Frankfurter Gemeine Zeitung

Hauswirtschaft in Rhein-Main

Über die Wirtschaft, ihre Erfolgsvorgaben und ihre Krisen gibt es eine ganze Menge Erzählungen. Sie haben variierende Protagonisten, sind unterschiedlich lang und schön, dienen verschiedenen Zwecken und werden mal so und mal anderes verwendet oder gelehrt. Eine Menge Kram also.

Frankfurt bildet eine besondere wirtschaftliche Lokation in Deutschland, aus verschiedenen Gründen: sie beherbergt die Deutsche Börse (AG), den Haupthandelsplatz des Finanzkapitals, das Einfallstor der weltweiten Finanzmärkte nach Deutschland. Frankfurt bietet bekanntlich Platz für das ganze Umfeld dieser Ströme und der Erzählungen drum herum, nur ein großes “Wirtschafts-Forschungsinstitut” fehlt uns noch.

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Natürlich gibt es hier unzählige Banken, besonders auch deren Zentralen, vermutlich liefert das sogar den einzigen Grund, warum das kleine Kaff am Main in der Top-Liste der “Alpha World Cities” geführt wird. Dazu kommt die Europäische Zentralbank und die Bundesbank, die mit Axel Weber  einen Wirtschafts-Professor an ihrer Spitze hat, mithin einen echten “wissenschaftlichen” Erzähler.

Das Frankfurter Finanz-Wirtschafts-Ensemble komplettiert dann eine neuere Institution auf wissenschaftlichem Areal: schräg gegenüber der Bundesbank auf dem Uni-Gelände liegt das “House of Finance“, schnell zum Anlaufpunkt der Medien reüssiert: hier fragt man an, wenn es nach einem Kommentar zu den Weltmärkten verlangt oder der Nachwuchs für die Topetagen vorbereitet werden soll.

Die (Subprime-, Immbilien-, Finanz- Weltwirtschafts-) Krise brachte die hier wirkenden Finanzstars jedoch kurz ins Zwielicht, es war von “grenzenloser Gier” die Rede, die unsere Gesellschaft durchtränkt und mit den gierigen Finanzmanagern unsere Wirtschaft “an den Abgrund” brachte.

Aus verschiedenen Gründen ist es damit wieder vorbei: natürlich haben wir die Krise überwunden, als erfolgreiche Winner: die Krise ist eine Reinigung, die als Selektion der Erfolgreichen arbeitet. Deswegen geht das Spiel weiter wie vorher, wie auch sonst. Hoffentlich macht China mit.

Dann gibt es noch eine breite Phalanx, die in “Gier” nicht das Problem wirtschaftlichen Niedergangs sieht: zuerst  vertreten natürlich die herrschenden Wirtschaftswissenschaften diese Einstellung, die in der Nutzen-Maximierung Antrieb wie Regulativ unseres Wirtschaftens insgesamt sehen. Nutzen-Maximierung gibt deshalb die Schablone für alle wohlwollenden Kommentare zu wirtschaftlichen Vorgängen, über die wir heute ihre “Experten” befragen. Für die meisten dieser Experten wirtschaften die Nutzen-Maximierer , ohne dass sie dabei blinde Gier abseits aller guten Effekte für uns wirken sehen.

Doch auch bei den wenigen opponierenden Interpreten der Wirtschaft gilt die emphatische Verfassung der Akteure in der Finanzwirtschaft irrelevant für Wirtschaftskrisen: es sind allein falsche Steuerungsmaßnamen durch die Gesetzgeber, die zum Desaster führen. Oder die Systemeigenschaften des Kapitalismus insgesamt liegen so daneben, dass unabhängig von den Charaktereigenschaften einzelner der Crash irgendwann kommt. Der Feierlaune in der Fressgaß muß also die ökonomische Forschung nicht widersprechen: “Lasst es euch gutgehen” – egal auf wessen Kosten.

Nun übersehen aber all diese Wirtschaftstheorien wichtige Zusammenhänge zwischen Ergebnissen der Verhaltensökonomie und den “Systemeigenschaften” des Kapitalismus.

