Frankfurter Gemeine Zeitung

In Gefahr und größter Not… zum zweiten

Zur zweiten Zeitdiagnose des “Bewegungs-Konservatismus“: anders als Jürgen Habermas (siehe: …. zum ersten) sieht der Telepolis-Autor Maresch unsere gesellschaftlichen Potentiale nicht primär durch demokratische Defizite bedroht, sondern eher durch reaktionäre Impulse aus der gegenwärtigen Zivilgesellschaft selbst. Er meint, viele Bürger hätten den Glauben an “Fortschritt, Technik und Zukunft” verloren.

Als Kulturkritiker der “europäschen Haltung” schließt er sich einer in den USA verbreiteten Perspektive auf  “Old Europe” an, dass die meisten bei uns eine Versorgungs-Einstellung verinnerlicht haben, in der wir verlangen, vor jedem Unbill geschützt zu werden – am besten vom Staat, unserem “guten Vater”. Gleichzeitig sieht Maresch uns in einem Bedrohungsszenario verstrickt: wir haben um unsere Position zu kämpfen, gegen all die anderen, die uns in der “flachen Welt” (Thomas Friedman) mit ihren “unvermeidlichen Folgen” und offenen Grenzen bedrohen. Es droht ein schleichender Niedergang der westlichen Nationen gegenüber dem rasanten Aufstieg der “neuen Staaten” (ich sage nur: CHINA) .

Weihnachtsfreuden - 1

Was hilft nach Maresch dabei zuletzt: der gegenwärtige rückwärtsgewandte Protest, der meist einen extrem konservativen Charakter hat, unrealistische Forderungen erhebt und kaum vor “pseudo-revolutionären Mitteln” zurückschreckt. Das sei nichts als eine egoistische Haltung aus Partikularinteressen heraus, die es verhindert, dass alle im Kampf um die Wettbewerbspositionen “das Jammern und Klagen einzustellen, die Ärmel hochzukrempeln und für eine andere und bessere Zukunft zu streiten“. Nun meint der aufmerksame Kritiker damit das angeblich allgegenwärtige Jammern der Überversorgten in Demonstrationen auf der Strasse, den “Besitzstands-Protest”. Nicht zu wenig sind auf der Strasse, sondern viel zu viele – meint der Telepolis-Artikel.

Erstaunlich, dass die “neue Bürgerlichkeit”, die Maresch hier recht simpel vorführt, sich über ein paar Demonstrationen in Stuttgart oder dem Wendland aufregt, und dadurch gleich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands bedroht sieht. Dabei verkauft Maresch ein einheitliches Bild des “Wir”, dem sich  uneinsichtige “Naturschützer und Gutbetuchte, Maschinenstürmer und Sozialbewegte” gegenüberstellen – obwohl sie doch eigentlich profitieren und sich einordnen sollten. Er möchte dagegen agieren, dass “Skepsis, Unsicherheit und Ängste auch große Teile der bürgerlichen Mittelschichten erfasst“, dass uns im Machtkampf “Nörgeleien und Krakeelereien der Bürger” beeinträchtigen – dabei hatten sie es bei der Wahl 2009 doch selbst genau so gewollt.

Absurderweise bezieht sich der konservative Maresch auf den diskutierten Artikel von Habermas, der ja gerade die Schwäche bürgerlicher Eliten konstatiert und damit eine gewisse Legitimität des Protest erkennt. In seiner Forderung nach Initiative der Wettbewerbs-Deutschen, nach “Aufbruchsstimmung und Begeisterung für das gedanklich Neue, wirtschaftlich Mögliche und technisch Machbare” will der Telepolisautor aber die Umstände zementieren, in denen sich viele befinden.

