Frankfurter Gemeine Zeitung

Deutscher Rap- Wie mediale moral-panics die Akzeptanz braunen Gedankengutes förderten

Um etwas vorwegzunehmen, das vielleicht den einen oder anderen Leser verwundern wird und das ich deutlich anders handhaben möchte als die Mainstreammedien:

Ich werde in diesem Artikel die Namen bestimmter Bands nicht nennen, sondern durch Abkürzungen ersetzen, beziehungsweise umschreiben. Gleiches gilt für deren Albumtitel.

Dies hat den Grund, dass die HipHop-Szene mehr als jede andere Szene begriffen hat, dass auch negative Publicity letztlich Publicity ist.

Und ich möchte keine kostenlose Publicity für Nazis machen. Bei Künstlern, die ich tatsächlich für rechtsradikal halte, verzichte ich deshalb auf Nennung des Namens. (wer diese wissen will, soll selbst googeln)

Vielleicht hätten sich die Mainstreammedien auch einmal an meine Grundsätze halten sollen. Denn wann immer ein Künstler aus dem Bereich Deutschrap medial skandalisiert wurde, erhöhten sich seine Verkaufszahlen und sein Einfluss auf die Szene.

Diesem Phänomen hat zum Beispiel der Rapper Bushido seinen Ruhm zu verdanken, dessen rapperisches Können von den meisten Szenekennern eher als unterdurchschnittlich eingestuft wird.

Mediengelenkte moral-panics führten dazu, dass Künstler zu einem Popanz aufgebläht wurden, die aufgrund ihrer eigenen Leistung sonst kaum Beachtung gefunden hätten.

Bestes Beispiel ist die Band D.C., die vor ein paar Jahren unter dem Schlagwort „Nazi-Rap“ durch alle Medien geisterte. Diese stammte aus der trostlosen Stadt Dessau und ihre Mitglieder nutzten es als Mittel zur Provokation, dass in dieser Stadt während des Dritten Reiches Zyklon B zur Ermordung der Juden hergestellt wurde.

Folglich bekam das erste Album der Band einen Titel, der an Zyklon B erinnerte und es waren neben inhaltsleeren Battleraps auch sehr handfeste antisemitische Passagen zu hören, wie „ich schieße mit der Flak auf das ganze Judenpack“.

Der Titel und die antisemitischen Aussagen führten dazu, dass sich die bundesdeutsche mediale Empörungsmaschinerie in Bewegung setzte.

Das, was von ein paar minderbemittelten Jugendlichen als Provokation gedacht war, hatte gewirkt. Mainstreammedien und Politiker, die keinerlei Ahnung von der Rapszene in Deutschland hatten, führten eine plakative und unsachliche Diskussion über rechtsradikale Tendenzen im Deutschrap und die kleine Band aus Dessau schaffte es bis in die Abendnachrichten von RTL.

Der Band D.C. war die ganze Angelegenheit, die sich inzwischen vollkommen verselbständigt hatte, irgendwann unheimlich.

Sie reagierte jugendtypisch ambivalent mit einer Mischung aus trotzigem Stolz und Entschuldigungen, es sei ja doch nicht so schlimm gemeint.

Die meisten Insider der HipHop-Szene belächelten beides:

Zum Einen das tollpatschig daherkommende, grottenschlecht produzierte Album der Dessauer Jugendlichen, zum Anderen den Medienhype, der ihnen mit vollkommen unqualifizierten Empörungsreaktionen eine weit größere Bühne verschaffte, als ihr „Kunstwerk“ je verdient hatte.

Doch die Medienreaktion hatte einen gewaltigen Flurschaden in der Szene angerichtet, der kaum wieder gutzumachen ist. Es hat sich nämlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Provokation Publicity bringt und dass ein besonders effektives Mittel zur Provokation die Verbreitung von antisemitischen, frauenverachtenden oder homophoben Sprüchen ist.

Dies hatte leider zur Folge, dass die Szene mit solchen Aussagen inzwischen wesentlich unkritischer umgeht, als es noch in den 90ern der Fall war.

In diesem Sinne hätten die Medien das Album von D.C. besser dort belassen, wo es hingehört:

Auf irgendeinen schmuddeligen Hinterhof in Dessau.

Doch es ist nun mal ein Bedürfnis der Medien Skandale zu produzieren, da diese mehr Aufmerksamkeit erregen, als nüchterne Berichterstattung.

Und die Geschichte über die Dessauer Band ist kein Einzelfall:

Im Jahre 2007 wurde King Orgasmus One, der sich inzwischen nur noch Orgi nennt, zu einer Diskussionsrunde mit Alice Schwarzer eingeladen.

