Frankfurter Gemeine Zeitung

Der Spiegel mal wieder

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Ich kann es einfach nicht lassen. Selbst am Heiligabend muss ich noch diskutieren. Diesmal waren meine armen Eltern die Opfer.

Doch wenn ich Sätze höre, wie „der Spiegel berichtet doch sehr neutral und differenziert über den Islam“ kann ich es mir einfach nicht verkneifen.
Leider gehören meine Eltern zur, nicht gerade kleinen Gemeinde von Gläubigen, die die Ergüsse dieses Hetzmagazins für bare Münze nehmen.

Der Kabarettist Hagen Rether hat sich schon 2007 dazu geäußert und seitdem hat sich an der Berichterstattung des Spiegel nicht im Mindesten geändert.

Passend dazu fiel mir die Spiegel-Ausgabe Nr 51/20.12.2010 in die Hände mit dem Titel „Mythos Mekka- Die Schicksals-Stadt des Islam“.
Dort heißt es unter anderem auf Seite 90 „Hier [in Mekka] wird sich erweisen, ob diese Religion und die Kultur, die sie hervorgebracht hat, sich wieder einklinkt in die Weltgeschichte…“.

Mit anderen Worten: Es wird so getan, als ob die sogenannte „westliche Welt“ oder gar das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ die Deutungshoheit darüber hätte, wer Teil der Weltgeschichte ist und wer sich aus dieser „ausgeklinkt“ habe.
Vor so viel Snobismus und Eurozentrismus bleibt mir nur fassungsloses Staunen.

Leider scheint in unserer Gesellschaft immer mehr die Fähigkeit verloren zu gehen, zwischen den Zeilen zu lesen und offenkundige Manipulation als solche zu entlarven, was eine wesentlich ernstere Bedrohung für Freiheit und Demokratie ist, als jeder Terrorist jemals sein könnte.

Zum Glück sieht der Spiegel ja auch noch Hoffnung für unsere „verkorksten“ muslimischen Mitbürger:
Den sogenannten „modernen Muslim“.
Auf Seite 94 gibt es diesen Archetypus dann auch auf Fotos zu bewundern, in Gestalt zweier Beduinen in traditioneller Gewandung mit Ikea-Tüten in der Hand und eine Schlange von Muslimen vor dem KentuckyFriedChicken.

Selten war es durchsichtiger, worum es den selbsternannten „Verteidigern der Freiheit“ eigentlich geht.


Schambach ist liquidiert!

schmbach Harals Schroeder

“Haben Sie schon gehört? Schambach hat liquidiert!” In der Fahrgasse, an einer Ecke der Konstabler Wache war bis zum 18. November 2010 ein Geschäft zu finden, dass hier nicht mehr hingehört, nicht an diesen Ort, nicht in diese Zeit: Schambach, “Fachgeschäft für Berufskleidung”. Die Schaufenster leer, der Laden geräumt. Schambach existierte dort seit den 1950er Jahren, aufgebaut von Hans Schambach, und über die Jahrzehnte bis 2009 weitergeführt von seiner Tochter Johanna Emilie, generationsüblich genannt: “Hannelore”. Bei Hannelores Tod 2009 stellte sich heraus, dass der Laden schon seit Jahren rote Zahlen schrieb, die von ihr aber stets in aller Stille ausgeglichen wurden. So legt der letzte Geschäftsführer Wert auf die Feststellung, dass der Laden nicht in die Insolvenz gegangen sei, sondern vielmehr “liquidiert” wurde: “Alle ausstehenden Posten werden bezahlt.” Liquidation heißt: jeder bleibt bis zuletzt auf seinem Posten, auch die Außenstände! Die Liquidation als Form des Betriebs-Endes wird nach meinem Eindruck seit den Tagen des schwermütigen Thomas Buddenbrook eher vernachlässigt. Die Ruinierten bevorzugen heute die krachende Insolvenz und folgen dem Ruf: “Rette sich wer kann!”  Demgegenüber atmet die Liquidation den Geist von “schmerzlicher Verantwortung”, Konsequenz etc. Insolvenz und Liquidation im Geschäftsleben verhalten sich ähnlkich zueinander wie Mord und Liquidation im Politthriller. Im Fall eines Familienunternehmens wie Schambach ist die Schwermut in den Akt der Liquidation mit eingeschrieben. Hier scheint der  Traum einer ganzen Generationenfolge unaufhaltsam und unwiderruflich zu Ende. Indirekt deutete sich das schon darin an, dass Johanna Emilie Schambach den Laden einem Hospiz vermachte. Diese Wahl zur Neubelebung des Geschäftes wirkt eher unoptimistisch.

In dem Buch “Zeitkonserve” wurde Schambach noch kurz vor Toresschluß ein Denkmal gesetzt. Die Mitarbeiterinnen, im Einzelfall seit 5o Jahren im Betrieb (!), erinnern sich darin wehmütig , wie Heinz Schenk hier Kochmützen für den Blauen Bock kaufte und Iwan Rebroff das, was ein Berliner Russendarsteller als Berufskleidung braucht: Herrenunterwäsche. Die örtliche Presse berichtete zum Schliessungstermin mit gebührend lokalpatriotisch gefärbter Trauer. “Klempner, Bauarbeiter, Schornsteinfeger-sie werden Schambach vermissen”, seufzte die Rundschau und die FNP titelte: “Tristess statt Tradition“. In Wahrheit reichte im Schambach die Tristesse der Traditon stets brüderlich die Hand. Das fahle Deckenlicht, der mit Holzfurnier-Regalen, Karteikästenartigen Schubladentürmen und Schau-Kästen aus den 50ern vollgestopfte Verkaufsraum erzeugte das Bild einer Schmetterlingsammlung aus DDR-Tagen- nur ohne Schmetterlinge. Stattdessen drängten sich darin Hemden, Blusen, Blaumänner in unterschiedlichen Stärkungsgraden.

