Frankfurter Gemeine Zeitung

“Klangkörper”- Tim Wegners Orchesterbilder im Frankfurter Presseclub

Gibt es für einen Fotographen etwas schwierigeres und gleichzeitig langweiligeres, als ein Symphonieorchester zu fotografieren? Ich vermute nein. Denn abgesehen davon, dass hier das übliche Problem entsteht, wie man das, was ein Orchester eigentlich tut und ausmacht: nämlich die kollektive Tonerzeugung in einem Bild darstellen soll, wie man also Klang ZEIGT, tun sich weitere Probleme auf:
1. ein Symphonieorchester sind “zu viele”, diese ganzen Leute passen nicht aufs Bild.
2. Diese Leute sind meistens auch noch alle fast gleich angezogen.
Deshalb atmen Orchester-Fotografien oft die Bravheit eines Abiturientengruppenfotos, kontrastiert lediglich durch die Figur des Dirigenten, der scharfgestellt vor der unscharfen Masse der Musizierenden den ekstatischen Löwenbändiger mimt.
Auf den Plakaten der Klassikindustrie bildet man die beteiligten Orchester meistens lieber erst gar nicht ab. Das Auge des Betrachters und der Marketingabteilung giert nach dem genialischen Einzelnen, dem Solisten oder Dirigenten. Die Cover der aktuellen CD-Klassikcharts konzentrieren sich auf die geöffnete Hemdbrust von Star-Geiger David Garrett, in der ein großes Kreuz baumelt oder das kreuzlose, aber nicht reizlose Dekolleté von Mezzosopranistin Elina Garanca. Kein Orchster nirgends auf diesen Covern, obwohl David Garrett natürlicherweise ebenso wenig seine “Rock Symphonies” ohne Orchester zur Geltung bringen könnte wie Elina Garanca ein Oper, die sie a capella singt. Die Fotos des Hessischen Rundfunksymphonieorchesters, die Tim Wegner zur Zeit im Frankfurter Presseclub zeigt, lenken das Licht auf die, die man selten sieht: die Stars im Verborgenen des Orchestergrabens. Hervorgegangen sind sie zum einen aus einer Auftragsarbeit des Hessischen Rundfunks, die an ihn und Anna Meuer ging. Anreger und Auftraggeber war zum anderen das Photokontor Gerd Kittel, dessen RheinMainJahrbuch jährlich Bilder jenseits der Klischees aus dem Leben im Rhein-MainRaum präsentiert und das hoffentlich weiterhin tun wird.
Tim Wegner ist von Hause aus kein Photograph der schönen Künste. Er arbeitet seit 1988 als freiberuflicher Fotojournalist für Tageszeitungen und Magazine. Einen Namen machte er sich mit bewegenden Reportagen aus Krisengebieten in Afrika und Asien.In den 90er Jahren war er Produktionsfotograf u.a. für Filmproduktionen wie Til Schweigers: “knockin´ on heavens door”. Seit 1998 ist er Mitglied der Fotoagentur Laif. Heute fotografiert er sehr erfolgreich im Bereich Wirtschaft, Wissenschaft und Politik für Nachrichtenmagazine, Banken und Unternehmen.
Sein Lebenslauf zeigt: Wegner ist ein äußerst vielseitiger Fotograph-trotzdem ist ihm nicht unbedingt von Elena Garanca an der Wiege gesungen worden, dass er dereinst das HR-Symphonieorchester photographieren würde.
Möglicherweise hat aber gerade der Umstand, dass er kein klassischer Kulturphotograph ist, sondern von der Reportage herkommt dazu beigetragen, dass diese Bilder eines Orchesters etwas besonderes geworden sind.
Was bekommen wir zu sehen? Die Ausstellung präsentiert zwei Arten sich dem Orchester zu nähern: einmal Reportagefotos in Schwarzweiß von der Eröffnung des Rheingau Musikfestivals im Kloster Eberbach, zum anderen Porträtfotos einzelner Musiker des Orchsters in Farbe vor weißem Hintergrund.
