Frankfurter Gemeine Zeitung

Dem Aufruf sein dritter Teil

Die Mitte – eine Realfiktion

Nachdem wir jetzt drei vielversprechende Fraktionen des Humankapitals etwas näher betrachtet haben (hier und hier), können wir beginnen, die Hemmnisse, die einer erweiterten Akkumulation dieses Kapitals entgegenstehen aber auch sie fördernde Entwicklungen, zu untersuchen.

Fassen wir kurz zusammen: wir haben gesehen, dass die Zukunft einer Existenzform gehört, die niemals erstarrt, sich nie ausruhen will und immer auf der Suche nach neuen Kontinenten aufbricht, nach aussen wie nach innen. Die gesamte Existenz: eine einzige Realsimulation.

Das zugehörige Ego: plural, polyvalent und höchst fluide, ein Kaleidoskop, dessen Bruchstücke sich zu stets neuen – einzigartigen – Gebilden ordnen lassen. Es organisiert seine verschiedenen Aspekte wie quasi-autonome Einheiten und praktiziert als eigener Mastermind, Chairman seiner selbst, ökologische Integration. Fernab jeglicher Askese und Tyrannei sucht es die Optimierung und Kommodifizierung seiner Sub-Center.

Nicht länger fragt es: „Muss ich schon wieder Ich-Selbst sein?“, es sucht die Unterscheidung und die phantasievolle Übertretung. Wenn seine Begierden drängen, läuft es nicht in eine Therapie, es prüft die Marktchancen.

Wir haben weiter gesehen, dass diese Existenzformen keine Dauerzustände sein können, sie sind vielmehr Optionen, die je nach Erfordernis gezogen werden, fortschrittliche Kräfte wählen sie bewusst und in Übereinstimmung mit der ökonomischen Bedarfslage. Je mehr sich dafür entscheiden, umso grösser der gesellschaftliche Beitrag, jedoch auch die Mittel, die dafür aufgewandt werden müssen, um eben an der Spitze zu bleiben.

Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für die Gemeinschaft als Ganzes. Dazu kommen wir jetzt.

Wenn hier zur Verdeutlichung einige Phänomene herausgestellt werden, so deshalb, da sie generelle Tendenzen widerspiegeln, nicht weil sie für sich genommen eine grosse Wichtigkeit darstellten. Das verwechseln nur die Beteiligten. Ob ich von Paris nach Bukarest 10 Minuten schneller bin, interessiert genauso wenig wie die Tatsache, dass ein Hartz IV-Empfänger seine Kinder zum Flöten spielen schickt. Spannend sind die Reaktionen auf solche Forderungen und wo und von wem sie ausgelöst werden.

Nun wird alle Nas’ lang über die Mitte, bzw. über das, was man jeweils dafür hält, geschrieben. Sie wird beschworen, bedauert, je nachdem und mehr denn je gilt:

Mittendrin – und voll daneben

Es war eine dürre Statistik des DIW im letzten Sommer, die ein Heulen und Zähneklappern auslöste und zur Verfestigung der Bunkermentalität führte, die diese Mitte(n) immer wieder mehrheitlich zusammenführt (an den Wahlurnen). Sie passt zu den Katastrophengeilheiten eines Sarrazin und dem Lohnabstandsgebot.

Doch was sind die Gründe, die ein derartiges Lamento nach sich ziehen.

Zunächst ist es mehr ein gefühltes Phänomen, das sich sehr wohl zu einer Psychopathologie der Mitte verdichtet, wenn es nur geschickt genug geschürt wird.

Zur Mitte gehört schlicht alles, was sich dort ansiedelt: Gabriel, Merkel und Westerwelle (?), Sommer, der Klempner, Hausfrauen, von der Leyen, Gottschalk, Raab, Fussballer, Einzelhändler, Bohlen und Becker. Lassen wir es dabei.

Einigkeit besteht darüber, dass es sich um die „Leistungsträger“ der westlichen Welt handelt und diese Eigenschaft ihnen durch Privilegien und Beteiligungen anerkennend zugestanden werden muss.

Doch mehr und mehr lässt sich genau daran zweifeln, sie sind – radikale – Verfechter des starren Status quo und deshalb zu jedem Kompromiss bereit, solange er ihnen verspricht, dass sich an ihrem Status nichts ändert.

