Frankfurter Gemeine Zeitung

Impressionen – eine Nachlese

kuenast_und_trittin

Bürgerliches Ständchen anno 2010

Wie immer, wenn man eine Veranstaltung (ein Stadtteil für alle) besucht, taucht auch jemand auf, mit dem man zwar nicht gerechnet hat, mit dem aber jederzeit zu rechnen ist. Und jedes Mal aufs Neue schwankt man zwischen purem Entsetzen und einem aufrichtigen Stöhnen. Letzteres ist der  Tatsache geschuldet, dass von dort eine Wortmeldung kommen wird, kommen muss. Mindestens eine.

Und die erste kommt sofort, natürlich mit Erlaubnis der Diskussionsleiterin, so wie sich das gehört, man sieht auf Ordnung oder was man dafür so hält. Die herausragende Wichtigkeit wird sogleich klar: das Nordend hat einen Heimatkundler, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die eminent wichtige Episode seit Mitte der Siebziger des letzten Jahrhunderts der Nachwelt zu erhalten, da die Zeitzeugen so langsam am Aussterben sind (ich habe am nächsten Morgen beim Friedhofsamt nachgefragt, es gibt noch genügend Plätze).

Die Begeisterung will nicht so ganz überspringen, doch soll hier deutlich vermerkt sein, dass in diesem Viertel viel passiert, Wappen werden gesucht, alte Kriminalfälle wieder aufgewärmt, Rabatte mit heimischen Kräutern entlang der Mittelstreifen an der Friedberger bepflanzt, Vorgärten zu botanischen Lehrpfaden umgewandelt, am Friedberger Platz gefeiert, es GRÜNt halt im Viertel.

In diesem GRÜNEN bewegt sich unser erwähnter Chronist, man kann ihm nicht entgehen, er ist ein Kämpfer, gegen jede Art von Verunstaltung, sobald er sie erblickt, seien es bedrohte Bäume, seien es Rampen entlang der Eckenheimer Landstrasse zum leichteren Einsteigen für ältere und behinderte Mitbürger („Sie können ja mit dem Fahrrad in die Stadt fahren“). Sein Kampf gilt dieser seiner näheren Umgebung, die mit all diesen Massnahmen – oder auch deren Verhinderung – immer ein Stück besser wird, heimelig halt, diese Umgebung ist bereinigt und man fühlt sich wohl – so unter sich.

Doch wie so oft dräut das Unheil auch hier am Horizont.

Mit einigem verklärenden Abstand bevölkern solche Figuren als >Originale< die Erinnerung, doch für Zeitgenossen heisst es, sie ganz real in ihrer Selbstgefälligkeit zu ertragen. Dabei ist des >Originals< Grundzug seine aufdringliche Präsenz, seine belanglose Mitteilsamkeit, seine Bereitschaft des Sich-Einmischens, damit alles in seinen wohlgeordneten Bahnen bleiben möge.

Aus dem Fenster seiner Eigentumswohnung blickt er auf die zunehmende Gentrifizierung seiner Strasse, was er gleichwohl als Zuzug netter gebildeter Nachbarn erfährt, eine Bereicherung des von ihm geschätzten und geschützten Ambientes. Unser >Original< ist nun nicht nur zur Ankündigung seiner literarischen Ambitionen erschienen, sondern weil er diesen Typen nicht ganz über den Weg traut, die da zusammenklungeln und über Dinge wie Vertreibung, Verteuerung und vor allem Gegenstrategien diskutieren.

Die gefürchteten Worte fallen denn auch, was ihm einen gehörigen Schrecken verursacht und gleichzeitig einen gewaltigen Zorn entfacht. Unter diesen Schlägen schwankt unser >Original< sichtlich. „Dekommodifizierung“ von Wohnungen, hat er gerade die „Gentrifizierung“ einigermassen überstanden, trifft ihn schon der nächste Schlag. Seine Wohnung war frei und das Viertel ziemlich heruntergekommen, und der Kredit günstig und der lange kontinuierliche Einsatz für das ganze Viertel. Und jetzt kommen die und alles droht den Bach herunter zu gehen. Es ist sichtlich zuviel für ihn, er droht zu platzen. Leute wie er sind die Garanten für all dies Schöne, die neue Frische, die von den Fassaden strahlt, die tollen Weinstuben, die Leute wie er am Leben halten, die Feinkostgeschäfte mit ihren exquisiten Lebensmitteln, die Ruhe, überhaupt dies lässig urbane Leben, das sich breit gemacht hat. Einen ALDI gibt es auch und den Schlecker, also etwas für alle.