Die Verhaltensökonomie versucht mit der Untersuchung wiederholter, typischer Situationen von eigennützigen sowie gemeinwohl-orientierten Akteuren Regelmäßigkeiten zu aufzuspüren, die der Realität möglichst nahekommen. Dabei finden sie zuweilen überraschende Resultate: nicht nur, dass zueinander freundliche Akteure oft erfolgreichere Gruppen als andere formen; sondern egoistisch orientierte Mitglieder vertreiben in bestimmten Umständen die nachbarschaftlicheren.

Eine typische Umwelt, die egoistische Nutzen-Maximierung predigt oder kultiviert sind einerseits die heutigen Wirtschaftsfakultäten, wie das House of Finance eben. Und zum anderen betten sich die ertragsoptimierenden (“shareholder-value”) Finanzinstitutionen auf Gewinnmaximierung, und veranlassen ihre Angestellten und Manager dazu, allein nach dem direkten monetären Ertrag zu agieren – unabhängig von Kontexten. Entsprechend werden sie belohnt.

Das prägt. Solche Erzählungen, Theorien und Anreizbedingungen erzeugen deshalb kollektiv selbst das psychische Klima, genau die egoistische Nutzen-Maximierung für ihre Mitglieder zu kultivieren. Das Verhalten bei Wirtschaftsstudenten gibt bereits Stoff für Filme: der zynische Gestus in den Profit-Praktika an den Hochschulen baut für alle eine Umwelt, die für gemeinwohl-orientierten Akteure unangenehm wird. Sie verlassen dann diese betriebswirtschaftliche Umwelt, brechen das Studium ab oder wechseln einfach das Fach.

Nicht viel anders bei Banken oder Wirtschafts-Medien: wer den Profit nicht ehrt, den Nutzen und Erfolg nicht öffentlich propagiert wird zum Loser. Das führt zu dem Effekt, dass die Gier zwar kein besonderer Mechanismus von Kapitalismus und Krise darstellt, aber in der homogenen Profitkultur zwischen Finanzwirtschaft, Medien und Lehre sich tatsächlich zum kollektiven Charaktermerkmal gerieren kann.

Eine möglicherweise folgenreiche Disposition: sie kann sich wieder mit den anderen Mechanismen der Finanzmärkte, Anreizsysteme und Anlagestrategien verbandeln. In diesem Sinne ist eine kollektive Kultur der Gier tatsächlich denkbar, ohne der Meinung zu sein, dass die Probleme der gegenwärtigen Wirtschaftsorganisation bloß aus einer persönlichen Charakterstörung herrühren.

Der alte Begriff einer ökonomischen “Charaktermaske” müsste im Licht neuerer Forschung sicher in dieser Weise entwickelt werden, und es lassen sich vielleicht Fragen über die Ökonomisierung neu beantworten.

Dazu gehört die Frage: ist Frankfurt deswegen eine Stadt, die eine besonders egomanische Sozialstruktur kultiviert ?


3 Kommentare zu “Hauswirtschaft in Rhein-Main”

  1. Florian K.

    Ich frage mich allerdings ob gemeinwohl-orientierte Akteure in jedem Fall so positiv zu sehen sind.

  2. wohlgemuth

    Gegessen, wenn du mit “Gemeinwohlorientierung” den selbstlosen Überwacher des Ganzen meinst. Ausserdem: natürlich meine ich nicht “in jedem Fall”, wie schon bei einem 100-Meter Lauf zu sehen ist.
    Zwischen diesen Fällen und den Egomanen gibt es aber eine Menge anderer Variantenfür Verhalten im Umgang. Es geht um die Bewertung dessen, was in einer Gruppierung als allgemeine Praxis und Orientierung kultiviert (!) wird.
    Selbst wenn man kein Fan der Verhaltensökonomie ist: ihre Versuchsanodrnungen zeigen, dass Egomanen für ihr Fortkommen immer auf “Hilfeleistende” angewiesen sind, und als Gruppe haben sie gegen kooperierende Kollektive auf Dauer wenig Chancen. Deshalb geht es ihren egomanischen Teilnehmern dann auch schlechter.
    Das ist keine Meinung, sondern schlicht empirische Forschung.

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