Sie erweitern das Leck im Boot, damit das Wasser schneller ablaufen kann.

Diese Mitte ist davon überzeugt – mit Recht – dass sie den Zustand selbst herbei geführt hat, für ihn die volle Verantwortung trägt. Je prekärer die Schilderung ihrer Situation, umso fester glaubt sie daran. Und umso rücksichtsloser klammert sie sich an diesen Schnee von gestern.

Gemein ist diesen Mitten, dass sie wenig Interesse zeigen, dass sich die notwendigen Änderungen durchsetzen. Wenn überhaupt lieben sie das rundum abgesicherte Risiko. Was sich als ein Schwanken zwischen dem Ruf nach grösseren Freiheiten (von etwas) und dem nach verstärkter Sicherheit (vor etwas) bemerkbar macht, ist ein recht reaktionärer (im Wortsinne) Versuch, andere für die eigenen Belange zur Rechenschaft zu ziehen.

Es wäre weit gefehlt, zu meinen, diese Mitten seien urplötzlich vom Hedonismus befallen, hier handelt es sich schlicht um Angst. Die Angst, die Eigentumswohnung nicht mehr zahlen zu können, kein neuer Armani mehr, nicht mehr in der In-Beize auftauchen zu können und so den Anschluss zu verpassen. Da hilft auch kein i-phone.

In ihrem Beharren auf dem Status quo versuchen sie zu verhindern, dass „noch jemand“ auf das Terrain gelangt, das sie mit ihren vermeintlichen Meriten besetzt halten. Und hier entwickeln sie beachtliche Phantasie. Dabei entfesseln sie leider wachsende Zentrifugalkräfte und wer sich nicht rechtzeitig anschnallt, findet sich leicht über den Rand geschleudert. Ihre zu allem entschlossene Verteidigung zwingt sie dennoch die Bewegung zu beschleunigen, was das Eindringen in die Domäne zwar erschwert, gleichzeitig eine zunehmende Zahl von ihnen erfasst. So drehen sie am Rad und fürchten den Moment der eigenen Unachtsamkeit.

Man kauft einen SUV, um ihn sofort an die Wand zu fahren.

Eine wahrhaft bescheidene Existenzform, die mit gewaltigem propagandistischen Aufwand als ultima ratio verkauft werden soll und doch nichts weiter ist als eine allgegenwärtige Realsatire.

Dem nachzueifern verlangt gewaltigen und ebenso unbegründeten Optimismus sowie noch mehr Krafttraining.

So wird denn auch alles unternommen, um die aufstrebenden Kräfte, deren wesentliche Momente wir vorher beschrieben hatten, nieder zu halten. Selbst um den Preis in naher Zukunft eine noch darunter liegende Stellung einzunehmen als die, die sie ihnen so gerne auch noch verwehren  würden.

Wer will da noch behaupten, die Mitte sei ein erstrebenswerter Ort, für dessen Erreichen man alles mögliche in Kauf zu nehmen habe, es heisst nicht mehr: „in Gefahr und grosser Not bringt der Mittelweg den Tod“, wir können heute sagen: >>mittendrin und voll daneben<<!

Die Mitte hat der neuen Dynamik Herkunft und das was sie „Verdienst“ nennt entgegen zu setzen, mehr nicht. Ihr Verdienst ist allerdings eine recht zweifelhafte Angelegenheit, da er sehr eng mit der Herkunft begründet ist. Ihre vermeintliche Beweglichkeit ist die der Kreisbewegung. Daher kommt sie auch eher ins Torkeln als von der Stelle. Solange sich ein in die Zukunft gerichtetes „Humankapital“ daran orientieren soll, wird nicht viel werden.

Die Mitte, das ist das Brachland der Stellungskriege im Lohngefüge, Aufmarschgebiet des marodierenden Kleinbürgers. Es ist die Welt derer, die schon immer viel zu viel Angst hatten, ds Sein auszuprobieren und deshalb umso gieriger am Haben sich klammerten.

Könnte man einfach einen Zaun um diese Mitte ziehen, hätte die ein optimales Biotop und alle anderen endlich Ruhe.


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