Frankfurter Gemeine Zeitung

Perdurabo- Das Leben Aleister Crowleys

 Crowleypose

 

Vor einer Woche stellte ihnen hier Jürgen Lentes eine neue Biographie des manischen Mörders Charles Manson vor, der sich für eine Inkarnation von Aleister Crowley gehalten hat. Das wirft die Frage auf: wer war Crowley? Viele dürften ihn mit einem verbreiteten Tarot-Deck in Verbindung bringen. Und schließlich wird selbst in Hessen zum Jahresende hin häufiger Tarot gelegt.

Um Informationen aus erster Hand zu erhalten,  hat die FGZ im Rahmen einer wissenschaftlich kontrollierten (“evidence based”) Geisterbeschwörung den Geist von Aleister Crowley beschworen. Er verlangte zunächst den Wikipedia-Eintrag zu seiner Person zu lesen, bevor er sich äußerte. Es ist uns aber gelungen, nachfolgende Stellungnahme zu dokumentieren.

Ich bin Aleister Crowley. Ich bin der böseste Mensch der Welt. Nein, „My name is Crowley, because I’m holy“, ahh… Mein Vater war Bierbrauer. Ich wurde 1875 in Spa in England geboren. Seitdem ich vier Jahre alt war, musste ich regelmäßig an der morgendlichen Bibelstunde teilnehmen. Vielleicht hängt damit zusammen, dass mich schon als Jugendlicher die Vorstellung, selbst unter Todesqualen zu sterben, keineswegs abschreckte. Genau genommen: sie erregte mich. Mein Vater starb 1887. Ich war elf Jahre alt.Meine Mutter gab mich mit 13 in ein christliches Internat. Dort versuchte man mich „umzuerziehen“. Eineinhalb Jahre haben diese Schufte mich isoliert. Seitdem hasste ich das Christentum mit aller mir zur Verfügung stehenden Inbrunst. Mit 15 wurde ich aus dem Internat geworfen, endlich….Mit 20 begann ich ein Studium der Geisteswissenschaften, natürlich am Trinity College der Universität Cambridge, wie sich das für einen Gentleman gehört. Das heißt: ich begann ZU LEBEN. Im gleichen Jahr bestieg ich alleine das Eigerjoch in den Alpen. Ich begann ZU DICHTEN.

Ein Jahr später erwachte ich in einem Hotel in Stockholm mit dem Wissen um meine magische Macht. Natürlich brach ich sofort mein Studium ab. 1898 war ich zum Bergsteigen in der Schweiz. Dort lernte ich George Cecil Jones kennen. Er führte mich in den Hermetic Order of the Golden Dawn einf. Der Golden Dawn war –wie man so sagt- ein Orden für „magische Künste“. Er hatte –wie man so sagt- „prominente Mitglieder“: Bram Stocker, zum Beispiel. Eigentlich ein lächerlicher Theaterimpressario, na, immerhin schrieb er „Dracula“…Oder William Butler Yeates. Nicht ganz unbegabt als Dichter, aber so unglaublich sentimental. Natürlich bekam er irgendwann den „Nobelpreis für Literatur“. Ich war auch Dicher, aber auf solch einen Nobelpreis-Nonsens konnte ich verzichten. Für mich ging es immer um alles. Am 18. November trat ich dem GoldenDawn bei. Ich wählte meinen Namen, den einzig für mich passenden Namen: Perdurabo: Ich werde ausharren bis zum Ende. Für die nächsten 3 magischen Grade brauchte ich knapp drei Monate. Nebenbei veröffentlichte ich einen pornografischen Gedichtband.

Mt 24 lernte ich Allan kennen. Wir praktizierten die ritualmagische Übungen des Golden Dawn. Als ich sah, dass Allan Bennett in einer verkommenen Wohnung lebte, bot ich ihm an, bei mir zu wohnen. Er tat es. Er sagte, es gäbe eine Droge, die den Schleier von der Welt der Dinge nimmt. Den Schleier der Hohepriesterin. Ich wollte diese Droge, ich wollte sie unbedingt und experimentierte mit Opium, Kokain, Morphium, Aether und Chloroform. 1900 zog Allan nach Ceylon- er… fühlte sich nicht gut. Ich siedelte in das Boleskine House am Strand von Loch Ness über. Ab da nannte ich mich Laird of Boleskine und kleidete mich als schottischer Edelmann.

