Frankfurter Gemeine Zeitung

Aufruf (Vierter Teil)

Warenwirklichkeiten

Nachdem wir in „ökonomischen Wirklichkeiten“ nachgezeichnet haben, wie sich innerhalb der Beschäftigung die Bedeutung der verschiedenen Fraktionen verschieben, werden wir im folgenden eine korrespondierende Verschiebung innerhalb der Warenwelten aufspüren. Denn nicht nur an das Humankapital werden neue Anforderungen gestellt, auch die Welt der Waren formiert sich neu. Nicht, dass damit die Gesetzmässigkeiten sich änderten, sie werden neu gestaltet, um diesen besser zu entsprechen. Wir werden sehen, dass sich die vorher beschriebenen Änderungen und die, welche die Waren betreffen, sehr wohl entsprechen und ergänzen und dass zu diesen Waren die genannten Humankapitalisten gehören.

Transit-Charakter der Waren

Alles dreht sich um einen Vorgang, der sich durch eine kurze Formel vollständig beschreiben lässt:

G1 – W – G2

Hierbei bezeichnet G1 die eingesetzte Geldmenge, W die produzierte Ware und G2 die mit W erzielte Geldmenge.

Nun bestreitet kein halbwegs vernünftiger Ökonom heute, dass sich die Profitquellen längst von der unmittelbaren (Güter-) Produktion emanzipiert haben, ja die Produktion reiner Verbrauchsgüter eher ein Hindernis darstellt und im Vergleich mit Finanzderivaten z.B. hoffnungslos antiquiert erscheint. (Keine Angst, Bedarfsgüter werden auch weiterhin geschaffen, ihre Bedeutung allerdings wird weiter abnehmen.)

Die Betrachtung hier gilt in erster Linie diesem veränderten Stellenwert bezüglich Wachstum und Profit.

Nun wenden wir uns der oben ausgestellten Formel zu. G1 – W – G2 ist auch eine zeitabhängige Funktion (G1 – W – G2)= ƒ(t), deren Ausgangspunkt eine gewisse Geldmenge ist, die so schnell wie möglich in eine andere (grössere) Geldmenge verwandelt werden soll.

Um nun herauszufinden, a) wie lange die Wege G1 – W und W – G2 und b) die Abhängigkeiten der Grösse DG = G2 – G1 von W sind, werden wir versuchen deren ideale Natur herauszuarbeiten (Wid).

Augenscheinlich ist, dass G1 – W – G2 gegenüber G1 - G2 wie ein Umweg erscheinen muss und die Frage berechtigt ist, ob ein solcher noch notwendig oder nur anachronistisch ist. Zum anderen sind Gesetzmässigkeiten nicht einfach so auszuhebeln, nur weil sie einem unpassend erscheinen.

W ist in seiner Natur, seiner Erschienungsform keineswegs festgelegt, es bezeichnet ein „Etwas“, in den eine Geldmenge eingeflossen ist und aus dem sich eine andere Geldmenge gewinnen lässt. Dieser „Etwas“ kann nun eine Idee, ein Handy, Weizen oder was auch immer sein, es muss nur einer Bedingung unbedingt gehorchen: W ist handelbar, d. h. es lässt sich in Geld ausdrücken und überführen. Es ist mithin eine Transiterscheinung.  Damit ist der Gesetzmässigkeit Genüge getan und wir können uns dem Problemen unter a) und b) zuwenden.

Es gilt ganz allgemein: je kürzer der Weg G1 – W – G2 umso effizienter die Geschichte. Kann demnach W in kürzester Zeit generiert und wieder veräussert werden, kann dieser Weg in der gleichen Zeit öfter zurückgelegt werden.

Die Frage gilt also den Limitierungen. Der allgemein akzeptierte Standard dieser Limitierungen ist die Zeit, die die modernsten Kommunikationstechniken vorgeben. Man sieht, entscheidend ist weniger wie lange Weizen braucht, um reif zu werden oder wann er endlich verbacken wird, sondern die Übermittlung von An- und Verkauf auf dem entsprechenden Markt. Doch muss er gesät und geerntet werden, gelagert und verpackt, verschifft und wieder transportiert, eine Menge Unpässlichkeiten. Ein Finanzderivat entspricht schon eher den Bedingungen der idealen Ware.

Je weniger W an  – zumindest langfristige – Festlegungen gebunden ist, je „substanzloser“ W, umso schneller wird aus einer Geldmenge eine zweite. Die Reibungsverluste gehen gegen Null, wenn W Geldform annimmt.

Kommen wir nun zum zweiten Punkt, der Grösse DG. Ziel muss es für jeden Beteiligten sein, diese Grösse immer weiter zu steigern und die Umwandlung in immer kürzeren Zyklen zu erreichen.

Die Formel G1 – W – G2 besagt, dass dem Mittelglied hier eine entscheidende Bedeutung zukommt und wir müssen fragen, welche Beschränkungen dem Prozess durch W auferlegt sind.

