Frankfurter Gemeine Zeitung

Des Aufrufs 2. Teil

II            noch mehr ökonomische Wirklichkeiten

Nachdem wir im vorigen Beitrag die Existenzform „Arbeitslose(r)“ abgehandelt haben, wollen wir nun weitere Ausgestaltungen des homo oeconomicus vorstellen, von denen sich nicht nur unsere Politiker und Lenker den Sprung an die Weltspitze zu erhoffen scheinen und die aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Mit ihnen wird ein erheblicher Zuwachs an Freiheit und bewusster Gestaltung assoziiert, ihre Verheißung ist die massenhafte Herstellung von Individualität, Einzigartigkeit oder „Distinktion“ wie das so schön bei den Soziologen heißt.

Es sind dynamische Sphären, die alle bekannten Ketten sprengen und ein neues Zeitalter einläuten. Plakativ ausgedrückt: Jeder ist seines Glückes Unternehmer!

Denn unternehmerisch denken und handeln heißt allen anderen stets einen Schritt voraus zu sein (und sei es am Abgrund), permanent in Bewegung, sich selbst endlich als das Maß aller Dinge zu inszenieren und sich immer wieder als Stütze der Gesellschaft zu beweisen.

A Der Unternehmer der eigenen Arbeitskraft

Nicht länger mehr, so lautet die Anrufung, tragt ihr eure Haut zu Markte, nicht länger beugt ihr euch dem Tarifdiktat der Gewerkschaften, gleichberechtigte Teilnehmer auf dem Markte, das ist euer künftig Los!

Der Arbeitskraftunternehmer (ab jetzt: AKU) ist einer, der das Sagen hat, der Durchsetzungsvermögen verkörpert und dessen Produkten die Zukunft gehört. Mut und Zuversicht angesichts des Ungewissen, Umsicht und die Nonchalance des Risikobewussten, ohne dies alles kein Fortschritt, kein Wohlstand. AKU, so die Botschaft, kann jeder!

Was daran begeistert, ist die „unternehmerische Freiheit“, jener Grundwert unserer Gesellschaft, noch vor dem Grundgesetz.

Wir sehen die Vorteile sofort und ohne jegliche ideologische Verbrämung:

-          die eigene Arbeitskraft hat endlich ein festes Beschäftigungsverhältnis (sogar besser als bei Zeitarbeit, wechselnde Tätigkeit, fester Arbeitgeber).

-          Weiter entgeht man den niederen Gefilden jenes ominösen Gebildes, das so leicht als Arbeitsmarkt verkannt wird, da man ja seine Produkte auf den Markt wirft.

-          Drittens ist man als freier Unternehmer stets Herr seines Berufs- und Privatlebens, in der Lage, alles so zu gestalten, dass die sattsam bekannten Notwendigkeiten zu einem positiven Entwurf geraten.

Demnach führt ein AKU eine nicht-entfremdete Existenz, die mit der Ausbeutung endlich Schluss macht und nur den freien Kräften des Marktes wie alle anderen unterworfen ist.

Der AKU ist – mit diesem Bewusstsein ausgerüstet – nun in der Lage seine folgenden Qualitäten vollkommen zum eigenen Vorteil zu umzusetzen:

Er (sie) kann

-          spekulative Gewinnchancen nutzen;

-          Bestehende Produktions- und Distributionsweisen schöpferisch zerstören, ein Neuerer;

-          Für die Optimierung der Ressourcenallokation sorgen (das meint sich alles Notwendige unter den Nagel reissen);

-          Die Risiken (und natürlich die Gewinne) der wirtschaftlichen Unternehmungen tragen.

Der Unternehmer, das ist bekannt und dafür bewundern wir ihn, arbeitet rund um die Uhr an neuen Ideen und macht auch weniger Urlaub (weil er schlicht in seinem Tun aufgeht). Und zur Freiheit des Unternehmers gehört entscheidend: alles sein Eigentum, über das er frei verfügt. Und hat er (sie) keinen Bock mehr, dann kann es verkauft werden – auch in Teilen.

Wer sich einer solchen Existenz – sie ist zweifellos manchmal sehr einsam – nicht unterwerfen will, sich nicht aufraffen kann, die auch vorhandene Bürde zu tragen, der kann eine andere Gesellschaftsform wählen, die

B Ich AG

Es ist etwas ruhiger um sie geworden und man hat noch keinen aufregenden Börsengang vermerkt. Nun, neue Unternehmen brauchen in der Regel gewisse Anlaufzeiten und nicht jedes ist in der IT-Branche angesiedelt. Es sind auch weniger äussere Umstände, die es offenbar nicht so populär haben werden lassen, wie dies ursprünglich gehofft. Allem Anschein nach ist es vor allem die innerbetriebliche Organisation, die vielen zu schaffen macht.

