Frankfurter Gemeine Zeitung

Ist Frankfurt mittig? – Versuch einer Antwort

Eine eher polare Stadt

Um sich dieser Frage anzunähern, müssen wir versuchen zu benennen, was sich in dieser Stadt konzentriert und wie sich die verschiedenen Lagen ihrer Bevölkerung differenzieren. Ein solcher Ansatz kann sich nicht darauf stürzen, wie hoch der Anteil an Arbeitslosen ist, sondern sich bemühen, die Polarisierung innerhalb der Beschäftigungsverhältnisse aufzuzeigen.

So ist denn auch die Ausgangshypothese, dass Frankfurt die Stadt in der BRD ist, die mit den höchsten Polarisierungsgrad aufweist. Durchschnittswerte verkleistern hier Sachverhalte und Zusammenhänge eher als sie dieses Auseinanderdriften von Lebenswirklichkeiten beschreiben könnten, für die Polarisierung steht.

Frankfurt ist ein Ort (post-)moderner Ökonomie, was sich schon im Erscheinungsbild on Weitem ankündigt und ausdrückt. Nicht nur, dass die veralteten Industrien abgewickelt wurden, es fand vielmehr eine Umstrukturierung hin zu den mobileren Sparten einerseits und der Zunahme der Bedeutung des Finanzsektors andererseits statt. Es ist daher von einer Verdrängung zugunsten des Finanzkapitals zu sprechen. Damit ändern sich die Verhältnisse innerhalb der Struktur der Beschäftigten.

Diese Abkopplung von Institutionen der Güterproduktion macht Frankfurt zum Ort von Entscheidungen über diese, weniger zu einem, an dem die Konsequenzen dieser Entscheidungen unmittelbare Auswirkungen zeigten. Als Ort geballtem Finanzkapitals ist die Stadt zugleich Attraktor und Transitstation einer bestimmten mobilen Lage, die man mit mittlerem bis gehobenen Managements näherungsweise beschreiben kann. Für diese mobile Abteilung muss eine grosse Palette an Dienstleistungen bereitgestellt werden. Auf den ersten Blick sieht dies nach einem positiven „Trickle-down-Effekt“ aus und grob betrachtet ist es dies auch, besonders im Vergleich zu ähnlichen Städten ohne ausdifferenziertem Finanzsektor. Frankfurt ist nicht unter den 20 Städten hinsichtlich der Arbeitslosenzahlen zu finden.

Das in der Stadt erwirtschaftete Bruttosozialprodukt ist immens, weniger seine pro-Kopf-Verteilung. Der Zunahme des „creamy layers“ steht eine ebensolche, wenn nicht stärkere, des Anteils der sogenannten „Niedriglöhner“ gegenüber. Genau dies meint Polarisierung.

Der Druck auf diesem und in diesem Bereich wird weiter zunehmen wie auch die Bedeutung der Finanzkapitalien. Diese Entwicklung ist zur Zeit oberflächlich betrachtet on geringer Relevanz im Erscheinungsbild, lässt sich gleichwohl anhand differenzierter Statistiken recht mühelos ablesen.

Die Krämer-Idylle mit den verwinkelten Gässchen der einst freien Reichsstadt ist de facto am Verschwinden und es weint ihr auch keiner eine Träne nach. So sind – mal abgesehen von Der Linken und ÖkoLinX – die Fraktionen dieses Stadtparlaments jener „post-fordistischen“ Urbanität verpflichtet und ihre Unterscheidung ist ein geschmäcklerisches Ansinnen.

NEIN, Frankfurt ist nicht mittig und die hohe Konzentration an Finanzkapital lässt dies auch nicht zu. Entgegen der Selbsteinschätzung des gefühlten Frankfurters hat das, was so flott als Mittelschichten gelabelt wird, keinen nennenswerte Zukunft in dieser Stadt, sofern nicht ein gewitzter Soziologe sich flugs an eine Neu-Definition macht.

Und ich frage mich, ob es wirklich eine erstrebenswerte Unternehmung ist, herauszufinden, wie es um die Zukunft einer amorphen Kleinbürgerwelt bestellt ist.

Die Polarisierung, deren Folgen langsam offenkundig zu werden drohen, ist auf jeden Fall spannender, vielseitiger und verlangt Phantasie von den Teilnehmern in jeder Hinsicht. Die Agonie, die diese Stadt nach der Revolte befallen hat und sich in den Fischer-Epigonen der Grünen verfestigt, wird so schnell nicht überwunden sein und zwischen einer Re-Feudalisierung und „glücklichem Prekariat“ sind die Auseinandersetzungen noch nicht mal im Geburtsstadium.

Nein, und hoffentlich wird dieses Frankfurt nie eine mittige Stadt.


Ein Kommentar zu “Ist Frankfurt mittig? – Versuch einer Antwort”

  1. gaukler

    Ich denke, Frankfurt hat eine besondere Art von Belagerung oder Hegemonie durch sehr wohlbetuchte Mittelschichten zu ertragen.
    Und dann gibts noch die “zerrissenen Mitte”, die gerne das andere wäre, die dotierten Jobs dafür aber vermisst.
    Und viele, die kaum was damit zu tun haben, aber es trotzdem meinen.

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