Frankfurter Gemeine Zeitung

Aufruf wider den reaktionären Zeitgeist

Ökonomische Wirklichkeiten

Wir werden seit einiger Zeit Zeugen obszöner Inszenierungen, die im Namen von allen möglichen Sachzwängen, die wahren Interessen der Akteure verschleiern sollen, dabei deren Mundfäule über die Lande speien. Kein Taschenspielertrick, keine Rosstäuscherei, keine Variante einer Milchmädchen-Mathematik ist ihnen zu schade, zu blöde, um ihr Vorhaben voran zu bringen. Geschützt durch die immobile „Mitte“ fühlen sie sich stark genug, einen Generalangriff zu unternehmen. Das wird die Zukunft nicht aufhalten, nicht ein Westentaschen- Virchow und auch keine Domina mit Dauerwelle, auch ein Wirtschaftsminister, der vor allem durch seine vornehme Zurückhaltung punktet, kann die Entwicklung höchstens verzögern, mehr nicht.

exponentielles-wachstum

Es ist höchste Zeit, den Faden der Aufklärung wieder aufzunehmen und der Moderne endlich Gestalt zu verleihen. Lassen wir uns nicht weiter täuschen!

Wie steht es denn mit der Wirklichkeit? Wo werden denn die relevanten Entscheidungen getroffen? Und welches gesellschaftliche Segment stellt heute die Speerspitze der Entwicklung dar?

Die Institution, die unser aller Schicksal – blind gegen den Einzelnen – gleichermassen beeinflusst und lenkt, das Sanctum sanctorum unserer Zeitläufte, ist ohne jeden Zweifel die Börse. Dort und nur dort werden die Massen bewegt, nach denen wir alle streben, von denen wir umschlossen werden wollen – das Geld. Nur dessen Arbeit zählt, egal, was uns diese Phalanx der angeblichen Stützen der Gesellschaft einzureden suchen, die nie über den Horizont der Tischkante ihres Stammtisches hinauskommen, ob in Berlin, Paris, Madrid oder wo auch immer.

Die moralin-saure Aufregung in bester deutscher Befindlichkeit sucht verzweifelt offensichtliche Zusammenhänge niederzuhalten. In ihrer Furcht vor der Zukunft greifen diese Parteigänger überholter Gegenwart zu jedem Mittel, die Speerspitze der globalen Entwicklung, Avantgarde und Hoffnungsträger, als Schuldige für die veränderten Bedingungen und ihre gefühlte Bedrohung hinzustellen. Sie weigern sich, anzuerkennen, dass nicht sie als selbsternannte Leistungsträger, die Voraussetzungen für ein gutes Börsenklima und Hochstimmung der Broker schaffen. Sie hecheln lediglich dem DAX hinterher.

Es ist eine Binsenweisehit: weit mehr als andere Phänomene, als andere Management-Entscheidungen trägt die Ankündigung der Freisetzung von MitarbeiterInnen zu der positiven Entwicklung dieses existentiellen Index bei. Es sei hier an K. Galbraith erinnert, einem untadelig konservativen Ökonomen, er hat die Verdienste der Arbeitslosen gewürdigt und ihre Unterstützung als unverzichtbarer Teil des Systems, Garant seiner kontinuierlichen Entwicklung, gefordert. Man schaue nur in die frohen Gesichter der Börsianer, jener Aufrechten der letzten Tage, wenn eine solche Ankündigung auch nur gerüchteweise die Runde macht.

Dieser Zusammenhang lässt sich folgendermassen formalisieren:

Mehr Arbeitslose Þ mehr Rendite         ( mAL Þ mR ).

Es sei nochmals betont, dass dieser Beitrag in der Regel grösser ist als andere betriebliche Entscheidungen, das lässt sich völlig emotionslos feststellen, zudem diese Massnahmen unmittelbar – zum Teil im Voraus – wirken. Die universale Gültigkeit dieser Beziehung ist weltweit belegt und kann ausserdem an der ihr folgenden Steigerung der Produktivität gut gemessen werden.

Ist nun dieser streng kausale Zusammenhang einmal identifiziert und als notwendiges Element zur Erzielung höherer Rendite wahrgenommen, muss jedem klar sein, dass eine Ignorierung, ja Verächtlichmachung dieser Elemente ein zumindest riskantes, mittelfristig jedoch gefährliches Unterfangen ist, dessen Konsequenzen sich nicht absehen und noch weniger in den Griff bekommen lassen. Wir dürfen den affektierten Eiferern hier nicht nachgeben, sondern versuchen nachzuzeichnen, welche weiteren Wirkungen aus der oben formulierten Gesetzmässigkeit folgen. Die Tatsache, dass gerade die Mittelschichten diesen elementaren ökonomischen Wahrheiten mit Hass und Verachtung, zumindest mit Ignoranz begegnen, kann nicht Grund sein, über sie hinweg zu gehen.

Die sich in vermehrter Rendite ausdrückende gesteigerte Produktivität führen zu vermehrtem Steueraufkommen, zudem dabei Kosten vermieden werden und nicht mittels Investitionen erstmal entstehen, so können wir eine weitere positive Korrelation aufstellen:

mAL Þ mR Þ mST (mST – mehr Steuern)

Somit verzeichnen die öffentlichen Hände mehr Einnahmen. Diese Aussage gilt generell, sie ist unabhängig, wo genau dieses vermehrte Aufkommen schliesslich konsumiert wird.