Beanstandet wurden dort seine extrem sexistischen Texte und die Tatsache, dass er zusammen mit seinen Freunden und Prostituierten Pornofilme drehte, die er mit seiner Musik unterlegte.

Die Diskussionsrunde begann damit, dass Alice Schwarzer mit ihrem unnachahmlich verkniffenen Gesichtsausdruck einen Text von Orgi vortrug und dabei vor laufender Kamera gefühlte 100 Mal die Worte „Fotze“ und „Hure“ benutzte.

Allein dies war legitimer Grund für einen anhaltenden Lachkrampf, denn für einen Moment schien es, als hätte „Tante Emma“ nun das Tourette-Syndrom.

Leider war Orgi im Verlauf der Diskussion nicht eloquent genug, die kläglichen Überreste der zur Bildzeitungs-Oma mutierten 68er Ikone mit coolen Sprüchen gänzlich zu demontieren, sonst hätten die erzeugten LULZ sowohl an Quantität, als auch an Qualität leicht epische Ausmaße annehmen können.

Stattdessen verfiel der Wortakrobat in ein klägliches Gestammel, wie ein Lausbube, der bei einem missglückten Streich ertappt wurde.

Trotzdem war die Botschaft, die an die Deutschrap-Szene ging, klar: Je weiter man sein Maul aufreißt und je anstößigere Texte man rappt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man ins Fernsehen kommt.

So sind innerhalb der Szene viele Hemmschwellen gefallen und wie wir gesehen haben, haben die Mainstreammedien daran einen nicht unwesentlichen Anteil.

Hinzu kommt ein Wandel innerhalb einer Szene, die sich von einer urbanen Subkultur zu einem Massenphänomen entwickelte.

Dies führte zu einer Zunahme des Konkurrenzdenkens. Man begann seine Rapperkollegen nicht mehr als Teil der gleichen Community, sondern vielmehr als Konkurrenten zu begreifen.

Ein Beleg hierfür ist die Battle-Welle, die Mitte der 00er Jahre um sich griff und dazu führte, dass jeder gegen jeden Disstracks veröffentlichte. Eines der populärsten Beispiele war die Auseinandersetzung zwischen den Künstlern Savas und Eko Fresh, jedoch hatte zu dieser Zeit so ziemlich jede Hinterhofcrew eine Fehde mit anderen Hinterhofcrews.

Ich selbst konnte in meinem direkten Umfeld erleben, wie solche Streitigkeiten nicht immer nur mit verbalen Mitteln ausgetragen wurden.

Im Rahmen dieses Konkurrenzkampfes gewann es immer mehr an Bedeutung, sich öffentliche Aufmerksamkeit durch provokantes Auftreten zu sichern.

Befeuert wurde das Konkurrenzdenken auch dadurch, dass Rap, viel mehr als zum Beispiel Rockmusik, Musik zum mitmachen ist.

Wer Rapper sein will, muss keinen Gitarrenunterricht nehmen, keine Band suchen, keine teuren Geräte kaufen, sondern fängt einfach an Texte zu schreiben.

Dann braucht man nur noch einen PC an den man ein Mikrofon anschließen kann und besorgt sich notfalls Instrumentals aus dem Netz und schon hat man seine ersten Aufnahmen.

Wer nicht einmal diesen Aufwand treiben will, hat immer noch die Möglichkeit sich in einen der Freestyle-Circles zu stellen, die sich zwangsläufig vor der Tür jeder HipHop-Jam bilden, und dort zu glänzen.

Da das Medium Deutschrap derart populär wurde, bedienten sich alle möglichen Personen, Institutionen und Firmen seiner.

Es gibt Rap für McDonalds, gegen AIDS, für Sicherheit im Straßenverkehr, für günstige Handytarife, für Bildung, gegen Bildung, für Veganismus, für Fleischkonsum u.s.w.

Eigentlich ist es angesichts dieser Situation fast erstaunlich, dass Rechtsradikale dieses Medium nicht noch in viel stärkerem Umfang nutzen.

Trotzdem sind das in der Deutschrap Szene um sich greifende Ellenbogendenken und die resignierte Misanthropie, die von vielen Künstlern verbreitet wird, für einen Fan der älteren Schule traurig anzuschauen.

Der Künstler JAW (dies ist übrigens keine der Eingangs erwähnten Abkürzungen, er nennt sich wirklich so) brachte in seinem Lied „Meine Fans“ das aktuelle Lebensgefühl der deutschen HipHop-Szene gut auf den Punkt mit Zeilen wie:

„Meine Fans sind zukunftslos, meine Fans nennen Deine Fans Hurensohn.“

„Meine Fans sind ein Zeichen der Zeit und wo meine Mucke läuft ist die nächste Streife nicht weit, sie kreisen mich ein und setzen sich meinen Pamphleten zur Wehr, Ihr könnt mich einsperren doch meine Fans werden jeden Tag mehr.“

Traurigerweise hat genau dieser JAW auch gemeinsame Projekte mit einem Künstler, den ich hier nur mit H.H. abkürzen möchte.

