Frankfurter Gemeine Zeitung

Polizeigewalt in Deutschland- Und warum schwieg Spiegel-TV so verdächtig?

Vorweg möchte ich darauf hinweisen:
Die in der linken Szene weit verbreiteten generellen Vorurteile gegen Polizisten teile ich nicht. Im Gegenteil finde ich es sogar ziemlich unfair, die Leute, die Vergewaltiger aus dem Verkehr ziehen, Frauen vor ihren prügelnden Ehemännern retten und Synagogen vor Brandanschlägen schützen, pauschalisierend mit einem billigen A.C.A.B. (all cops are bastards) zu verunglimpfen.

Trotzdem weiß ich aus eigener Anschauung von Demonstrationen, dass sich die deutsche Polizei in solchen Situationen manchmal nicht gerade mit Ruhm bekleckert und alles andere als deeskalierend wirkt.

Im Jahr 2002 wurde ich auf einer Demo gegen Nazis Zeuge davon, wie mehrere Polizisten eine offenkundig minderjährige Punkerin in völlig unverhältnismäßiger Weise zu Boden rissen und dort mit Tritten (auch in die Bauchgegend) traktierten.

Bei einem Streifzug durch Youtube entdeckte ich ein Video, das mich wieder einmal am Zustand meines Landes zweifeln ließ.

Es handelt sich um einen Ausschnitt aus einer Reportage von Spiegel-TV, die am 15.11.2009 gesendet wurde.

Es ging um die, inzwischen weitgehend beigelegten, Auseinandersetzungen zwischen den Motorradclubs „Hells Angels“ und „Bandidos“.

Im Rahmen dieser Reportage wurde auch Videomaterial von einem Polizeieinsatz bei einem Clubhaus der „Hells Angels“ gezeigt.

Hier das Video.

Bei Minute 1:22 kommt es zum Kampf. So lange der „Hells Angel“ sich wehrt und so lange er den Polizisten umklammert, ist es natürlich legitim Gewalt gegen ihn einzusetzen. Bei Minute 1:52 ist der Polizist allerdings wieder frei.

Trotzdem treten die Polizisten weiter auf den bereits am Boden liegenden ein.

Der Sprecher von Spiegel-TV kommentiert es lakonisch mit „dann wird nochmal nachgetreten“, so als ob dies das Normalste auf der Welt wäre.

Vor allem auffällig ist ein Polizist bei 2:03, der eigentlich nur am Rande steht und dem Mann, der bereits von mehreren Kollegen festgehalten wird, noch einmal, ohne ersichtlichen Grund, auf das aufgestellte Fußgelenk tritt.

Ein Angriff, der durchaus in der Lage wäre, ein Gelenk irreparabel zu schädigen.

Direkt danach schwenkt der Kameramann die Kamera zur Seite, weg vom Geschehen, da er offensichtlich das illegale Handeln seiner Kollegen nicht auf Video verewigen wollte.

Erschreckend ist, dass Spiegel-TV diese offenkundige Entgleisung der Polizei mit keinem Wort kritisierte.

Hier wird, meiner Auffassung nach, eine gesellschaftliche Normalität von Polizeigewalt geschaffen. Diese schlägt sich auch in manchen Userkommentaren nieder:

„Dienst nach Vorschrift. Ich hab auf dem Video nicht gesehen das der Polizist nachgetreten hat. Und Polizisten sind auch nur Menschen also kann ich das harte durchgreifen auch verstehen. Bin selbst übrigens auch kein Polizeifreund aber bin mir bewust, wenn ich mich wiedersetze krieg ich Kloppe.“

  • schreibt neo2024atsagichnicht

Leider sind solche Überreaktionen von Polizisten wohl auch kein Einzelfall, wie dieses Video zeigt, in dem ein Polizist einer schimpfenden älteren Dame mit der Faust ins Gesicht schlägt.  Diese hat zwar selbst zuerst geschubst, doch erscheint mir die Reaktion des Polizisten vollkommen überzogen.

Auf einem anderen Video sieht man einen Polizisten, der einem telefonierenden Mann grundlos ins Gesicht schlägt.

Wenn man in Youtube danach sucht, kann man Dutzende vergleichbarer Aufnahmen finden.

Die Kombination mit dem Erlebnis, das Sven Eric Panitz mit dem Bundesgrenzschutz am Frankfurter Hauptbahnhof hatte und hier beschreibt, drängt sich mir die Befürchtung auf, unser Land könnte sich in eine sehr unangenehme Richtung entwickeln.

In einem Interview mit Spiegel-Online sagt der nordrhein-westfälische Polizeigewerkschafter Erich Rettinghaus:

“Die Justiz muss endlich aufwachen und das Strafmaß bei diesen Delikten [Anm: Gewalt gegen Polizisten] ausschöpfen. Der Staat hat hier Härte zu zeigen. Er muss den Schlägern vermitteln: Meine Leute greifst du nicht an, ohne dass du dafür lange Zeit ins Gefängnis gehst. In der Realität aber wird die Schuld hinterher oft den Beamten zugewiesen, die die Situation angeblich hätten eskalieren lassen. Und der eigentliche Aggressor zeigt dann natürlich auch noch die Polizisten an und verlangt möglicherweise zudem Schadensersatz. Absurd.”

Ich denke,  zumindest die Betroffenen in den genannten Videos hatten alles Recht der Welt, die gewalttätigen Polizisten anzuzeigen. Vielleicht könnte ja ein  deeskalierenderes Auftreten, als das, welches wir eben hier sehen konnten, auch dazu führen, dass weniger Gewalt gegen Polizisten ausgeübt wird?


2 Kommentare zu “Polizeigewalt in Deutschland- Und warum schwieg Spiegel-TV so verdächtig?”

  1. Frank Müller

    >

  2. Sebastian schwieg | Zylaboo

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