Frankfurter Gemeine Zeitung

Bemerkenswertes – Vierte Novemberwoche

Im Kampf gegen den Weihnachtsmarkt-Terror haben amerikanische Geheimdienste eine besonders effektive Erfolgsstrategie entwickelt: man nehme einen jugendlichen Web-Fanatiker des richtigen Zuschnitts und der passenden Email-Kontakte (islamistische Web-Sites in Pakistan bieten sic für alle Seiten an), kontaktiere ihn und spreche mit ihm über lohnende Bomben-Ziele im westlichen Feindesland, am besten in einer Umgebung in der er wohnt und sich auskennt.

So geschehen im hinterwäldlerischen US-Staat Oregon. Die Behörden arbeiteten ein halbes Jahr bis der Weihnachtsmarkt öffnete, und Agenten belieferten den Jungen passend mit Bombenattrappen. Dann fuhr der arme Tropf vor: und schon hatte man ihn.

Die Lehre der Geschichte: du bist nirgends sicher, unsere Leute passen auf, unsere Erfolge in der Globalisierung passen manchen nicht, aber wir sind auch dort vor Ort. Deshalb: nur weiter so.

Also die Lehre für Frankfurt: in Rödelheim gesucht, da gibt es sicher massig Leute, die was gegen den Römer-Event haben. Und ein paar Bescheuete sind sicher auch drunter. Man muß sie nur finden.

Passend zur perfekten und klandestinen Planung der Islamisten, die sogar wissen, wo unsere Weihnachtsmärkte sind, wie man Nikolause engagiert  und den Glühwein mit Nitroglyzerin anreichert, wissen unsere Nato-Aufklärer nicht einmal, wer ihr Feind überhaupt ist.

Da scheint auch kein Adel zu helfen, wenn man den Feind nicht kennt gibs keinen Frieden. Die Verteidiger am Hindukusch können zumindest sagen, dass sie seit Monaten mit den Taliban verhandeln, guter Wille also da ist. Leider nicht bei der Gegenseite.

Wie sollte auch, denn die Gegenseite war gar keine Gegenseite, die Nato verhandelte nicht mit dem Taliban, sondern einem Betrüger !

Nun: Gibt es bloß deswegen einen Frieden, weil man die falschen triff ? Sind gar die Taliban gar nicht echt, sondern auch Berüger ? Sind die Bombendroher gar auch Betrüger, die in Wahrheit nur einen billigen Glühwein ergattern wollen? Guttenberg sollte darüber Rede und Antwort stehen.

In unserer Medien-Rundschau haben wir dieses Wochenende über die rosige Frankfurter Zukunft berichtet, wenn man Chinas Drohung mit der Sperrung seltener Erden bedenkt, kann die folgende Erkenntnis unsere Zukunft hier noch rosiger gestalten.

Es geht um die Stadt als Rohstofflieferant (“urban mining”), sozusagen Frankfurt als Bergwerk, als künfiges Abu Dhabi, als Ölscheichtum. Der spannende Zweig der “Abfallwissenschaft” konnte nämlich jüngst konstatieren, dass unser Müllsammeln der letzten 100 bis 200 Jahre einen Rohstoffberg verursachte, den es zu schöpfen gilt.

Vergleichbare Studien in Japan haben ergeben, dass der Elektroschrott des Inselstaats 300.000 Tonnen Seltene Erden enthält. Zum Vergleich: Die jährliche Produktion der Seltenen Erden liegt aktuell bei 120.000 Tonnen jährlich.

Wo fällt der meiste Müll an? In Städten natürlich, und sie wurden drum herum oder gar darunter verbuddelt. Deshalb: Fördern was das Zeug hält, her mit dem dreckigen Gold, weg mit den Banktürmen, RheinMain wird Rohstofflieferant.


Aus der Mitte: europäische Befindlichkeiten

Zwei mediale Aufreger zeichnen die letzte Woche ein interessantes Bild von Rissen und Widersprüchen auf, die besonders die “Mitte der Gesellschaft” durchziehen. Hier haust dieses geheimnisvolle Wesen “Leistungsträger”, das die Achsen unseres Erfolgs tragen und antreiben soll und gleichzeitig so enorm von Belastungen und Aufdringlichkeiten heimgesucht wird.

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Welche Verbindungslinien diese Ansprüche herstellen und wie diese das Wesen selbst weiter verwirren zeigen die miteinander scheinbar unverbundenen Erregungen zum vorweihnachtlichen Terroralarm und dem aktuellen Erscheinen der Übersetzung eines französischen Buches über “kommende Aufstände“.

Um das zu verstehen, muß man ein paar Schritte zurücktreten um die Lage des bedrängten Wesens zu übersehen. Nicht nur das vorweihnachtliche Intensiv-Shopping macht die leistungsüberlastete Mitte für Störungen hoch sensibel, der Erfolgsdruck auf sie arbeitet auch jetzt ohne Unterbrechung: die Familie oder Peer-Group, die Firma oder der Projekt-Leiter halten ihre Mitglieder in Trab, dazu kommt die Forderung nach dem besonderen Ereignis, der Kampf um den Status, die laufenden Zahlungsvepflichtungen, die Zwänge der Märkte, die anspruchsvolle Identität und vieles mehr fordert permanent Tribut. Sie alle verlangen sowohl echte Flexiblität wie Verlässlichkeit um erfolgreich in der Mitte voranzukommen – und das unter dauernd wechselnden Bedingungen. Bei soviel Dynamik wird der Schrei nach Sicherheit immer lauter, oder umgekehrt.