Angebot und Nachfrage werden hier nur unter dem Gesichtspunkt berücksichtigt, dass W umso mehr nachgefragt wird, je grösser DG, für die Angebotsseite gilt gleiches. Das erlaubt uns, Schlüsse hinsichtlich der idealen Natur von W zu ziehen, ohne dass wir uns von Launen und Begehrlichkeiten ablenken lassen. Das führt nur zu Verwirrung und Nebenschauplätzen, die wenig zur Klärung beitragen.

Je komplexer W, umso anfälliger ist der Prozess seiner Generierung. Der Aufwand, all diese einzelnen Risiken klein zu halten und damit kalkulierbar zu machen, wächst mit der Zahl der Schritte, was sich zumeist negativ auf DG auswirkt. Der gesamte Zweig der Transaktionskostentheorie beschäftigt sich damit. Das bezieht sich nicht nur auf seine absolute Grösse, sondern auch das Erreichen einer positiven Differenz generell.

Aus diesen kurzen Betrachtungen können wir folgende Sätze ableiten:

  • Die Produktion von Gütern des täglichen Bedarfs ist zwar notwendig, erfüllt jedoch keineswegs die Anforderungen eines ökonomisch idealen Wid;
  • Je weiter diese Güter von der Geldform entfernt sind, umso aufwändiger gestaltet sich die Realisierung von G1 – W – G2 ;
  • Bedarfsorientierte Produktion schafft zwar die Voraussetzungen für die stärkeren Finanzmärkte, sie ist jedoch kein Selbstzweck oder gar Ziel;
  • Ab einer bestimmten Grösse der Finanzmärkte definieren diese das Wachstum der Wirtschaft, Gebrauchsgüter stellen eher Hemmnisse dieses Wachstums dar.

Das legt nahe, die Zukunft in der Herstellung und Verbreitung jener Waren zu sehen, die den kürzest möglichen Umschlag versprechen. Dadurch werden die Ressourcen– natürlich dem Wachstum entsprechenden Teil -  geschaffen, die von den weniger innovativen Sektoren benötigt werden. Um auf unser Weizen-Beispiel zurückzukommen: der entscheidende Teil des Geschäftes benötigt nur wenig Voraussetzungen, der Weizen muss dafür nicht einmal bewegt werden. Man könnte auch sagen, der Weizen tritt in verschiedenen Formzuständen auf, die je nach Kompatibilität mit unserem idealen Wid zum Marktgeschehen beitragen. Sicheres Wachstum aber verlangt weitgehende Freiheit von diesen Schwankungen.

Fortschrittliche Wirtschaftszusammenhänge berücksichtigen diese Tatsache und sind bemüht, die Warenformen bereitzustellen, die diese modernen Erfordernisse erfüllen.

Es gilt den Übergang G1 – G2 zu maximieren. Da nicht einfach auf W verzichtet werden kann, müssen die Kriterien, die an W gestellt werden, bestimmten Bedingungen gehorchen, damit W zu einem Wid werden kann.

Diese ideale Ware setzt dem Transit G1 – G2 so gut wie keinen Widerstand entgegen;

sie ist unmittelbar an jedem gewünschten Ort erhältlich;

sie ist ökologisch relativ unbedenklich;

sie weist kurze Innovationsintervalle auf; und

sie ist unmittelbar konsumierbar.

Daraus sollte ersichtlich geworden sein, dass z. B: Konsumgüter ihre Berechtigung einzig daraus beziehen, dass durch sie die entsprechenden Ressourcen geschaffen werden, die die letztlichen Erzeuger von Wachstum und Reichtum sind, sie können und dürfen nicht Ziel und Grund darstellen, wenn die Wirtschaften im globalen Konkurrenzkampf überleben wollen.

Die Produktion von – im weitesten Sinne – Gebrauchsgütern ist demgegenüber nur wenig flexibel, bzw. kann sinnvoll nur in den Bereichen verändert werden, die am leichtesten zugänglich sind und am schnellsten Wirkungen erzeugen. Dies ist zuerst der bewegliche Teil, die lebendige Arbeit bzw. ihre Freisetzung.

Ohne die forcierte Entwicklung der Strukturen, die mit idealen oder zumindest besser angepassten Gütern die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und stabilisieren, erreichen Massnahmen im Sektor der Gebrauchsgüter schnell ihre Grenzen und werden selbst zum Teil des Problems. Dies wird am ehesten erreicht, wenn dafür gesorgt ist, dass die besten Qualifizierungsbedingungen zur Verfügung stehen, damit nicht wieder ein derart unsolider Umgang mit Waren, die grundsätzlich den geforderten Bedingungen genügen, um sich greifen kann (populär Krise genannt).

Wir werden weiter untersuchen, wie die einzelnen Stränge ineinander greifen analysieren. Dazu werden wir demnächst die politische Rabulistik etwas eingehender betrachten. Wir werden das Gefühl nicht los, dass hier aus ideologischen Gründen ziemlich viel Unsinn verbreitet wird.


Bisher keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Comment moderation is enabled. Your comment may take some time to appear.

 

Powered by WordPress • Theme by: BlogPimp/Appelt Mediendesign und tech-a • Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS) • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.