Frankfurter Gemeine Zeitung

Das Frankfurter Parkettzentrum bei Nacht

Bette Burgoyne

Bild: Bette Burgoyne

Autos in der Hamburger Allee.
Sie ruhen in dieser zwiefarbenen Nacht wie versteinerte Echsen unter weißem Pulver, das ein Wissenschaftler über sie ausgestreut hat. Sie wundern sich im Schlaf über ihren kindlichen Namen: Autos. Ein Vorbeigehender hat in den Schnee einer AutoFensterscheibe: “Sex” geritzt. Das Wort soll vermutlich die Kälte vertreiben, die vom Weltraum hinabsteigt in die Straße. How beautifully boring.
Weiter hinten, am Rand an die Hausmauer gedrückt, ein schräg stehender Servierwagen, darauf ein Herz in den Schnee gezeichnet. Schnee lockt das Innere hervor, es sickert hinaus… Man sollte in manchen Tagen und Nächten umhergehen oder Beauftragte los schicken, die nicht über Los gehen, sondern die Worte und Symbole aufzeichnen, die in Schnee geschrieben und sofort vergessen werden.
Ich selbst bin spät ausgegangen, rutschend auf dünnen Sohlen in schwarzen Schuhen, wie damals am ersten Januar. Neujahrsspaziergang nach Kronberg, unbedachterweise, um Tiere zu sehen im Opelzoo. Der Himmel heute rötlich-grau, als würde irgendwo jenseits der Stadt ein gigantisches Feuer brennen. Ich erwarte jederzeit, einem taubstummen Zwerg zu begegnen. Ich gehe an einer “Spielothek” vorbei. Es gibt sie immer noch, ockergelb mit verhängten, ruinierten Fenstern wie seit je her.
Auf der anderen Strassenseite aber leuchtet in dieser einsamen Nebenstrasse in den selbstbewußten und gleichzeitig dezenten Lettern einer Pietät: “Frankfurter Parkettzentrum”. Ah! Wie gerne würde ich jetzt dort, in dieser schweigenden Winter-Nacht neues Parkett aussuchen. Aber alles ist dunkel. Das Parkett parkt.Ich setze mich vor die Tür. Denn ich werde warten, bis das Frankfurter Parkettzentrum aufmacht.
Oder bis es aufhört zu existieren.


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