Letzterer rappt unter anderem über „Hoffnung und Stolz des ostdeutschen Volks“.

In diesem Text fällt auch der Satz  “Hier siehst Du nicht viele Schwarze und Kanaken dafür breitgebaute Schränke die trainieren in Baracken.”

Ein anderer Track von ihm heißt “Rechts vor Links”, wobei es allerdings um den Straßenverkehr geht. Ich halte eine beabsichtigte Anspielung von H.H. doch für mehr als wahrscheinlich.

So etwas auch deshalb bedenklich, da JAW, der eigentlich keinerlei, rechtsradikale Tendenzen in seinen Texten (zumindest in den mir bekannten) zeigt, offensichtlich völlig unkritisch mit einem Künstler umgeht, der dem Rechtsradikalismus zumindest nicht ganz abgeneigt ist.

In den 90er Jahren wäre so etwas innerhalb der HipHop-Szene nicht denkbar gewesen.

Doch leider hat die Deutschrap-Szene inzwischen die von Medien außerhalb der Szene verursachte moral-panic um die Rapmusik derart satt, dass mittlerweile auch so manche Kröte geschluckt wird, bloß um der Gesellschaft damit ans Bein zu pinkeln.

Doch steht nun zu befürchten, dass die ganze Szene unterwandert wird? Dass Deutschrap zur gängigen Nazi-Musik wird?

Solche Befürchtungen halte ich für übertrieben. Die Szene ist groß und beweist immer wieder die Kraft, sich selbst neu zu erfinden und weiterzuentwickeln.

Zwar wird es wahrscheinlich innerhalb der Rapszene zukünftig einen rechten Rand geben, aber dieser wird nicht stark genug werden, die ganze Bewegung umzukrempeln.

Ähnliches gibt es ja auch in der Rockmusik die je nach Stilrichtung ein breites Spektrum von ganz links nach ganz rechts abdeckt.

Die besten Rezepte gegen rechtsradikale Tendenzen in der Rapmusik kann man aus Internetforen entnehmen:

Don´t feed the trolls!

Und:

You rage, you lose!

Wenn man sich von gezielten Provokationen provozieren lässt, hat der Provokateur gewonnen.

Allein schon dies sollte einen zu einem gelassenen Umgang mit angeblichem und tatsächlichem Nazi-Rap bewegen.

Denn wenn man ihm die öffentliche Aufmerksamkeit entzieht, entzieht man ihm auch den Nährboden.


2 Kommentare zu “Deutscher Rap- Wie mediale moral-panics die Akzeptanz braunen Gedankengutes förderten”

  1. LangnichtgesehnnennmichGehirn

    Solltest du mit HH Hollywood Hank meinen und tatsächlich Dr Holywood in die rechte Ecke schieben, empfehle ich dir einen guten Therapeuten ODER einen Einführungskurs in deutschen Battlerap. So was darf publizieren. TsTsts

  2. Florian K.

    Ich brauch ihn nicht in eine Ecke zu stellen in die er sich mit bestimmten Texten selbst gestellt hat. Musst Du nur mal konkret Textanalyse machen, dann raffste das auch. Selbst wenn er im Herzen eigentlich kein Rechtsradikaler wäre, dürfte er sich ja wohl nicht darüber wundern, wenn Gott und die Welt ihn für einen hält, wenn er andauernd und sehr bewusst mit Zweideutigkeiten in diese Richtung spielt, bzw. gespielt hat.

    Oder hab ich hier einen Fanboy aufgeschreckt, der sein Idol angegriffen sieht? Was gibt´s denn an dieser ganzen “Schwarze-Kanaken-Ehre-Stolz-Volk”-Sache noch misszuverstehen? Und wen meint er wohl mit dem Leuten, die “sich Adler auf die Waden hacken”? Wohl bestimmt nicht die Fans von Eintracht Frankfurt, oder? Wer tätowiert sich wohl sonst noch Adler auf die Waden? Der Ostdeutschland-Track auf dem diese Zeilen vorkommen ist außerdem kein Battletrack, sondern eher ein ziemlich ironiefreier Representer für seine “Heimat”. Von daher halte ich das für absolut ernstgemeint und damit für eine Aussage, die die im Osten teilweise herrschenden rechten Strukturen verherrlicht.

    Dass er sich jetzt übrigens als Bak Ta Ehli gerne mit Anon-Maske als “Friedensaktivist” präsentiert, widerspricht dieser Einschätzung nicht, sondern bestätigt sie eher im Kontext aktuell existierender neurechter Friedensbewegungen.

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