Die Medienindustrie und ihre eigenen, prekär mittelschichtigen Leistungsträger sind Teil dieser Wurstmaschine, sie ackern für das Event und die Flexibilität, mit dem Anspruch auf Leistung wie auf Sicherheit. Ihre medialen Präsente müssen passen, aufregen und dafür arbeitet die diffuse Terrordrohung besonders gut, eigentlich sogar besser als ein Knall selbst. Die unentwegte Wiederholung der Drohung multipliziert die Events ins Überall und lässt den Staat überall sichern – eine ideale Zusammenkunft von Imaginationen und Medienprodukt mit Erfordernissen staatlicher Demonstration.

Das Anschlagsszenario verunsichert aber gleichzeitig die Leistungs-Mitte, die in ihrer Dauerbelastung immer potentiell überfordert ist. Sie stellt die verlangte Flexibilität durch die umfassende Sicherheits-Administration ebenso wie durch die allgegenwärtige Bedrohung in Frage. Und die Drohung unterhöhlt natürlich die Sicherheit, die erwartete persönliche Versicherung durch ihre Globalisierung des flexiblen Terrors, mit dem Unsichtbaren aus der Tiefe von Zeit und Raum. Das Unsichtbare vernetzt sich aber  genauso wie diffuses Markt-Geschehen die ökonomische Globalisierung quer über die Kontinente betreibt. Deshalb: beide, Administration und Globalisierung liefern kein Vertrauen für die schön eingerichtete europäische Welt der Mitte, im Gegenteil.

So entspringen die Bedrohungen letztlich sogar aus den Kern-Mechanismen europäischer Bewältigung, aus der flexiblen Globalisierung und unseren Sicherheitserfolgen, sei es politisch, sei es ökonomisch. Ein gewisses Gespür genau dafür kann man dem französischen Buch “der kommende Aufstand” und dem kleinen Feuilleton-Theater um seine Geschichte nachsagen.

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Der kommende Aufstand beschreibt in linksradikal-autonomer Manier globalisierte Sicherheitsverhältnisse ökonomischer, politischer und militärischer Art. Sie werden unter der Dirigenz des Kapitals in Binnen- und Aussenverhältnissen gestaltet, verlangen pausenlosen Widerstand und halten beim permanenten Gegendruck der Übermächtigen Herrschaftsapparate in Gang. Das Verlangen nach militantem Widerstand steht nach Ansicht der Autoren, einem (französischen) “unsichtbaren Komitee” in den westlichen Ländern auf der Tagesordnung. Die Bedingungen des Aufstands werden von ihnen 2007 in schön-wild-romantischen Narrativen eines radikalen Ausbruchs aus den bekannten Milieus, aus den Fallen für die kreative Jugend ausgemalt. Manche Beobachter finden dieses Szenario schon ein bißchen in Berlin oder Stuttgart oder im Wendland realisiert.

Die entzückte oder verärgerte Leitpresse von FAZ (und hier) über FR, SZ, Zeit bis taz sieht mal eine schöne linksradikale Erzählung, einen kurzen Sommer der Anarchie, nachvollziebare Unruhe, mal pubertären Drang, aber auch  rechtsradikalen Auswurf. Der Anspruch an Kreativität wie ihr drohender Verlust rufen nach einem Befreiungsschlag durch kreative Exilanten, die Shoppingmall soll nicht mehr leer gekauft sondern leer geplündert werden. “Wir wollen alles”. Die Taz sieht in der politischen Exilierung als Feind des Systems gleich ein faschistoides Szenario.

Aber der Text drückt vermutlich eher ein allgemeines Befinden der Erfolgs-Mitte aus, einen imaginativen Hintergrund mit Momenten einer Adoleszenzkrise. Er ist ein Pamphlet der verunsicherten, aufgeklärten Bewohner von Wettbewerbsstädten, die immer nach Stützen, nach Entwürfen ausserhalb ihrer selbst suchen, nach echten gesellschaftlichen Entwürfen ebenso wie nach großen Events. Sie bewegen sich in den Vorgaben von Sicherheit und Flexibilität, fühlen sich gleichzeitig eingeengt und verunsichert, in herrschenden Imaginationen gefangen, die permanent unruhig oszillieren.

Die Kommentatoren dieses Texts im deutschen Feuilleton sind als reflektierende Spitze der Erfolgsmitte selbst zu verstehen, daher auch ihr eigenes Schwanken zwischen Zustimmung und Ablehnung. Ihre Szenarien bewegen sich aber eher an der Oberfläche. Die Verankerung im Medienapparat lässt die Disputanten die Risse in der “Leistungs-Achse” der Gesellschaft übersehen, denen der Text unterliegt und die genau sie selbst auch antreiben. Es sind ja die Symbolarbeiter, die kleinen Mittelständler, die Projektarbeiter selbst, deren Antriebe und Imaginationen das System so gut am Laufen halten. Es sind die agilen Wettbewerber, die immer nur kurz ausbrechen, in einzelne Artikel hinein, mit einem Adventure-Urlaub oder eben in der kommenden Aufstandskommune im Vogelsberg. Schnell aber finden sie sich in den Sicherheitszonen wieder ein. Zu diesen Rissen und ihrer Dialektik haben die Kommentatoren der großen Blätter keine kritische Distanz,  das Manifest kommt auch für sie hauptsächlich als Event.

Deshalb ist der “kommende Aufstand” ein Initiations-Roman der Bewältigung von Rissen, der die erlebnishungrige Mitte – und alle die zu ihr wollen – leicht durchschauern lässt, wie die Imaginationen über eine drohende Bombe auf dem innerstädtischen Weihnachtmarkt, der sie doch auch so gerne entkommen möchten. Genau wie dem kommenden Aufstand.


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