Die Idioten des Golden Dawn verwehrten mir den Aufstieg zum fünften Grad, dem Adeptus Minor wegen ein paar homosexuellen Liebschaften. Also ging ich im Januar 1900 zu Samuel Liddell MacGregor Mathers, dem Gründer des Golden Dawn in Paris. Nachdem ich ihm Loyalität geschworen hatte, nahm Mathers die Zeremonie vor. Ich erhielt den fünften Grad. Die Bruderschaft des Golden Dawn in London erkannten meine Weihe nicht an und revoltierten offen gegen Mathers. Sie schlossen ihn -den Gründer!- aus dem Golden Dawn aus. Ich kämpfte gegen sie in Mathers Namen und unterbrach ein Ritual, gekleidet als Highlander mit Kapuze. Daraufhin richteten die Putschisten feindliche Magie gegen mich. Mein Regenmantel stand in Flammen. Ich wurde grundlos wütend. Selbst Pferde rannten vor mir davon. Aber die Putschisten hatten keine Chance. Am Ende zerfiel der Golden Dawn. Seine Zeit war vorbei.

Im Mai 1900 brach ich nach Mexiko auf, 1901/1902 nach Indien und ins Himalaya-Gebirge. Ich nahm an einer Expedition von Oscar Eckenstein zur Erstbesteigung des K2 teil. Sie scheiterte.

Am 11. August 1903 traf ich Rose, die Schwester meines Freundes Edward. Sie war Witwe, ihre Familie wollte sie unbedingt wieder unter die Haube bringen. Sie hatten bereits eine Eheschliessung für Rose arrangiert. Ich wollte sie aus dieser schändlichen Situation befreien, indem ich ihr selbst die Ehe versprach. Wir heirateten ein Tag, nachdem wir uns begegnet waren. Unsere Hochzeitsreise führte über London nach Paris, dann über Marseille weiter ins ägyptische Kairo. Dort, in Kairo entdeckte Rose ihre hellseherischen Fähigkeiten. Wir waren zusammen im ehemaligen Boulak-Museum und wurden auf eine Holzstele aufmerksam. Diese Stele von etwa 650 v. Chr. war die Stele des Ankh-af-na-Khonsu , die Stele der OFFENBARUNG! Sie zeigt eine Opferszene und trug im Ausstellungskatalog die Nummer 666 . Meine Zahl. Denn es ist die Zahl des Großen Biests aus der Offenbarung des Johannes. Meine Mutter sagte zu mir, als ich jung war : Du bist ein Biest! Und ich wusste, sie hat recht. Aber was SIE nicht wusste, war: ich bin das GROßE Biest. Das größte, das je war und je sein wird! Sie würde sich wundern, meine dumme, deutsche, fette Mutter!

Nachdem ich Horus angerufen hatte am 8. und 9. und 10. April 1904 in Kairo kam Ra-Hoor-Khuit zu mir , nun eigentlich war es Aiwaz und diktierte mir ein Buch, das „Liber Legis“. Dieses Buch wollte ich nicht schreiben, ich lehne es ab, ich verabscheue es, aber es enthält alles, woran ich glaube!

Unsere Hochzeitsreise brachen wir noch vor Ceylon ab, Rose war schwanger. Wir kehrten nach Boleskine House zurück. Im Sommer 1904 brachte sie unsere Tochter zur Welt. Wir gaben ihr den wohlklingenden Namen Nuit Ma Ahathoor Hecate Sappho Jezebel Lilith Crowley. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, welchen Spitznamen sie in der Schule bekommen hätte. Leider starb Nuit Ma Ahathoor Hecate Sappho Jezebel Lilith zwei Jahre später in Indien.