Also: nicht nur die Lage des jeweiligen Betriebes verbessert sich, über die verbesserte Lage fliessen der Allgemeinheit mehr Mittel zu. Diese können von den öffentlichen Kassen dann den drängend geforderten zukunftsweisenden Infrastrukturbemühungen zugeführt werden. Damit wiederum wird die Attraktivität des Standortes erhöht, wodurch sich dort die Lage insgesamt verbessert, da nicht nur weitere Betriebe versuchen, hier Fuss zu fassen, sondern auch die Nachfrage nach Serviceleistungen steigt. Dadurch kommen nicht nur neue Arbeitskräfte, sondern diese Ausweitung greift gern auf den Pool qualifizierter Kräfte ( gemeinhin dessen, was heute diffamiert wird) zurück. Das ist eine Akzeleration von Wachstum. Wir können demnach ein weiteres Glied in unsere Kausalkette einfügen:

mAL Þ mR Þ mST Þ mW ( mehr Wachstum)

Nun stellen wir heute fest, dass statt der Entfaltung der Produktivkräfte Rechnung zu tragen, eine Diskussion über die Moral eines ihrer Teile vom Zaun gebrochen wird.

Der oben beschriebene Wachstumsschub wird das Schicksal einer Eintagsfliege teilen, wenn er nicht durch Investitionen abgesichert wird, die die  Voraussetzung für weitere Schübe darstellen. Nur so bleibt die bereits gezeigte Flexibilität erhalten und ist für zukünftige Leistungsträger gesorgt.

Gerade weil heute ein allseitiger Konsens besteht, dass der Staat bzw. die öffentlichen Dienste dafür Sorge zu tragen haben, dass die optimalen Rahmenbedingungen für eine wettbewerbsstarke Wirtschaft geschaffen werden, fällt diesen Investitionen – als Zukunftsinvestitionen gesehen – besondere Bedeutung zu. Notwendigerweise haben diese breit angelegt zu sein, damit sie nicht in die Falle tappen, die eine vorschnelle Spezialisierung heute immer öfter darstellt (insbesondere soft skills nehmen eine wichtige Stellung ein).

Wir können nunmehr die Kette um ein weiteres Glied verlängern:

mAL Þ mR Þ mST Þ mW Þ mZI (ZI – Zukunftsinvestitionen)

es ist eine pragmatische Frage, dass im Rahmen der ZI gerade jenes oben beschriebene Segment der Arbeitslosen zu fördern ist, dessen Potential am höchsten und gewinnträchtigsten ist. Dabei ist es unerheblich, ob sich diese Förderung im Einzelnen als eine gefühlte Bedrohung der Wahrung von Besitzständen darstellt, dies gehört zu den nicht zu vermeidenden Reibungsverlusten einer Umstellung. Dieses Segment nicht als zukünftige Führungsspieler anzuerkennen und sie stattdessen sinnlos an der Aussenlinie auf und ab laufen zu lassen, kann schnell zu einer schmerzlichen und trotzdem vermeidbaren Niederlage sich auswachsen.

Jeder Standort- und Verantwortungsbewusste muss endlich begreifen, dass diese Investitionen unumgänglich und dringend sind. Dazu muss das gesamte Potential, das gerade Humanressourcen verkörpern, freien Zugang zu allen Bereichen dieser Investitionen haben, dies muss auf den ersten Blick auf die verschiedenen Haushaltsposten ersichtlich sein. Dass hier lieb gewonnene Vorteile gekappt werden müssen, sollte nicht erschrecken, sondern den Weg frei machen. Gerade der mobilste und flexibelste Teil dieser Humanressourcen, dem in dieser Umbruchsphase der entscheidende Part zufällt, hat Anspruch auf einen adäquaten Zugang.

So kommen wir zu dem letzten Glied, das den Prozess auf dieser Stufe abschliesst, um den Beginn einer neuen zu bilden:

mAL Þ mR Þ mST Þ mW Þ mZI Þ mALG (LG – Arbeitslosengeld)

wir weisen mit allem Nachdruck daraufhin, dass jedes Glied dieser Kettenbeziehung in dieser Reihenfolge unverzichtbar und nicht zu vernachlässigen ist, auch nicht näherungsweise. Allzu deutlich haben wir die Taschenspielertricks vor Augen, die „Staatsschauspieler“ aus dem Ärmel schütteln. Zuerst kommen die semantischen Spielchen: so salopp, Þ (führt zu) heisst dann so viel wie = (ist doch gleich) und schon heisst die Formel mAL = mR. Das ist nicht mehr derselbe Ausdruck. Nun kommt es noch dicker: der Trickser folgert jetzt scheinbar streng logisch mR = mST und daraus wiederum mAL = mST und siehe da, aus der ganzen Ableitung bleibt nur noch Übrig: mAL =  mALG ! Klasse. Zum Beweis führen sie dann an, dass man dies doch sieht und auch überall nachlesen kann. So entsteht die >neue Wahrheit< und nun lässt sich trefflichst polemisieren. Ein fruchtbar Feld für verbitterte alte Männer, eiskalte Engel und überschäumende Aussenminister.

Wir stellen fest:

Eine Gesellschaft ohne Arbeitslose ist nicht flexibel genug und bietet wenig Anreize für zukunftsfähige Investitionen, sie ist in einer Welt globalen Wettbewerbs schlicht ein Anachronismus.

Arbeitslose sind die gewaltige Ressource mittels derer die Entwicklung vorangetrieben und nachhaltig gestaltet wird.

Dies ist insbesondere für rohstoffarme Länder wie die Bundesrepublik von entscheidender Bedeutung.Dem muss endlich Rechnung getragen werden.

Mobil sein mit flexibler Taktik!


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