Versuchen wir einmal, dies etwas aufzudröseln. In groben Zügen stellt sich die Chose folgendermassen dar:

Die Ich AG ist ein Konstrukt, in das die neuesten Erkenntnisse der verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen Eingang gefunden haben und zu einem neuen Ganzen gefügt wurden.

Das Ich ist wie eine AG zu führen, damit unterliegt es wie jede andere AG auch den Gesetzmässigkeiten dieser Unternehmensform und sieht sich gezwungen, entsprechende Massnahmen zu treffen. Das gilt vor allem bezüglich der Methoden moderner Betriebsführung, denn nur so ist eine möglichst hohe Eigenkapitalrendite zu erzielen, die das A und O der Anteilseigner ist.

Es würde zu weit führen, diese alle im Detail zu besprechen, wir führen hier deshalb nur einige Beispiele an, als da wären:

1.      das Ich muss seine verschiedenen Aspekte als Profit-Center führen,

2.      diese Profit-Center Iche (künftig: PCI) agieren nun weitgehend autonom, sie formulieren Zielvorgaben, entwickeln die dazu geeigneten Methoden, verändern ihre Einstellungen, wenn das die Lage erfordert und bemühen sich um ein 3600 Feedback.

3.      eine starre – fordistische – Struktur kommt heute nicht mehr in Frage (Konsequenz der Kulturkritik), es gilt Partizipation, Empowerment, Kooperation. Die PCI müssen vom Ich überzeugt und gehört werden, um so Reibungen und Leerlauf zu verhindern.

4.      das Ich jagt von Projekt zu Projekt, werkelt am Netz äusserer Beziehungen, ist so permanent unterwegs. (Und kommt wahrscheinlich nie an)

5.      das Ich achtet auf „ökologische Integration“ der Abteilungen

Dabei läuft das Ich immer Gefahr, die Anteilseigner zu verprellen, die eine schlechte Performance sofort abstrafen: zuwenig Rendite, Kursverfall. Das bringt Stress und kann bis zum Out-Sourcing führen.

Die Ich AG befindet sich in einem steten Zustand gewollter Irritation, immer auf der Suche nach erfolgreichem Handeln und der charmantesten Marketing-Strategie. Nun kann dafür natürlich ein Unternehmensberater hinzugezogen werden, doch Vorsicht: dies ist gewöhnlich ein Zeichen, dass es nicht zum Besten steht und ein Bekanntwerden bedeutet Kurseinbrüche!

Wenngleich auch die Vorstellung der ökologischen Integration rundum faszinierend erscheint, wesentlich verlockender als die herkömmliche Ich – Es – Über-Ich – Triade schon allemal, kommt die dadurch manifeste multiple Persönlichkeit zum Vorschein – und nie zur Ruhe. Die zunehmend fluiden Strukturen und Projekt-bezogenen Allianzen der PCI versuchen zwar eine unbeständige Beständigkeit herzustellen, laufen dabei aber auch immer Gefahr, Opfer einer feindlichen Übernahme zu werden und nicht immer ist ein weisser Ritter in Sicht (oh, Dornröschen).

Überlassen wir hier die Ich AG der Vorstellungswelt des Lesers, auch jene Modellierung AKU, die zwar einiges mit dieser gemein hat, doch als Praxis bereits eine gewisse Realitätstauglichkeit bewiesen.

Der Wert dieser neuen Existenzen liegt unzweifelhaft in dem potentiellen Gewinn für die so zugerichteten Individuen und anzumerken bleibt, dass diese Modelle – Arbeitslose(r), AKU, Ich AG – ihr volles Potential dadurch entwickeln, dass sie sich nicht ausschliessen, sondern sequentielle Formen freier Existenz darstellen, in ihrer ganzen Vielfalt und buntem Durcheinander. Sicherheit kommt einzig aus dem festen Glauben an den Erfolg, der klugen Wahrnehmung der Marktchancen – und schliesslich kann jeder dem Unternehmerverband beitreten.

Dann konkurriert mal schön!


Ein Kommentar zu “Des Aufrufs 2. Teil”

  1. gaukler

    Die feindliche Übernahme des Ichs finde ich eine nette Idee, auch dann die Überlegung, wie sich die Abwehrkämpfe (weisser Ritter) gestalten.
    Ich – Es – Über-Ich, das sind dann die Stakeholder der Ich-AG, und wer sind die Shareholder ?

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