Frankfurter Gemeine Zeitung

Levitationsexperimente

Lässt sich Frankfurt als eine Transit-Stadt interpretieren? Trifft das auf eine Stadt zu, deren interessanteste und relevanteste Dinge meistens nur die von ausserhalb beschäftigen, hier aber zu wenig geliebt sind und deswegen ganz schnell wieder verschwinden ?

Levitating Guru - 2

Es gibt bemerkenswerte Beispiele des Frankfurter Transits: natürlich die Flughafen-Ökonomie, Korridor pausenlosen Krachs, ein Umsteigebahnhof, dessen Startbahn West ungeliebt war, der aber in den Dörfern rund um Gießen oder hinter Mainz als Arbeitgeber äusserst beliebt ist.

Die Finanzinstitutionen passen dazu, auch Fraport und Lufthansa notieren an der Börse. Die Dax-Ströme bleiben kaum in Frankfurt, rasen nur durch, werden mißtrauisch beobachtet und bringen manchen Gewinne – auch rund um die Freßgaß. Ganze Stadtteile drumrum wurden dafür gebaut, ans schöne Eschborn sei erinnert.

Dann gab es – ganz anders – eine gesellschaftskritische “Frankfurter Schule”, aus dem Bürgertum der 20er Jahre stammend, verjagt in den 30ern, vorsichtig zurück 20 Jahre später, in der 60er, 70er in der ganzen Welt bewundert – in Frankfurt kümmerts jetzt kaum jemanden mehr.

Wenn es also eine Stadt des Durchgangs gibt, dann Frankfurt. Und wenn es eine Stadt gibt, die den Handel erdet und die Kritik in die Wolken sendet, dann ist das auch Frankfurt.  Eine Stadt der Ströme, des Abhebens und der Geschichte – wenn das nichts ist, mitten in Deutschland.

Das verstehen einige Freunde solchen Geschehens als Berufung, als Projektierung der dynamischen Zukunft, nicht nur der Frankfurts, sondern der Deutschlands, mindestens. Besser: Europas. Sie gründeten den “Frankfurter Zukunftsrat“, eine beratende Institution, die dem deutschem Unternehmergeist im Globalisierungskampf eine leuchtende Zukunft bereiten möchte.

Viele sind drin, manche fehlen, jedenfalls ist es ein Auszug der Jetset, die sich selbst gerne Elite nennt und gerne den Transit des Frankfurter Flughafens quert: organisiert rund um die Bankenlobby (Money-Transit) treffen sich neben Universitäts-Vorzeigegrößen politische Herren wie Wolfgang Clement und Friedrich Merz, assistiert von Rudolf Scharping und Petra Roth, also ein Who ist Who der deutschen Bürgerlichkeit. Es geht ja schließlich um deren Zukunft.

Konservativer Tanz

Vielleicht auch ergänzt um eine andere: nämlich einen Konservatismus aus Frankfurter Holz. Zumindest sieht der “Fokus” bei seinen Planungen zum Rechtsaussen das so, und findet im Zukunftsrat gleich zwei des Kerns einer neuen konservativen Partei: Merz und Clement. Dazu kommt dann noch der Ex-Frankfurter Bundesbanker Sarrazin, und natürlich die beiden Speckgürtel-Frankfurter Roland Koch und Erika Steinbach.

Der ebenfalls aufgezählte Edel-Bürgerliche Joachim Gauck (“Widerstand gegen kommunistischen Adel”) wird von Resten der Frankfurter Schule bewundert. (Oskar Negt zur Präsidentenwahl) Wobei wir beim Abheben und dem “Geist der Zeit” wären. Der ist zwar eh konservativ, braucht aber noch mehr Kraft für das Durchstarten, mehr Spirit für die Elite. Da wären dann Ex-Schüler der Frankfurter Schule, der Medienreisende in neuer Familien- und Religions-Wertigkeit Norbert Bolz würde passen, vor allem natürlich der Kollege Peter Sloterdijk, seines Zeichens philosophierender Fernsehprofessor mt Levitationsfähigkeiten.

Da sind wir fündig geworden, denn bei den Treffen des Rats in den Frankfurter Bankhäusern spielt das Ratsmitglied Sloterdijk eine Rolle. Und er bringt den nötigen Esprit mit, nämlich passende Veröffentlichungen. Sie durchwogen Deutschlands Bürgerlichkeit und präsentieren vom Sprachtrieb befeuert das Ethos der Erfolgreichen . Da spielt dann noch ein anderer Frankfurter Transit eine Rolle, der jüngst flüchtige Suhrkamp Verlag, der dem Raum-Vermesser Sloterdijk ehemals in Frankfurt und jetzt in Berlin viel Raum gibt, um seine gefeierten Levitationen zu veröffentlichen; oder schlichter: seine politischen Veröffentlichungen in angemessener Buchform zu wiederholen.