Die Schwarzweiß-Bilder fangen den ansonsten für das Publikum unsichtbaren Teil des Musiker-Alltags ein: das Warten auf den Auftritt, die Proben, das Sich-umkleiden ebenso wie das Entkleiden der Instrumente aus überlebensgroßen Instrumentenkoffern.
Wir sehen z. B. auf einer Aufnahme einzelne Violinisten im Schatten der geöffneten Fenster, durch die diffuses Licht in das fast dunkle Gewölbe des Klosters fällt. Die Violinisten schauen aus dem Fenster hinaus oder blicken in die Halle. Ihre Instrumente verharren auf dem Schoß, als würden sie auf etwas warten. Im Vordergrund eine übende Geigerin, in einigem Abstand zwei, die sich unterhalten. Alle sind aufeinander bezogen und doch ist in dem Halbdunkel jeder für sich. Nach hinten verliert sich die Halle ins Endlose, auf einer Mauer rechts zwei Blasinstrumente. Sind sie vergessen worden? Dieses Bild ist tatsächlich eine vollendete Komposition, eine Entsprechung zur Musik.
Andere Bilder: Eine Streichergruppe in feiner Konzertkleidung, aber auf schmalem Treppenabgang zusammen gedrängt wie auf einer steinernen Rolltreppe.
Oder: Ein einzelner Cellist. Musizierend im profanen weißen T-Shirt der Gegenwart sitzt er in der uralten, nach oben strebenden Kirchenhalle, hinter ihm Reihen leerer Stühle, nur ein einzelner Junge in der Reihe direkt hinter ihm, der sich an den äußersten Rand gesetzt hat, hört aufmerksam zu.
Oder: Eine Musikerin, im Dunkel die Treppe hinaufsteigend, den Cellokoffer auf dem Rücken, das Licht erzeugt eine imaginäre Wirbelsäule, als wäre das Instrument mit der Person zu einem Mischwesen verschmolzen.
Damit es jetzt nicht zu musisch-mystizierend wird-: auf einem anderen Bild zaubert der straff gespannte Hosenboden eines sich bückenden Mannes, der wunderbar zu den schräg liegenden Streichinstrumenten ihm gegenüber korrespondiert, dem Betrachter unwillkürlich das sublime Wort “Arschgeige” auf die Lippen, ohne dass dies despektierlich gemeint wäre.
Im Kontrast dazu zeigen die Farbaufnahmen den Moment des Musizierens an sich und anhand des einzelnen Instrumentalisten in stets gleichem Bildaufbau. Die Bilder schälen den Einzelnen vor weißem Hintergrund scharf aus der Anonymität heraus. All dies könnten auch berühmte Solisten sein, scheinen die Aufnahmen zu sagen und schon dies ist ein Akt der Emanzipation gegenüber der üblichen Orchesterdarstellung. Allerdings wirken diese Solisten, die keine sind, völlig unprätentiös.
Sie sind völlig konzentriert auf ihr Instrument und das im Bild unhörbare,den Klang. Das Instrument wirkt im Bild gleichberechtigt zum Instrumentalisten. Schwer zu sagen, wer hier spielt und wer gespielt wird… In einem Akt der Alchemie wird so durch alle der schöne Homunculus gezeugt, von dem der Titel der Ausstellung spricht: ein Klangkörper.
Tim Wegners Bilder machen uns zum faszinierten Zeugen dieser Zeugung. (Die Bilder der Ausstellung sehen sie hier im Netz)


5 Kommentare zu ““Klangkörper”- Tim Wegners Orchesterbilder im Frankfurter Presseclub”

  1. Esthernaba

    Fjsmxg anafbv rx pharmacy rx pharmacy

  2. Esthernab

    Oqkrfi zsijna canadian pharmacy cvs pharmacy

  3. Esthernab

    Vsrezq umuaxt online canadian pharmacy canadian online pharmacy

  4. Esthernab

    Ukusmy ckziil best online canadian pharmacy cvs pharmacy

  5. tadalafil vs sildenafil

    Zfbdvp ckaakf clomid treats online clomid

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.