Foto: Schambach.de

Foto: Schambach.de

Die “Ware”, die, jawohl, hier noch als solche bezeichnet werden durfte, statt es einfach nur zu sein, legte das bejahrte Verkaufspersonal strengen Blickes und nur auf ausdrücklichen Wunsch vor, auf dass sie nicht unnütz befingert werde. Schließlich sind Zimmermannshosen, Servier- und Kittelschürzen von Hause aus empfindliche Güter und Arbeitskleidung trägt man nicht zum Spaß! Hier wirkte noch ein wenig der alte Geist des Einzelhandels weiter, der den Hereinkommenden vor allem minderen Einkommens erst einmal mit Mißtrauen daraufhin beäugt, ob er denn trotz naturgemäß mangelndem Sachverstand das Gebotene gebührend zu würdigen wisse.

Aber nicht das hat Schambach den Garaus gemacht. Auch nicht mehr wie noch in den 70er und 80ern die Kaufhaus-Ketten, denn kaum etwas ist so spezialisiert wie ein Geschäft für Berufskleidung. Wer ist schuld? Das, was immer schuld ist: ” Das Internet ist schuld“, sagt Siglinde Brix, die seit zwanzig Jahren bei Schambach die Kunden beraten hat. „Meine Enkel kaufen ihre Kleidung fast nur noch von zuhause aus, auf Anprobieren und Beratung legen sie keinen Wert.“ So ist es im schuldbewußten Internet auf Fr-Online zu lesen. Die Distanz zum Medium  zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die  Homepage von Schambach bis zum heutigen Tag nichts von der Schließung weiß. Ungerühert zeigt sie Montag- Freitag: 9.15-18 Uhr als Öffnungszeiten an. Interessanter scheint aber, was Frau Brix noch sagt: “Die Menschen wechseln immer häufiger ihren Beruf“, sagt Brix, „deshalb sind sie nicht bereit, viel Geld für die Ausrüstung auszugeben.“

So ist es: In einer Welt ohne eigentliche Berufe braucht keiner mehr Berufskleidung. Aber manch einer sucht sie trotzdem. Zum Beispiel jemand wie ich, der für eine Freundin ein spitzenbesetztes Servierschürzchen benötigt. Oder ein am letzten Öffnungstag von der FNP interviewter Kunde. Er gibt sich als gelernter Schreiner zu erkennen, arbeiten tut er als Aufzugsbauer und kaufen wollte er eine Zimmermannshose. Leider vergeblich.

Denn Schambach ist liquidiert.


Blind Dates 28.12.-2.1.2011

blind dates sylvester

Samstag, 25. 12. bis Donnerstag, 30. 12. / Samstag, 1. bis Mittwoch, 5. Januar 2011 / jeweils 18 Uhr im Mal sehn Kino: Nostalgia de la Luz. Von Patricio Guzmán, Chile / Frankreich / Deutschland 2010 (spanische OmU): In der unendlichen Weite der Atacamawüste im Norden Chiles sind sechs internationale astronomische Observatorien in Betrieb. Diese gigantischen Beobachtungsstationen des Weltraums, der Sterne und ferner Galaxien sind auf dem modernsten technischen Stand und verfügen über die heutzutage umfangreichste Forschungskapazität. Die Wissenschaftler suchen in der ältesten Vorzeit die jüngsten Lichter des Universums, um mehr über die Zukunft der Erdmenschen zu erfahren. Nur einen Steinwurf von ihnen entfernt graben die Familien der Opfer Pinochets mit ihren bloßen Händen die Erde in den Massengräbern um. Sie sind auf der Suche der Körper ihrer “Verschwundenen”. Sie brauchen die Spuren einer noch ungeklärten Vergangenheit, um für sich und ihre Kinder eine Zukunft zu erfinden. In Santiago, der Hauptstadt, sucht die Regierung ebenfalls, sie sucht Reichtum und wirtschaftlichen Erfolg. Sie hat sich mit Herz und Seele dieser Aufgabe verschrieben und hofft den Erfolg in der materiellen Entwicklung des Landes zu finden. Die Vergangenheit Chiles vergisst sie dabei völlig. Diese drei Suchaktionen sind der Dreh- und Angelpunkt des Dokumentarfilms NOSTALGIA DE LA LUZ. Ein essayistischer Dokumentarfilm, dessen Themenspektrum sich im Laufe des Filmes als eine sehr poetische Parabel zwischen der Astronomie und der Geschichte Chiles der letzten 50 Jahre entwickelt. Seine Stärke und Faszination gewinnt der Film vor allem aus den Texten des Autors und aus den phantastischen Bildern der Wüste und des Sternenhimmels in Chile.

Freitag 31.12.: Silvester im Club Voltaire. Der Club ist ab 20.00 Uhr geöffnet für alle, die keinen Rummel brauchen, aber auch nicht trübsinnig zuhause sitzen wollen. Verschiedene Gerichte, Suppe und Kleinigkeiten werden zu Essen angeboten.Ab 0.00 Uhr legt ein DJ in der Kneipe auf und die Tagungsräume im 1. und 2. Stock werden für eine „etwas besinnlichere“ After-Midnight-Party hergerichtet. Eintritt 3 €

Und im Kellertheater wird auch Sylvester gefeiert, dieses Jahr unter dem Motto: “Helden der Kindheit” (so dress up this way!). Eintritt inclusive ALLER Speisen und Getränke, sowie,äh, kultureller Beiträge 35 €.

 


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