Im Herbst 1904 wurde ich in die „irreguläre“ Freimaurerloge Anglo-Saxon Lodge No. 343 der Großloge Grand Loge de France in London aufgenommen, einen Monat später zum Freimaurer-Gesellen befördert und am 17. Dezember 1904 zum Meister erhoben.

Es war seltsam. Für einige Zeit vergaß ich die Magie völlig. 1905 nahm ich an einer Bergsteigerexpedition in den Himalaya teil. Etliche ihrer Teilnehmer starben. Ich reiste durch das Kaiserreich China, Kanada und die USA, teils mit Rose und Nuit Ma Ahathoor Hecate Sappho Jezebel Lilith, teils ohne sie. Erst nach meiner Rückkehr aus den USA erfuhr ich vom Tod meiner Tochter.

Im Jahr 1907 gründete ich den Astrum Argenteum, den „Orden des silbernen Sterns“. 1909 erschien die erste Ausgabe des Equinox, der Publikation des Astrum Argenteum. Jeweils zur Sommersonnenwende und zur Wintersonnenwende erschien eine neue Ausgabe. In diesem Jahr ließ ich mich auch von Rose scheiden. Sie war Alkoholikerin. 1910 entstanden Kontakte zum Ordo Templi Orientis oder OTO, dem ich bald darauf beitrat. In kürzester Zeit veränderte ich ihre völlig altmodische Lehrart und gab ihnen das Liber legis, das Buch des Gesetzes.

Den Ersten Weltkrieg verbrachte ich in den USA. Dort wurde ich US-Staatsbürger und veröffentlichte nebenbei anti-britische Kriegspropaganda. Das machte viel Spaß! Nach dem Krieg wurde ich Vater einer weiteren Tochter, Poupee. Ihre Mutter war Leah… Leah Hirsing, meine scharlachrote Frau. Sie ist die Frau, die auf dem Biest reitet.

1920 gründete ich in Cefalù auf Sizilien die Abtei von Thelema, eine magische Kommune. Dort spielt auch mein Buch „Diary of a Drug Fiend“. Meine zweite Tochter starb dort- ich war auf Reisen…. Nachdem in der Abtei Raoul Loveday gestorben war, wendete sich seine Frau Betty an die britische Presse. Eine typische Hysterikerin. Sie sagte, Loveday wäre während eines Rituals gestorben, als er das Blut einer geopferten Katze trank! Die Presse stürzte sich auf diese „Skandalgeschichte“. Aber ich frage sie: wem hat je das Blut einer getöteten Katze geschadet? Der tugendhafte Benitto Mussolini wies mich 1923 aus Sizilien aus. Nie mehr würde ich einen Sommer in Sizilien erleben, dieses unglaubliche Licht… Zwei Jahre später war ich im Sommer in Deutschland. In einem Ort namens Weida. Dort, auf der Weida-Konferenz trafen sich im August deutsche Okkultisten, um mich zum Weltheiland zu ernennen. Ich legte ihnen meine Lehre Thelema dar. Wie üblich missfielen einigen meinen Ausführungen zur Sexualmagie. Aber schließlich einigten sich alle auf das Bekenntnis: “Der Lehrer der Welt, dessen Erscheinen für dieses Jahr verkündet war, den alle wahren Sucher und besonders diejenigen der Theosophischen Gesellschaft erwartet haben, ist zur bestimmten Zeit in der Person des Meisters To Mega Therion (das war ich) erschienen.Wir Unterzeichneten haben mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört und wir wissen, ohne Lügen gewiss, dass er in Wahrheit der Überbringer des Wortes ist, nach dem die Seele der Menschheit dürstet. “

Noch im gleichen Jahr zog sich ein Ehepaar-ich glaube, es waren die Tränkers- von diesem Bekenntnis zurück. Norman Mudd folgte 1927 und meine Lea fiel 1928 von mir ab. Im Verlauf der Konferenz spaltete sich die ganze Pansophische Gesellschaft. Daraus ging unter anderem 1928 die Fraternitas Saturni hervor. Sie stützt sich noch heute auf meine Lehren.