Er will selbst aber beileibe nichts Neues, sondern verstärkt nur eine ignorante Leistungs-Verpflichtung derer, die sich dem Automatismus unseres ökonomischen und politischen Geschehens nicht unterwerfen wollen. Das meint  diejenigen, die oft gerade nicht Nutznießer sondern bloß Leistende sind, und auch nicht anderes ins absehbare Zukunft zu erwarten haben – eine Hommage an Peter Sloterdjiks “Freiheit für die Erfolgreichen”. Genau das betreibt Maresch unter dem Spiel eines “Wir” der “Firma Deutschland”, dem sich allerdings die meisten echten Nutzießer der dünnen Demokratie, der Herrschaft der Ökonomie problemlos entziehen.

Man möchte sich bei dieser Verve im Kampf gegen die wenigen Öko-Proteste nicht ausmalen, was neu-konservative Autoren produzieren, wenn es tatsächlich einmal zu “heißem Herbst” oder Protesten größerer Breite kommen würde. Aber diese Gefahr besteht ja aktuell wahrlich nicht.

Maresch selbst scheint mir allerdings ein Ausdruck der Brüche rund um die Mitte: Angst vor der Sturz von erreichten Gipfeln, Ärger über geringe politische oder ökonomische Eingriffsmöglichkeiten, wenige Perspektiven, die vom einmal beschrittenen Pfad abweichen. In den Widersprüchen dieser Positionen, die von Betroffenen sehr unterschiedlich eingenommen werden, spielt Maresch die Karte unseres jahrzehntelang beschritten Pfades, fordert erneute Beschleunigung und er möchte tiefere Falten glattbügeln (ala “in diesem unserem Lande…”)

Die Grünen-Partei bleibt betreffend der Steuerungsachsen unserer Gesellschaft meist  indifferent, neben manch symbolischer Empörung gibt es klandestines Einvernehmen – unter dem Zeichen einer “neuen Moderne”, wie ein Frische-Siegel. Das kommt beim Publikum gut an, die Grünen werden zum Orientierungsmittel, sie ist die Partei des unsicheren Mitte-Konsenses und Georg Seeßlen nennt sie kürzlich im “Freitag” “Die Konsenspartei“, unsere dritte Zeitdiagnose des Bewegungs-Konservatismus.

Einheitliche Orientierung bei vielen Rissen und Widersprüchen der Mitte führt bei den Grünen zu allgemeiner Nivellierung, so Seeßlen: “Die Zustimmung ist hoch, das Profil wird immer flacher“. Der angeblich so bedrohliche Protest wird bei ihr zum Stimmungs-Beiwerk, sie kann in ihrem Kielwasser Unruhe über Feudalisierung kanalisieren und breite Kreise der “kreativen Klasse”, der Bedrohten im Speckgürtel sowie deren unter der Herrschaft prekärer Projekt-Aufträge zusammenfassen.

Dabei kultivieren die Pateispitzen ein speckiges Image als  “seriöse Politiker”, einen Konsens ohne echten Diskurs. Man kann letztlich ungestört weitermachen wie vorher, verspricht aber eine ansprechendere eigene Befindlichkeit, der auch viele mal einfach so zustimmen können. Erlahmung durch Konsens lautet die Diagnose. Keine echte politische Auseinandersetzung ist nötig, die Grünen sind die ideale Partei der Befriedung. Die Resultate konnten wir gut am Beispiel des Geißler-Tisches in Stuttgart besichtigen.

So kommen alle drei in einer einträchtigen Mitte zusammen: der Philosoph Habermas, der im smarten Konsens das Maß politischer Lösung sieht, der Kulturkonservative Maresch, der sich dem unausweichlichen globalen Geschehen im nationalen Pfad der bürgerlichen Mitte hingibt und das von allen anderen um ihn herum gleichfalls erwartet, und Die Grünen, die den Mittelweg so weit austreten, dass fast jeder sich einvernehmlich dort einfinden könnte, ohne kreative Impulse aus den Rissen heraus hevorzubringen.

Tja, da bleibt das Resümee:

In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod


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