Frankfurter Gemeine Zeitung

Von der Schwierigkeit, über einen Pelzhändler aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel zu schreiben.

Niddastraße im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Niddastraße im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Für ein Buch über das Frankfurter Bahnhofsviertel, das in diesem Herbst im B3 Verlag erscheinen sollte (der Erscheinungstermin ist mittlerweile auf voraussichtlich März 2011 verschoben), wollte ich einen Beitrag zu einem Thema verfassen, das mir spannend erschien, die Rauchwaren- oder Pelzbranche.
Das Frankfurter Bahnhofsviertel war bis vor noch nicht allzu langer Zeit das Zentrum des internationalen Pelzhandels. Das Gewerbe war ein wichtiger Wirtschaftszweig und bedeutender Steuerzahler für die Stadt. Da ich einen dieser Pelzleute kenne, dachte ich an ein Portrait dieses Mannes, nennen wir ihn Schneider, der die Branche und ihre Geschichte kennt, wie nur wenige andere. Ich rief ihn an und ihm gefiel meine Idee. Einige Tage später holte ich Schneider in der Niddastraße ab und wir gingen in eine Pizzeria. Ich war kaum vorbereitet, hatte mir 2 – 3 Fragen notiert. Ansonsten wollte ich ihn reden lassen und Zwischenfragen stellen, die sich aus unserem Gespräch ergaben. Die Pelzbranche war mir ziemlich egal, und ich hatte auch nicht viel Ahnung von diesem Geschäft. Von Kampagnen seitens der Tierschutzbewegung gegen die Branche hatte ich gehört und wußte auch, daß die Pelzindustrie infolge dessen unter einem massiven Imageproblem litt.
Schneider und ich saßen ungefähr zwei Stunden zusammen und er erzählte sehr interessante Dinge aus seiner Welt. Ich machte mir jede Menge Notizen und ahnte, dass ich noch viel Recherchearbeit würde leisten müssen.
Mir war klar, das mein Text von Schneider freigegeben werden mußte, schließlich wird er und seine Firma namentlich erwähnt.
Ich hatte einiges Material angesammelt, fand aber keinen Einstieg in den Text. Mehrere Versuche verwarf ich und so langsam verfluchte ich mich, diesen Text angeboten zu haben. Dazu muß gesagt werden, daß ich kein schneller Schreiber bin. Ich brauche auch immer recht viel gedanklichen Vorlauf und strukturiere einen Text erst im Kopf, bevor ich ihn schreibe. Dieser Text nun sollte eine Reportage werden und damit hatte ich kaum Erfahrung. Es war Neuland. Aber irgendwann fand ich doch einen Einstieg in die Geschichte, der mir gefiel. Alle meine gesammelten Informationen brachte ich in dem Text unter und mit dem einen oder anderen Wortspiel war ich zufrieden. Die Dramaturgie des Textes schien mir halbwegs gelungen – aber noch hatte niemand außer mir den Text gelesen. Ich schickte die 3 Seiten an einen Freund in München, der dort ein Online-Literaturmagazin herausgibt. Sein Urteil fiel wohlwollend aus. Bis auf einige wenige Korrekturen hatte er nichts daran auszusetzen. Ganz im Gegenteil, mein Text hatte ihm gefallen. Er fand ihn gut erzählt und hat ihn gerne gelesen. Das hat mich beruhigt und ich habe diese erste Fassung an Schneider geschickt.
Dann hörte ich einige Tage nichts von meinem Pelzmann, bis ich ihn anrief und um seine Meinung zu dem Text bat. Seine erste Reaktion war positiv, allerdings bat er um eine etwas wohlwollendere Darstellung seiner Branche. Die eine oder andere Formulierung war ihm zu negativ. Dabei hatte ich, meiner Meinung nach, eine möglichst neutrale Position eingenommen. Aber natürlich gibt es keine Objektivität in einem Text. Schneider hatte meinen Entwurf offensichtlich etlichen seiner Kolleginnen und Kollegen vorgelegt und wohl von manchen sehr negative Reaktionen erhalten. Von einem Kollegen wurde er gar als Verräter und Nestbeschmutzer  beschimpft. Ohne es zu wollen, hatte ich reichlich Staub aufgewirbelt. Schneider faxte mir ein Papier, das jemand aufgesetzt hatte um die Positionen der Pelzbranche deutlich zu machen. Das war hilfreich, zeigte aber auch eine gehörige Portion an Selbstmitleid. Die Branche fühlte sich von der Stadt vernachlässigt. Niemand hätte sie in Schutz genommen, als die Tierschützer ihre Attacken starteten.