Sie fragen, was wurde aus Weida? Schauen Sie in Wikipedia nach:

“Im heutigen Weida existieren folgende Vereine

  • Angelverein Weida und Umgebung e. V.

  • Fußballverein FC Thüringen Weida e. V.

  • Hundesportverein Weida

  • Justizsportverein Ostthüringen e. V.

  • Motorsport-Club Weida im ADAC

  • Rasse-Geflügel-Züchter-Verein e. V.

  • Rassekaninchenzüchterverein T 205 der Osterburgstadt Weida e. V.

  • Rennsteigverein 1896 e. V. – Ortsgruppe Weida

  • Schützengesellschaft Weida 1994 trad. 1580 e. V.

  • SKK Gut Holz Weida e. V.

  • Tennisverein TC 1990 Weida Thüringen e. V.

  • Turn- und Sportverein Osterburg 90 Weida e. V.

  • Verein für Pferdesport e. V. Weida

  • Wasserwacht Weida Deutsches Rotes Kreuz Landkreis Greiz e. V.

Und Weida Baskets e. V.

Sprichwörtlich bekannt ist Weida für seine Blechkuchen. Dem entspricht die „Weidsche Kuchenfrau“ als lokale Symbolfigur ebenso, wie die sinnbildliche Bezeichnung Weidas als „Kuchen-Weide“. “

Dies ist heute, 2010, das Schicksal Weidas, das mich zum Weltheiland ausgerufen hat und mich dann verriet. Mögen Sie ihre Kuchenfrau verehren und an ihrem Blechkuchen ersticken!

1926 besuchte ich das Instituts für die harmonische Entwicklung des Menschen in der Prieuré bei Paris. Dort lehnte mich Georg Iwanowitsch Gurdjieff nachdrücklich ab. Das machte mir nichts aus, denn ich lehnte ihn auch ab!

1929 publizierte ich „Magick: In Theory and in Practice“. Magick mit cK! Das CK sollte zeigen, dass meine Auffassung von Magie auf wissenschaftlichen Grundlagen beruht, nicht auf irgendwelchem Aberglauben. 1930 hatte ich mit 23 Gemälden und Zeichnungen eine Ausstellung in der Galerie Porza in Berlin. Aber seit meiner Ausweisung aus Sizilien waren die Zeiten schwieriger geworden. Mein Ruf war miserabel. Eigentlich gefiel mir das sehr gut, aber die Verleger waren solche jämmerlichen Feiglinge. Keiner wollte meine Bücher verlegen. Mag sein, dass es auch mit Geld zusammenhing. Mein Erbe war aufgebraucht.

1936 begegnete mir Frieda Harris, sie war 60 Jahre alt und wurde meine Schülerin. Erstaunlicherweise wollte sie nicht mit mir schlafen, obwohl sie mit einem sterbenslangweiligen liberalen Politiker verheiratet war. Ich suchte damals jemand, der in drei Monaten ein Tarot nach meinen Vorstellungen malt, und zwar nicht so einen kindischen Unsinn wie dieses Rider-Waite meines lieben Mitbruders vom verblichenen Golden Dawn. Sie brauchte viele Jahre für die Arbeit, aber sie machte ihre Sache sehr gut. Manche Karten malte sie acht Mal von vorne! Ich veröffentlichte ein Buch über mein Tarot mit ihren Bildern als Illustrationen. Auflage: 200 Stück. Als Kartenspiel wurde es nie gedruckt während wir lebten. Ich machte Frieda zu meiner Testamentvollstreckerin, weil ich wusste, das würde die esoterischen Idioten von O.T.O ziemlich ärgern! Immerhin lernte ich noch ein paar interessante Leute kennen. Ich zeigte Winston Churchill den Gegenzauber zum Hakenkreuz der Deutschen: Das V-Zeichen. Von seiner obszönen Bedeutung wusste Winston natürlich nichts, obwohl er überall, wo er hinkam, permanent das V-Zeichen machte. Haha! Egal, es funktionierte trotzdem nach ein paar Anfangsschwierigkeiten. Aber gedankt hat mir das keiner. Ich starb am 1. Dezember 1947 in Hastings mit 72 Jahren.

