Frankfurter Gemeine Zeitung

FGZ Büchertisch: Manson und der kalifornische Blutsommer 1969

Helter Skelter. The True Stories of the Manson Murders, geschrieben vom damals verantwortlichen Staatsanwalt Vincent Bugliosi (gemeinsam mit Curt Gentry) ist schon 1974 in den USA erschienen und jetzt erstmals in deutscher Übersetzung erschienen. Man sollte sich von der reißerischen Umschlaggestaltung des Riva Verlags nicht abschrecken lassen (Der Mordrausch des Charles Manson. Eine Chronik des Grauens), denn Helter Skelter ist ein minutiös recherchiertes, unaufgeregtes Protokoll der Vorgeschichte, der Morde und des Prozesses sowie der Versuch, das „Geheimnis“ des gerade einmal 1,58 Meter großen Sektenführers Manson zu ergründen.

Charles Manson, ein gescheiterter Musiker (der sich und seine „Family“ längere Zeit beim Beach Boy Dennis Wilson einquartierte und ihn ausnahm wie die sprichwörtliche Weihnachtsgans), wegen kleinerer Delikte und Zuhälterei vorbestraft, war vieles – ein Rassist, der sich für Jesus und Satan in Personalunion hielt; ein charismatischer Mensch, der sich vor allem junge Frauen gefügig machte (vier von ihnen führten die Morde auch aus) und einen kruden „Philosophie“-Mix aus Magie, Zauberei, Hypnotismus, Astralprojektion, Freimaurerei und Scientology predigte. Ach ja, er hielt sich auch noch für die Reinkarnation von Aleister Crowley. Das White Album der Beatles enthielt für ihn geheime Botschaften wie die Anstiftung zum Rassenkrieg gegen die „sklavisch veranlagten Nigger“, vor allem im Song Helter Skelter (laut Lennon ein Lied über eine Rutsche auf einem Kinderspielplatz).

„Ihr kaut Fleisch mit Euren Zähnen und zerstört Dinge, die besser sind als Ihr. Und gleichzeitig beschwert Ihr Euch darüber, daß Eure Kinder schlecht sind oder sogar Morde begehen. Dabei macht Ihr Eure Kinder zu dem, was sie sind. Ich bin bloß ein Spiegel jedes einzelnen von Euch“, sagte Manson vor Gericht. Das erinnert an Kurtz’ Wahn in Joseph Conrads Herz der Finsternis und Francis Coppolas Apocalypse Now.

Manson, bis heute der berühmteste Gefangene der Welt und für viele ein positiv besetzter Mythos (niemand erhält so viele „Fanpost“ im Gefängnis wie er), repräsentiert wie kaum ein Zweiter die Abgründe der US-amerikanischen Gesellschaft. Helter Skelter ist ein großartiges Buch, das in seiner nüchternen Anatomie diesem amerikanischen Alptraum stets dicht auf den Fersen ist und ihn immer wieder einzufangen weiß.

Vincent Bugliosi mit Curt Gentry, Helter Skelter. Der Mordrausch des Charles Manson. Eine Chronik des Grauens, München, Riva Verlag 2010, 747 Seiten, geb., 24,90 €


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