Die Herausgabe einer Aufsatzsammlung, die seinen andauernden Steuerkampf rechtfertigt, wird mir in einem anschließenden Artikel die Gelegenheit geben, die konservativ-liberale Revolution dieses Meisters der Blase zu besichtigen und in die Elitenpolitik einzuordnen, deren Akteure so gefällig im Frankfurter Zukunftsrat auftreten.


Simplify Christmas (3): SM- Weihnachten in Dietzenbach

rute

Nun sind wir schon bei der dritten Folge unseres Onlineseminars “Simplify Christmas” angekommen. Und? Wie war Ihre Weihnachtsfeier? Haben Sie sich schon erholt? Gab es irgendwelche unerwünschten Nachwirkungen? Ich hoffe es für sie, denn eine Weihnachtsfeier ohne unerwünschte Nachwirkungen ist nicht wünschenswert.
Ich bin ja früher immer auf die Weihnachtsfeier des Hessischen Rundfunks gegangen. Und einmal nahm sie tatsächlich eine überraschende Wendung. Angefangen hats ganz normal: Es gab Unmengen heißen Apfelwein. Sonst nichts. Der Herr Intendant ließ es sich nicht nehmen, zur Feier des Tages sein Lieblingslied selbst vorzutragen: „I´m dreaming of a white christmas, a christmas like i used to know.“ (Für Freunde des HR: Hier gibts eine seltene Amateuraufnahme der Weihnachtsfeier auf youtube). Das sang er jedes Jahr. Wahrscheinlich hat es deshalb einige Jahre nie geschneit an Weihnachten. Der liebe Gott wird nicht eingesehen haben, warum er ausgerechnet dem HR-Intendanten einen Gefallen tun soll, statt zum Beispiel Kindern in südamerikanischen Favelas. Nach dem Lied gabs natürlich Riesenapplaus und die unvermeidliche Weihnachtstombola. Unser Intendant interpretierte den Applaus falsch und ließ sich dazu verleiten, die letzte Strophe noch mal zu singen. Da hörte ich meinen Freund Siggi hinter mir flüstern. Er hatte sich einen Club ausgeguckt. „Die abgefahrenste Weihnachtsfeier, die ihr Euch vorstellen könnt.“ Wir machten uns davon. Frau Fleck vom Empfang und Frau Dreier von den Aktuellen war auch noch dabei. Eine halbe Stunde später standen wir vor dem Club. Der Club hieß : CALIGULA. Darunter stand: „Dietzenbachs einziger SM-Club.“ Darunter : „Heute große Weihnachtsfeier.“ Ich wollte da nicht hineingehen. Aber da ging auch schon die Tür auf und – wir waren drin. Die Tür fiel zu. Drinnen begrüßte uns ein Typ mit Nikolausmütze. Außer der Nikolausmütze trug er nichts. Da bekam das Wort „Zipfelmütze“ erst Sinn. Er sagte:

„Ich bin der Hannes. Willkommen in Dietzenbachs einzigem SM Club. Freut mich zu Weihnachten mal ein paar neue Gesichter zu sehen, und nicht nur Gesichter, haha! Ihr wart noch nie da, deshalb hier die Infos. Die Streckbänke sind hinten rechts neben den Käfigen, bitte nehmt nicht den äußerst rechten Käfig, da geht die Tür später nicht mehr richtig auf, wenn man sie zumacht! Die von Euch, die auf Wachs stehen, können sich von Christoph als lebender Weihnachtsbaum schmücken lassen. Da vorne bei Brigitte könnt ihr Nikolausstiefel putzen, bis sie richtig schön blank sind. Hier in dem Glaskasten findet ihr die Peitschen, Stöcke und so weiter. Wenn ihr wisst, was ihr braucht, schließe ich den Kasten auf und gebs Euch. Ich weiss, das ist umständlich, aber sonst nehmen die Leute den Kram immer mit nach Hause und wir stehen dann an Weihnachten ohne Peitschen da, so wie im letzten Jahr! Da hinten ist der Darkroom…”