Ich hatte es wahr gemacht. Ich hatte ausgehalten bis zuletzt.

Meine letzten Worte waren „I’m perplexed“.


Simplify Christmas (2): Schenken Sie gelähmte Fliegen!

Bild: Katarina Vavrova

Bild: Katarina Vavrova

Auch der dritte Advent ist vorbeigegangen. Und es ist nichts passiert. Noch nicht. Denn in dieser Folge unseres Onlineseminars “Simplify Christmas” wenden wir uns nach den Paranüssen einer noch härteren Nuss zu: der Geschenkfindung. Beim Schenken wird man mit der bitteren Wahrheit konfrontiert, dass man im Grunde genommen NICHTS von anderen weiß, selbst wenn man vielleicht schon seit Jahrzehnten mit jemandem zusammenlebt. Und -und das ist das eigentlich bedrückende daran- der andere merkt es. Die Geschenkfindung ist noch schlimmer als die Selbstfindung, und die ist ja schon schlimm genug! Dabei haben die meisten von uns das ganze Jahr über tolle Ideen, was man diesem oder auch jedem schenken könnte. Doch kaum fällt das Kalenderblatt 1. Dezember mit schepperndem Geräusch zu Boden, ist alles vergessen. Mit offenem Mund steht man vor dem Kalender, ein Vakuum macht sich in genau den Kammern des Gehirns breit, wo man eben noch die tollen Geschenke sorgfältig aufeinandergestapelt hatte. Psychologen bezeichnen das als „vorweihnachtliche Amnesie“. Es gab ja eine wunderbar konsumkritische Zeit, da konnte man sich das Schenken schenken. Wurde alles für einen guten Zweck gespendet. Selbst als Zahnarzt konnte man damals anstatt mühsam aus 200 Broschen die EINE für die EINE herauszuklauben einfach sagen: „ Liebling, ich habe dieses Jahr mein Weihnachtsgeld der Stiftung „Zahnärzte in Not“ zukommen lassen. Das war doch sicher auch in deinem Sinn.“ Vorbei, vorbei, zermalmt vom Zahn der Zeit… Heutzutage wird wieder geschenkt, was das Zeug hält.

Wie hat das alles angefangen mit dem Schenken an Weihnachten? Mit den heiligen 3 Königen. Wobei die dem Jesuskind heute auch nicht mehr so unbefangen gegenübertreten könnten. Gerade hier spitzt sich nämlich die altbekannte Frage in metaphysischer Weise zu: Was schenke ich IHM? Gott hat ja eigentlich schon alles. Und er könnte alles völlig problemlos umtauschen. Sogar ohne Kassenbon. Und wahrscheinlich noch 300000 Jahre später.  Was also brachten die heiligen drei Könige in dieser Ausgangssituation dem Jesuskind mit? Myrrhe, Gold und Weihrauch. Also da frage ich mich: War das kindgerecht? Gar Jesuskindgerecht? Weihrauch und Myrrhe? Er war doch kein Asthmatiker. Okay, man hätte Jesus natürlich nicht mit einer Rassel kommen können und Gold immerhin war zukunftsorientiert gedacht. Wobei noch besser wäre ein Sparbuch gewesen mit Zugriffsmöglichkeit ab 18. Da wären bis zum jüngsten Tag enorme Zinsen draufgekommen, vor allem falls die Sache mit der Auferstehung stimmt. Aber während Gold ja selbst in türkischen Familien als Geschenk nach wie vor beliebt ist, sind Sparbücher selbst bei mittelhessischen Omis out.