Man war ja auch gegen den Kapitalismus und die stete Verteuerung, aber dann war das Angebot so günstig und verbeamtet war man endlich auch, das war doch vernünftig und man sieht ja jetzt, wohin die Chose geht, da braucht man was für die Alterssicherung, das muss man doch einsehen, da kann man doch nicht herkommen und „Dekommodifizierung“ fordern, das geht doch nicht. Will man vielleicht die vielen netten Leute wieder vertreiben, diese harmonische Nachbarschaft auseinander reissen. Irgendwo muss auch mal Schluss sein mit dem Sozialen. Na klar ist man solidarisch mit den Mietern am Dornbusch oder im Riederwald, aber was hat das bitte mit dem Nordend zu tun? Es gilt doch der Milieuschutz oder nicht? Na also, und ab sofort können wir dann alle gegen die „Gentrifizierung“ (dort) marschieren.

Diese Reaktionen machen deutlich, dass unser >Original< seine Position in diesem Prozess nicht begreifen will und auch nicht darüber ernsthaft nachdenken. So werden diese Entwicklungen innerhalb seines Stadtteils Verbesserungen – was sie ja tatsächlich sind – nd die zu beschreibende und zu erhaltende Geschichte beginnt erst mit seinem Einzug und seiner Pionierleistung für das Viertel.

Deshalb ist seine Frage, die er nur unter äusserster Selbstkontrolle artikuliert vorbringen konnte, was denn zu tun sei, Ausdruck der überschiessenden Angst, die eigene Existenz und vor allem die eigene Existenzform angegriffen zu sehen, und zwar auf der Makroebene wie durch Initiativen, deren Treffen es gerade besucht.

Es mag ihn beruhigen, dass weder die Villen der deutschen Arbeiter im Tessin (so kommentierte Klaus Staeck die Propaganda der CDU: “Freiheit statt Sozialismus” dereinst) noch die Eigentumswohnungen deutscher Lehrer im Nordend – und schon gar nicht die Nutzungsrechte – entsetzt werden sollen. Dafür zuständig ist die Deutsche Bank und ihre Schwestern.

Es kann weiter gebastelt werden an der Geschichte, mit der uns dieses >Original< unseren Fortschritt erklärt.


12 Kommentare zu “Impressionen – eine Nachlese”

  1. Bernhard aus hessisch-Absurdistan

    Tolle Beschreibung eines Spießbürgers. So sind sie eben…

  2. gaukler

    Schön, beschreibt vieles der Stimmung im Norend, zumindest das selbstgefällige Gemurmel in vielen ihrer angesagten “Locations”.

  3. trickster

    Es ist vor allem diese Biederkeit, dieses Sich-eingerichtet-haben, was da rüberkommt und als das Maß der Dinge zugerichtet wird. Die ursprüngliche Lebendigkeit weicht, je homogener, je eher, dieser Langeweile, die in den Locations mit ausreichend Alkohol übertünscht wird. Fehlt noch, dass jedes Mal ängstlich zur Tür geschaut wird, damit kein Ortsfremder hereinkommt, zumindest einer, dem man es ansieht. Wenn die Begrünung eines Mittelstreifens zum stadtpolitischen Grossinhalt wird, dann hat man es geschafft. das individuelle Problem dieser Typen besteht darin, genau diese Mechanismen der Vertreibung als Nutzniesser konsumiert zu haben. und jetzt treibt das schlechte Gewissen zusammen mit der Angst ums Eigentum, beschissene Situation m Einzelnen.

  4. gaukler

    Ich denke, dass das ein Teil der Anziehungskraft der Grünen ist, das Gefühl eines “politischen Ausdrucks” über Mittelstreifenbegrünung bis umfassendem Rauchverbot – natürlich nur bei Tabak. Da kann man so viel bewegen und so viel aufgeregten Konsens in Vorgärten verzwitschern.
    Ernster wirds dann beim Statuskampf im Wettbewerb, siehe Schulen.

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