Frankfurter Gemeine Zeitung

Medien-Kompass – Vierte Dezemberwoche

Zu Weihnachten kann´s im Sinne von “Ordnungspolitik” doch nur um eins gehen, um das Bürgertum, den neuen Bürger, den Aufmüpfer, den “man wird doch mal”, also um den neu erfundenen deutschen Wut-Bürger.

Das befleissigten sie dann auch, die Tageszeitungen mit dem guten Geschmack, allen voran die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” (nicht zu vewechseln mit dem Journal aus dem gleichen Ort….): die Chefposaune deutscher Stammtische Thilo Sarrazin hat noch mal richtig Platz gekriegt bei den klugen Köpfen – die ganze erste Seite des Feuilletons. Er will zwar kein Michael Kohlhaas sein, mit Goethe gings dann aber doch gegen den Islam im allgemeinen, damit wir in der gefährlichen Welt als Nation nicht untergehen. Vergessen hat der SPDler noch den klugen Philosophen Aristoteles, der ja schon vor über 2000 Jahren die Demokratie auch mit der Sklaverei als problemlos kompatibel begriff, und zwar der Sklaverei in der eigenen Gesellschaft sowie der Leibeigenschaft der Frauen.

Einsichtiger zeigte sich die Süddeutsche im gleichen Feld (leider nicht online), sie ließ Sarrazin nicht alleine auftreten, sondern schaffte den Ausgleich zwischen SPD und CDU, Rasse und Multikulti, wie man es sich so träumt: der Stammtisch-Experte traf in Stuttgart mit dem Runden-Tisch-Experten Geißler zusammen, es ging um Kinder, Bezüge und Reiche. Weil die SZ so klug ist, kommt auch noch ein Türke und Alice Schwarzer vor, alles beim Weihnachtsmarkt und mit Prozenten. Das scheint dem Blatt als gesamtdeutsche Reflexion schon zu genügen.

Erstaunlich dagegen die Frankfurter Rundschau. Christian Schlüter brachte einen fulminanten Artikel über das herunter gekommene Kleinbürgertum. Nicht “Wut-Bürger”, sondern das “letzte Aufgebot” scheint ihm die passende Charakterisierung deutscher Angstbeisser im Offroader – flankiert durch den Ballerman im Debattenbetrieb, Henrik M. Broder. Ressentiment ist gutbürgerlich, der Haß auf die Abweichenden herrscht vor. Sie sind bedroht vom “Einkommensschwund und Kaufkraftverlust, Globalisierungs- und Flexibilisierungsstress, Abstiegsängste und Terrorgefahr.”

Es ist die Rede von einer „Mischung aus Angst, Wut und Zynismus“ von einer Zunahme der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ gemeinsam mit der „Einforderung von Etabliertenvorrechten, die man als Reaktion auf Krisenbedrohung bzw. -betroffenheit interpretieren kann“. Dem Bürger geht es an den Kragen, er möchte möglichst hohe Zäune errichten, um sich alles Bedrohliche von Halse zu halten.

Das “grüne” Fundament des mittigen Konsens kommt selbst eher bedrohlich daher, mit Dänemark und der chweiz als Vorbild: Deshalb fühlt es sich nur wohl, wenn es sich auf der richtigen, auf der Siegerseite weiß. Das zeigt sich an den für unsere politische Selbstverständigung zurzeit maßgeblichen Begriffen der „Mitte“ und der „Parallelgesellschaft“ besonders deutlich. Die Mitte und ihre Parallele entfalten als perfektes, da semantisch vollkommen leeres Gespann ihren politisch-polemischen Sinn. Nimmt man noch das Wort „alternativlos“ hinzu, mit dem Politiker ihren Defätismus heute überall kaschieren, ist das Dreigestirn unserer desolaten Gegenwart auf den Begriff gekommen. Denn mit ihm werden politische, ökonomische oder soziale Konflikte kurzerhand entideologisiert, ganz „unideologisch“ als Sachzwänge abgearbeitet – scheinbar ohne weltanschauliche Zutaten und ohne jeden gesinnungsethischen Ballast.

Ein überraschender Befund in einem Blatt, das seit Jahren Befindlichkeiten der postmodernen Bürgerlichkeit in Frankfurt grün-liberal kuliviert.

Erstaunlich kommt es insgesamt daher, wie bei allgemeiner Ruhe im Lande ein paar Demonstratiönschen von “Leitmedien” zur großen Bürgerbewegung in Deutschland hochstilisiert werden.


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