben, wenn ihr und wir so weitermachen.

Oder haben wir es wieder mit denen zu tun, die erst den Aufstand (berüchtigt: 68) probten, dann durch die Institutionen wanderten, um jetzt wieder auf die Straße zu gehen, weil die Pension ihnen sicher ist?

Das wäre dann ein Generationsproblem erster Klasse. Und der Protest wäre in der Mitte – der neuen alten Mitte – der Gesellschaft angekommen. Und wie damals halten die deutschen Arbeiter ihren Arbeitgebern die Stange, während diese Profiteure der Gesellschaft wieder mal ihr Mütchen kühlen gehen und sich Schlachten mit der Polizei liefern.

Einen kurzen Überblick wie es im Land aussieht, findet man in den Abrechnungen mit jenen Teilen der Mittelklasse, die „mehr Demokratie wagen“ allzu wörtlich nehmen:

1.  man lamentiert zwar öffentlich über Hungerlöhne und tritt für Mindestlöhne ein, kauft aber dann beim Billigdiscounter ein, wo die Milch dreißig Cent kostet, oder lässt sich von einem Feierabendfriseur die Haare schneiden

2.  man macht am Wochenende am besten zwar mal rasch einen Abstecher nach Rom, London, Berlin oder Paris, zum Shoppen, Raven oder Sightseeing, tiefer in die Tasche greifen will man dafür aber nicht

3. man ereifert sich zwar über den hohen CO2-Ausstoß und den Klimawandel, fährt die Kinder aber dann im SUV zum Klavierunterricht, zum Nachhilfelehrer oder zum Kindergeburtstag

4. man referiert zwar in bunten Bildern und mit klugen Worten über die Vielfalt der Kulturen, zieht dann aber, wenn die Kinder eingeschult werden, rasch in andere Stadtteile oder schickt sie gleich auf Privatschulen

5. man demonstriert zwar gegen längere Laufzeiten von AKWs und für erneuerbare Energien, führen die dafür benötigen Hochspannungsanlagen aber durchs eigene Wohnumfeld, geht man auf die Barrikaden

6. man schimpft zwar über höhere Energiepreise, nimmt Subventionen, die der Staat für die Errichtung von Sonnenmodulen auf den Hausdächern garantiert, aber gern entgegen

7. man fordert zwar die Verlegung des Verkehrs auf die Schienen, werden die dafür nötigen Infrastrukturmaßnahmen, Gleise, Bahnhöfe, Untertunnelungen getroffen, sieht man darin aber eine Zerstörung von Naturlandschaften und macht sich für den Erhalt des Juchtenkäfers oder der Krötenwanderwege stark

8. man möchte zwar eine kostenlose Rundumversorgung durch den Wohlfahrtsstaat, müssen die Steuern dafür aber erhöht werden, ist man nicht bereit, den entsprechenden Obolus zu entrichten

9. man weiß zwar, dass man wegen fehlender Kindergeburten und der immer älter werdenden Bevölkerung im Prinzip länger arbeiten muss, möchte selbst aber bereits und am liebsten mit sechzig in Rente gehen

10. man ist sich zwar bewusst, dass die Verschuldung des Staates künftige Generationen belastet, gleichwohl fordert man vom Staat aber seine krude Subventionspolitik beizubehalten und weitere Wohltätigkeiten (Elterngeld, Kitas, Ganztagesschulen, Bildungschips und Schulspeisungen …) flächendeckend über das Land zu verteilen.

(Telepolis)

Ja, was sind das für Töne seitens dieser rotzfrechen Bürger, wird Zeit, dass die Regierung sich endlich das Volk wählt, das auf Dauer am besten zu seiner Politik passt, denn ganz ehrlich: so kann das nicht weitergehen.

Denn die neoliberalen Strategen wissen, die Welt ist flach geworden, ergo kann man ganz rasch über die Kante treten, um im Nirvana zu verschwinden, und da sind die oben beschriebenen Deutschen gerade dabei, mit Vollgas, im SUV.

Ja, das waren noch Zeiten als SPD-Wähler nichts weiter als aufsteigen wollten, deutsche Arbeiter jede Lohnkürzung bejubelt haben (hatten noch einen Arbeitsplatz), der Mittelstand einfach fleissig war und neidisch auf die Tarifverträge, die Unternehmer noch wahre Patriarchen, die auch Werkswohnungen gebaut haben und die Arbeiterkinder solide ausgebildet.

Und alle haben dem Kaiser zugejubelt.

Wir werden diese mediale Position im Auge behalten und den Zusammenhang mit dem Frontalangriff der Regierung (s. dann Teil II).


10 Kommentare zu “Die Stimmung des Volkes”

  1. Wohlgemuth

    Wenn ich das recht verstehe, hat das Volk gar keine Stimmung, sondern es ist nur wirr ?
    Oder: es gibt gar kein Volk und tatsächlich gibt es hier sehr widerstreitende Gruppierungen, die da in eine Volksstimmung zusammengebraut werden, quasi ein Ammenmärchen von Stimmungen?

  2. trickster

    Nicht wirr, sondern schlicht unglaubwürdig, wenn jeder aus seinem Dritturlaub von den Maledien kommt, sofort in den SUV steigt und dann auf zur Demo, dann kann man den doch nicht ernst nehmen. Kein Wunder, dass keiner mehr arbeiten will für 600 Euro im Monat brutto, reicht noch nicht mal fürs Benzin von und zu der Arbeit.
    Hier wird teil-medial mit allen Mitteln gearbeitet, um den Nachweis zu erbringen, dass die “spätrömische Dekadenz” nicht nur die Hartz IV-ler ergriffen hat, sondern die gesamte Gesellschaft durchseucht ist.
    Das Feindbild “Politiker” dagegen schleicht durch alle Köpfe, wie ich lernen musste, um damit die eigene Haltung des “Ich-bin-dagegen” zu rechtfertigen. Erst den Gürtel enger schnallen, den SUV abschaffen, die Kinder selbst unterrichten und den TRassenmast in den eigenen Garten stellen, dann kann man drüber reden, selbst mit jenen kafkaesken Figuren wie Geissler.

  3. Dussel

    Ist das ernst gemeint: “Erst den Gürtel enger schnallen, den SUV abschaffen, die Kinder selbst unterrichten und den TRassenmast in den eigenen Garten stellen, dann kann man drüber reden, selbst mit jenen kafkaesken Figuren wie Geissler”?
    Wer genau soll denn enger schnallen, um auf der Demo zu laufen ?

  4. Esthernabr

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