Frankfurter Gemeine Zeitung

Ein Notfall auf dem Frankfurter Hauptbahnhof

Ich lief diesen Donnerstag Morgen, den 20.1. kurz vor halb Zehn über den Hauptquerbahnsteig und sah eine Dame jammernd auf dem Boden knien. Sie hielt sich mit beiden Händen die Brust in der Herzgegend. Ich fragte, was mit ihr sei. Sie jammerte: sie könne nicht mehr, ihr Herz, ihr Kreislauf. Ich griff zum Telephon. Die Kassiererin des Zeitschriftenladens, an deren Eingang wir knieten, rief mir aber zu, der Notarzt sei verständigt. So kniete ich mich zu der Frau und versuchte sie zu beruhigen. Umarmte sie, hielt sie fest und redete beruhigend auf sie ein. Gegen 9:35Uhr kam ein Bahnhofsangestellter und fragte, was los sei. Ich schilderte die Situation. Per Sprechfunk erkundigte er sich nach den Notarzt. Man teilte uns mit, dieser sei unterwegs. Ich versuchte weiterhin bei der Frau kniend, sie zu beruhigen, was mit zunehmender Zeit schwieriger wurde. Gegen 9:45Uhr kam eine Streife des Bundesgrenzschutzes vorbei, die mit Maschinenpistolen zur Abwehr von Terrorangriffen auf dem Hauptbahnhof patrouillieren. Auch sie erkundigten sich danach, was denn los wäre. Ich deutete vorsichtig an, dass ich nicht verstehen kann, wieso es am Hauptbahnhof so lange dauert, bis ein Notarzt kommt. Der Bahnhofsangestellte besorgte einen Becher Wasser aus dem Zeitschriftenladen. Nun fragte der Grenzschutzbeamte die Dame, die ich immer noch kniend im Arm hielt, ob sie sich ausweisen könne. Auch wegen der Krankenkasse, das bräuchten ja die Sanitäter. Die Dame fing sofort an in ihrer Handtasche zu suchen. Ich beruhigte sie, sie solle es doch lassen, das habe noch Zeit, und fragte den Grenzschützer, ob wir uns nicht erst einmal um den Notarzt und den Gesundheitszustand der Frau kümmern sollten. Er meinte, dass die Sanitäter die Papiere doch gleich bräuchten. Ich gab zurück: “Und wenn sie keinen Ausweis hat, dann helfen sie ihr nicht?” Der Grenzschutzbeamte wies mich auf eine Weise zurecht, die mich hoffen lässt, nie dienstlich mit solchen Beamten zu tun zu bekommen: Ich solle mich da mal raus halten, was ich hier überhaupt zu tun hätte, ich solle nicht so mit ihm reden usw. Die Liegende hatte mittlerweile ihre Krankenkassenkarte heraus gekramt und dem Grenzschutzbeamten überreicht. Sie griff sich weiterhin vor Schmerzen an die Brust. Ich kniete weiterhin bei ihr, hielt sie im Arm und versuchte sie zu beruhigen. Ich sagte dem Beamten, dass wir jetzt 20 Minuten auf einen Notarzt warteten, dass mich das erstaunen würde und auch nicht gut für unsere Nerven sei. Um 9:51Uhr kam der Notarzt -zu Fuß. Ich schaffte es noch gerade zu meinen Zug .
Tief verstört fuhr ich nach Wiesbaden und tippte den Vorfall in mein Handy. Ist es Paranoia, dass mir auffiel, dass direkt an meinem Zug wieder zwei Grenzschutzbeamte mit Maschinengewehren im Anschlag standen und ich das Gefühl hatte, sie hatten genau mich im Visier?
Will ich überhaupt darüber nachdenken, dass die Dame mit dem gesundheitlichen Problem wie eine Südeuropäerin aussah? Sie sprach akzentfrei Deutsch, hätte aber gut Portugiesin oder Türkin sein können.
Ich habe heute erlebt, wie viel unsere Gesellschaft an Wärme und Solidarität verloren hat. Und ich glaube, auf einer Hallig im Wattenmeer kommt schneller ärztliche Hilfe als auf dem Frankfurter Hauptbahnhof. Meine kalten Knie werden langsam wieder warm. Die Kälte, die ich in meinem Herzen gefühlt habe, schwindet nicht so schnell.


8 Kommentare zu “Ein Notfall auf dem Frankfurter Hauptbahnhof”

  1. Arsinoe

    Mir wurde ganz kalt beim Lesen. Danke für den warmherzigen Artikel!

  2. Arsinoe

    Mir wurde ganz kalt beim Lesen. Danke für den warmherzigen Artikel.

  3. Bert Bresgen

    Auf Facebbok, wo sven Eric fast live von dem Fall berichtete, habe ich die Frage gestellt, ob der Grenzschützer wohl den Nerv gehabt hätte,nach den Papieren zu fragen, wenn da ein Anzugtyp mit Köfferchen am Boden gelegen hätte.

  4. rfflug

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