Was also wäre das passende Geschenk für das Jesus gewesen? Na klar: eine gut illustrierte Bibel. Er hätte mal nachlesen können, wie sich die Sache für ihn so entwickeln wird. Also das, was im Grunde jeder von uns wissen will. Aber dummerweise war die Bibel ja damals noch nicht geschrieben, zumindest der zweite Teil nicht, und der ist für ihn ja der entscheidende. Ach was, der wusste ja eh schon, was drinsteht. Zumindest in groben Zügen.

Andererseits wäre dann eine Bibel doch nicht das richtige Geschenk für Jesus gewesen, denn man soll ja keine Bücher verschenken, die der andere schon kennt. Wobei mir das immer gelingt. Meine archetypische Geschenksituation: Der Beschenkte reißt das Papier herunter, die Lippen sind schon ein wenig vorgestülpt, einen Freudenschrei vorbereitend, die Augen signalisieren Strahl- und Überraschungsbereitschaft, doch dann dann erblicken sie den Titel, Lippen stülpen sich zurück, das Lächeln parkt noch eine Weile in den Gesichtszügen, während der Gesichtsbesitzer bereits ausgestiegen ist und sich gelangweilt auf den Weg zum nächsten Geschenk macht: „Schönes Buch, hab ich schon.“

Demütigend. Wie ich das schaffe, weiß ich nicht, denn selbst der durchschnittliche Frankfurter Nordendler sieht sich zwar als  intellektuellen Zwölfender, hat  aber höchstens elf Bücher, die er “kennt”, während 1,5 Million verschiedene Bücher auf dem Markt sind. Die Wahrscheinlichkeit, das einer ein Buch “schon hat”, das ich ihm schenke, ist also geringer, als das wir beide im selben Augenblick von einem  Teil Weltraumschrott erschlagen werden. Aber es geschieht ersteres…Meiner Freundin Claudia hingegen fällt ebenfalls kein Weltraumschrott auf den Kopf, aber das passende Geschenk ein. Ich brauche ihr nur einen Namen hinzuwerfen, schon kommt die Antwort. WIE KANN DAS SEIN? Englische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Frauen ein spezielles Geschenke-Gen haben, das ihnen ermöglicht auch in extremen Stresssituationen also zum Beispiel bei einem Wasserrohrbruch sofort ein passendes Geschenk zu finden.

Allerdings existieren in der Natur auch Beispiele für erfolgreiches männliches Schenken. Bei vielen Spinnen sind die Männchen viel kleiner als die Weibchen und werden gerne während oder nach dem Geschlechtsakt gefressen.  Die männliche “Listspinne” nimmt dieserhalb  klugerweise immer eine gelähmte Fliege als Geschenk mit, schön eingewickelt in Fäden. „Können Sie´s mir als Geschenk einpacken, es ist für meine Frau.“  Während das Weibchen mit Fliegen-fressen beschäftigt ist, hat das Männchen Zeit zu vögeln und zu verschwinden, damit es nicht selbst Gegenstand des postcoitalen Appetits wird. Von wegen: “Die Zigarette danach”… Seltsam: Die Schöpfung ist in Teilen so eingerichtet, als würde nicht Gott sie träumen, sondern Sigmund Freud. Pech nur für die männliche Spinne, wenn die mitgebrachte Fliege zu klein ist. Mir würde das garantiert passieren. Oder ich würde statt einer Fliege etwas unpassendes mitbringen, eine Flasche Wein oder so. Oder die Spinne würde sagen: „Schöne Fliege. Hab ich schon.“

Deshalb lautet für heute mein Rat: Gelähmte Fliegen sind ein originelles und gesundes Geschenk, aber bevor sie ihrer Liebsten eine mitbringen, schauen Sie in ihrem Schrank nach, ob sie vielleicht schon eine hat. 

Und singen sie das schöne alte Weihnachtslied

“I say bzzz, bzzz, bzzz,

and it´s just because

i´m a human fly

and i don´t know why

i got 96 six tears and 96 eyes.”

 

(Eine, bzzz, frühere Version dieses Textes schrieb ich für das Programm “Weihnachtsgänse sterben einsam” mit dem unvergleichlichen Anton Le Goff)


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