„Darkroom?“ krächzte ich

„Ja, da ist schön dunkel für Leute, die nicht gesehen werden wollen. Völlig anonym. Könnt ihr einfach so reingehen. So jetzt nimmt jeder bitte mal ein Los hier von unser Weihnachtstombola. Der Gewinner wird dann um 24 Uhr vom Nikolaus mit einer Originalrute aus dem 18. Jahrhundert gepeitscht. Die hat Dieter bei Ebay ersteigert. Das war nicht billig, kann ich Euch sagen! Mit der soll schon Marquis de Sade gepeitscht worden sein.Und hier haben wir heißen Apfelwein bis zum Abwinken. Nimm sich jeder ein Glas, aber passt auf, dass ihr Euch nicht weh tut, die Gläser sind heiß.“

Ich nahm mein Los und mein Glas und rührte mich eine halbe Stunde nicht vom Fleck. Siggi und die Dreier gingen kreischend weg, um Nikolausstiefel zu putzen. Dann ging ich in den Darkroom, weil ich dachte, da sieht mich wenigstens keiner. Drinnen wars stockfinster; ich hörte leises Stöhnen. Auf einmal sah ich an der Decke : Sterne. Sah zumindest aus wie Sterne, aber das war ja unmöglich. Ich hörte eine Stimme neben mir und fühlte eine Hand an mir:
„Hallo. Neu hier?“
Ja, genau…ich hab gedacht…ich,äh schau mir das mal an. Wie kommen denn eigentlich die Sterne an die Decke da?“
„Hat die Margerita drangeklebt. Wegen Weihnachten. Selbstleuchtend. Für 19,95 Euro. Schön was.“
„Sehr schön, sieht ganz echt aus. Ist das nicht Orion?“
Ich hörte eine andere Stimme aus dem Dunklen:
„Das ist das Sternbild des Schützen, glaube ich. Hab ich auch immer bei uns zuhause gesehen, wenn wir in der Weihnachtsnacht rausgegangen sind.“
Ich konnte niemanden sehen, aber plötzlich fingen alle in dem Raum nach Sternbildern zu suchen, die sie kannten und auf einmal summte einer ein Lied, einer fing an zu singen und wir sangen alle leise mit: „I´m dreaming of a dark christmass. A christmas i never knew.“ und irgendwie wurde es dann noch sehr schön.
Die Tombola habe ich übrigens auch gewonnen.
Ich war sehr stolz, denn normalerweise gewinne ich bei Tombolas nie etwas.

 

Nachthimmel

Foto: Julia Zotter-Jakobi

(Eine frühere Version dieses Textes schrieb ich für das Programm “Weihnachtsgänse sterben einsam” mit dem unvergleichlichen Anton Le Goff. Und wenn ihnen der Sinn nach einer vielleicht nicht so abgefahrenen, aber nichtsdestotrotz amüsanten und rührenden Weihnachtsfeier steht, dann kommen Sie doch am 24. ab 18 Uhr ins Frankfurter Kellertheater in die Mainstrasse 2. Da hören Sie vielleicht auch diesen Text. )


Jedem Zauber wohnt ein Anfang inne: Karl-Theodors Spiegelbild

Foto: Spiegel14.12. Es geht auf Weihnachten zu. Der Spiegel titelt: „Der Entzauberte“. Vor einer Schwarzgrauen Wand ein einsamer Männerkopf, mit Brille und sorgfältig gegeelten Haaren, den Blick bewimpert und pupillenlos nach unten gerichtet, ein Anflug von Dreitagebart ums edle Kinn. Nein, das ist doch nicht Obama, wie man zuerst denken könnte, es ist nur our very own Karl-Theodor zu Guttenberg, wie die grau unterlegte Überüberschrift ein wenig säulenhaft zeigt. Dieser Mann muss etwas ganz besonders wichtiges sein: er hat ja wie das Bild zeigt offenkundig niemand neben, unter oder über sich. Außerdem schafft er es auf einen Spiegeltitel. Der Afghanistankrieg, der jetzt fast schon offiziell so heißen darf und um den es geht, schafft das nicht. Schade eigentlich. Aber der Spiegel behauptet ja trotzdem, Guttenberg zu entzaubern. Er behauptet damit nebenbei, dass die Macht sich zu verzaubern zu lassen und entzaubert zu werden immer noch bei ihm liegt, dem Spiegel. Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist der schönste im ganzen Land…Er solls nicht mehr sein, aber ich prophezeie: Der entzauberte Dreitagebart wird am dritten Tag nach der Rasur des Spiegels wiederauferstehen und wieder Hoffnungsträger sein dürfen!


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