Frankfurter Gemeine Zeitung

Simplify Christmas (2): Schenken Sie gelähmte Fliegen!

Bild: Katarina Vavrova

Bild: Katarina Vavrova

Auch der dritte Advent ist vorbeigegangen. Und es ist nichts passiert. Noch nicht. Denn in dieser Folge unseres Onlineseminars “Simplify Christmas” wenden wir uns nach den Paranüssen einer noch härteren Nuss zu: der Geschenkfindung. Beim Schenken wird man mit der bitteren Wahrheit konfrontiert, dass man im Grunde genommen NICHTS von anderen weiß, selbst wenn man vielleicht schon seit Jahrzehnten mit jemandem zusammenlebt. Und -und das ist das eigentlich bedrückende daran- der andere merkt es. Die Geschenkfindung ist noch schlimmer als die Selbstfindung, und die ist ja schon schlimm genug! Dabei haben die meisten von uns das ganze Jahr über tolle Ideen, was man diesem oder auch jedem schenken könnte. Doch kaum fällt das Kalenderblatt 1. Dezember mit schepperndem Geräusch zu Boden, ist alles vergessen. Mit offenem Mund steht man vor dem Kalender, ein Vakuum macht sich in genau den Kammern des Gehirns breit, wo man eben noch die tollen Geschenke sorgfältig aufeinandergestapelt hatte. Psychologen bezeichnen das als „vorweihnachtliche Amnesie“. Es gab ja eine wunderbar konsumkritische Zeit, da konnte man sich das Schenken schenken. Wurde alles für einen guten Zweck gespendet. Selbst als Zahnarzt konnte man damals anstatt mühsam aus 200 Broschen die EINE für die EINE herauszuklauben einfach sagen: „ Liebling, ich habe dieses Jahr mein Weihnachtsgeld der Stiftung „Zahnärzte in Not“ zukommen lassen. Das war doch sicher auch in deinem Sinn.“ Vorbei, vorbei, zermalmt vom Zahn der Zeit… Heutzutage wird wieder geschenkt, was das Zeug hält.

Wie hat das alles angefangen mit dem Schenken an Weihnachten? Mit den heiligen 3 Königen. Wobei die dem Jesuskind heute auch nicht mehr so unbefangen gegenübertreten könnten. Gerade hier spitzt sich nämlich die altbekannte Frage in metaphysischer Weise zu: Was schenke ich IHM? Gott hat ja eigentlich schon alles. Und er könnte alles völlig problemlos umtauschen. Sogar ohne Kassenbon. Und wahrscheinlich noch 300000 Jahre später.  Was also brachten die heiligen drei Könige in dieser Ausgangssituation dem Jesuskind mit? Myrrhe, Gold und Weihrauch. Also da frage ich mich: War das kindgerecht? Gar Jesuskindgerecht? Weihrauch und Myrrhe? Er war doch kein Asthmatiker. Okay, man hätte Jesus natürlich nicht mit einer Rassel kommen können und Gold immerhin war zukunftsorientiert gedacht. Wobei noch besser wäre ein Sparbuch gewesen mit Zugriffsmöglichkeit ab 18. Da wären bis zum jüngsten Tag enorme Zinsen draufgekommen, vor allem falls die Sache mit der Auferstehung stimmt. Aber während Gold ja selbst in türkischen Familien als Geschenk nach wie vor beliebt ist, sind Sparbücher selbst bei mittelhessischen Omis out.

Was also wäre das passende Geschenk für das Jesus gewesen? Na klar: eine gut illustrierte Bibel. Er hätte mal nachlesen können, wie sich die Sache für ihn so entwickeln wird. Also das, was im Grunde jeder von uns wissen will. Aber dummerweise war die Bibel ja damals noch nicht geschrieben, zumindest der zweite Teil nicht, und der ist für ihn ja der entscheidende. Ach was, der wusste ja eh schon, was drinsteht. Zumindest in groben Zügen.

Andererseits wäre dann eine Bibel doch nicht das richtige Geschenk für Jesus gewesen, denn man soll ja keine Bücher verschenken, die der andere schon kennt. Wobei mir das immer gelingt. Meine archetypische Geschenksituation: Der Beschenkte reißt das Papier herunter, die Lippen sind schon ein wenig vorgestülpt, einen Freudenschrei vorbereitend, die Augen signalisieren Strahl- und Überraschungsbereitschaft, doch dann dann erblicken sie den Titel, Lippen stülpen sich zurück, das Lächeln parkt noch eine Weile in den Gesichtszügen, während der Gesichtsbesitzer bereits ausgestiegen ist und sich gelangweilt auf den Weg zum nächsten Geschenk macht: „Schönes Buch, hab ich schon.“

Demütigend. Wie ich das schaffe, weiß ich nicht, denn selbst der durchschnittliche Frankfurter Nordendler sieht sich zwar als  intellektuellen Zwölfender, hat  aber höchstens elf Bücher, die er “kennt”, während 1,5 Million verschiedene Bücher auf dem Markt sind. Die Wahrscheinlichkeit, das einer ein Buch “schon hat”, das ich ihm schenke, ist also geringer, als das wir beide im selben Augenblick von einem  Teil Weltraumschrott erschlagen werden. Aber es geschieht ersteres…Meiner Freundin Claudia hingegen fällt ebenfalls kein Weltraumschrott auf den Kopf, aber das passende Geschenk ein. Ich brauche ihr nur einen Namen hinzuwerfen, schon kommt die Antwort. WIE KANN DAS SEIN? Englische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Frauen ein spezielles Geschenke-Gen haben, das ihnen ermöglicht auch in extremen Stresssituationen also zum Beispiel bei einem Wasserrohrbruch sofort ein passendes Geschenk zu finden.

Allerdings existieren in der Natur auch Beispiele für erfolgreiches männliches Schenken. Bei vielen Spinnen sind die Männchen viel kleiner als die Weibchen und werden gerne während oder nach dem Geschlechtsakt gefressen.  Die männliche “Listspinne” nimmt dieserhalb  klugerweise immer eine gelähmte Fliege als Geschenk mit, schön eingewickelt in Fäden. „Können Sie´s mir als Geschenk einpacken, es ist für meine Frau.“  Während das Weibchen mit Fliegen-fressen beschäftigt ist, hat das Männchen Zeit zu vögeln und zu verschwinden, damit es nicht selbst Gegenstand des postcoitalen Appetits wird. Von wegen: “Die Zigarette danach”… Seltsam: Die Schöpfung ist in Teilen so eingerichtet, als würde nicht Gott sie träumen, sondern Sigmund Freud. Pech nur für die männliche Spinne, wenn die mitgebrachte Fliege zu klein ist. Mir würde das garantiert passieren. Oder ich würde statt einer Fliege etwas unpassendes mitbringen, eine Flasche Wein oder so. Oder die Spinne würde sagen: „Schöne Fliege. Hab ich schon.“

Deshalb lautet für heute mein Rat: Gelähmte Fliegen sind ein originelles und gesundes Geschenk, aber bevor sie ihrer Liebsten eine mitbringen, schauen Sie in ihrem Schrank nach, ob sie vielleicht schon eine hat. 

Und singen sie das schöne alte Weihnachtslied

“I say bzzz, bzzz, bzzz,

and it´s just because

i´m a human fly

and i don´t know why

i got 96 six tears and 96 eyes.”

 

(Eine, bzzz, frühere Version dieses Textes schrieb ich für das Programm “Weihnachtsgänse sterben einsam” mit dem unvergleichlichen Anton Le Goff)


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