Einige Tage später rief mich Schneider an, und bat mich, nochmal bei ihm in der Firma vorbeizukommen. Die Vorsitzende des Deutschen Pelzverbandes wolle mit mir sprechen. Ich war natürlich einverstanden, fand ein solches Treffen auch durchaus spannend. Am Telefon erinnerte ich Schneider aber daran, daß mein Text keine Auftragsarbeit für die Pelzbranche sei und ich auch nicht daran dachte, einen Werbetext zu schreiben. Das Treffen fand in der Firma Schneiders statt. Die Vorsitzende des Pelzverbandes war eine sympatische, smarte Frau. Ihr war offensichtlich daran gelegen, ihre Branche in einem guten Licht erscheinen zu lassen und diese Sicht auch in meinem Text wiederzufinden. Das ist ja auch ihr Job. Ich sagte auch ihr, dass mir die Pelzbranche eigentlich egal sei, formulierte es dann etwas freundlicher und nannte meinen Standpunkt neutral. Ein militanter Tierschützer sei ich ebenfalls nicht. Was mich interessieren würde, sei der Widerspruch auf kleinstem Raum – einerseits eine kriselnde Luxusbranche und andererseits das Elend der Süchtigen im Bahnhofsviertel. Und ich nannte die Möglichkeit, meinen Text auch entpersonalisieren zu können, so müsse er von Schneider nicht freigegeben werden. Allerdings hätte er dann auch keinen Einfluss mehr auf mein Schreiben. Wir unterhielten uns freundlich und einige Bemerkungen der Lobbyistin baute ich in meinen Text ein.
Einige Tage vor dem Abgabetermin schickte ich Schneider eine überarbeitete Fassung, mit dem Hinweis auf eine gewisse Dringlichkeit. Da ich mit meinem Text recht zufrieden war, mailte ich ihn einem befreundeten Stuttgarter Journalisten. Er lobte ihn und gab mir ein paar wertvolle stilistische Tipps. Eine Lektorin eines großen Frankfurter Verlages las die Geschichte ebenfalls, fand sie interessant und gab mir auch einige wichtige Hinweise. Es war ein erstes Lektorat.
Von Schneider hörte ich jedoch nichts und rief ihn zwei Tage vor dem Abgabetermin an.
Wir telefonierten mindesten eine halbe Stunde und gingen den Text Satz für Satz durch. Er hatte plötzlich viele Änderungswünsche, auch Stilfragen betreffend. Einige seiner Wünsche hätten die Dramaturgie meines Textes zerstört. Es wurde sehr deutlich, daß Schneider sein Gewerbe nur im allerbesten Lichte dargestellt sehen wollte. Am liebsten wäre ihm auch gewesen, wenn ich die umstrittenen Praktiken der radikalen Tierschutzvereinigung PETA kritisiert hätte. Das war aber nicht mein Thema.
Ich sagte, ich würde mir seine Anregungen überlegen, merkte aber, daß mir diese Einflussnahme zu weit ging. Mein Text wäre butterweich geworden, mal abgesehen von der zerstörten Dramaturgie, und tatsächlich sowas wie ein Werbetext.
Nach einem Tag des Nachdenkens, habe ich mich dazu entschlossen, den Text neu zu schreiben und komplett zu entpersonalisieren. Das tat mir leid, war Schneider doch der rote Faden, der durch die Geschichte geführt hat. Auch das eine oder andere Wortspiel, auf das ich ein bißchen stolz war, funktionierte in einer entpersonalisierten Fassung nicht mehr. Ich schrieb meinen Text am Abgabetag komplett neu, konnte allerdings einige wenige Stellen des Ursprungtextes verwenden.


16 Kommentare zu “Von der Schwierigkeit, über einen Pelzhändler aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel zu schreiben.”

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