Frankfurter Gemeine Zeitung

Der Gallus und die Chinesen

Eine globalisiertes Metropölchen wie Frankfurt wird von Kräften weiter Weltbereiche berührt, etwa von China oder von Schwarzafrika, sei es über Waren oder Immigranten. Die beiden könnten kaum weiter voneinander entfernt sein, kommen uns aber meistens über Medien etwas näher. “China” treffen wir bei Saturn-Hansa, mit Audio- und Video-Geräten; im Fernsehen tritt es als die expansive Wirtschaftsmacht auf, voll von Fabriken, ein Exportweltmeister, der angeblich die Welt gnadenlos mit Waren überschwemmt. Bei Schwarzafrika dagegen wird immer das gleiche, dazu konträre Schema ausgelöst:  Niedergang, Krise, Elend, marodierende Warlords, Flucht und Immigration, besonders hierher. Was ist dran?

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Kamerun” wird ein Stadtviertel in Frankfurts Westen genannt, rund um den Gallus. Nicht mehr viele in Frankfurt wissen darum und man streitet gleichzeitig darüber, wie die Namensgebung vor etwa 100 Jahren zustande kam. Das Land Kamerun jedenfalls liegt in Zentralafrika, wir haben von dessen Existenz über Fußball oder ihrem Status als ehemalige deutsche Kolonie erfahren.

Als Frankfurter Korrespondent hatte ich Gelegenheit, die aktuelle Verbindung von Afrika und China vor Ort zu verfolgen. Für diese steht uns ein weiteres, einfaches Interpretationsschema zur Verfügung: China braucht Ressourcen und findet sie in Afrika. Deshalb ist es binnen wenigen Jahren zum Nachfolger des westlichen Kolonialismus aufgestiegen und siedelt dort allerorts Fabriken mit billigen chinesischen Arbeitern an. Der chinesischen Realität in Kamerun, einer neuen Globalisierungsetappe wollte ich mein Augenmerk schenken und es war nicht schwer sie überall zu finden.

Anders als es unsere schönen Fernseh-Dokus zeigen, verstecken sich Chinesen in Afrika aber nicht hinter Fabrikmauern und sie bieten mehr als Hochbau.

Die große Hafenstadt Douala liegt am Golf von Guinea in einem der regenreichsten Gebiete der Erde und als Mitteleuropäer raubt einem das Klima schlicht den Atem. Nach der Ankunft empfiehlt sich dem Kenner deshalb die “Deutsche Seemannsmission” (ja, so was gibt es noch), ein nettes kleines Hotel, dessen großes Restaurant auch Geschäftsanbahnungen und Besprechungen erlaubt, den ganzen Tag. Und man sieht dort neben Franzosen und Engländern immer häufiger Chinesen mit lokalen Geschäftsleuten sitzen oder einen Trupp chinesischer Arbeiter den Swimmingpool stürmen – in der Deutschen Seemannsmission!

Noch mehr vom blitzschnellen Einflußgewinn überzeugte mich eine Begebenheit in Kameruns einzigem Badeort, Kribi. Richtung Äquatorial-Guinea liegt hier ein kleines Hotel am Strand, in dem sich Europäer – gerne ruhesüchtiges diplomatisches Personal – in kleinen Bungalows einmietet. Dass es hier nicht nur die kleinen Bungalows gibt, führte eine chinesische Gruppe vor, die ein prächtiges Anwesen über diesen mietete, für den im Lande sagenhaften Preis von ca. 250 Euro die Nacht: Essen wird im Haus serviert und die Europäer liegen den tafelnden Chinesen zu Füssen. Gut, das sind nicht die Billigarbeiter aus Chongqing, die hier für 100 Euro im Monat malochen, die Verschiebung der globalen Einflußzonen spielt auch im Lokalen auf mehreren Ebenen.

Das merkt man im Alltag Kameruns. In einem Land, das oft ohne öffentliche Stromversorgung auskommen muß, gewinnt das in Afrika legendäre integrierte chinesische Feuerzeug eine wichtige Rolle: es zündet nicht nur Feuerstelle und Zigaretten, sondern bietet auf der anderen Seite eine benzingetriebene Taschenlampe – leider meist nur wenige Tage, dann ist das Produkt schon hinüber.

So weit zu den Stereotypen, aber ein anders, meist erstaunlich robusteres Gerät hat den Alltag in vielen Kleinstädten revolutioniert: das chinesische Motorrad, Sansili oder Nanfang zum Beispiel ! Taxi per Auto ist teuer, aber seit es billige Motorräder gibt, haben tausende junge Typen einen neuen Job und man kommt viel billiger weiter weg, etwa zum Markt. Kamerun wurde in den letzten 3 bis 4 Jahren mit chinesischen Motorrädern überflutet, sie alleine beherrschen landesweit das Zweiradgeschäft.

Die Tiefendurchdringung wird dem Besucher dann wirklich bewußt, wenn er einen der billigen Busse aus der Hauptstadt in den Süden nimmt, bei denen die Menschen eher übereinander als nebeneinander sitzen. Diese Busse haben einen kleinen freien Raum um die Falttür in der Mitte, und dieser Platz wird von einem Zusteigenden mit Tasche ein paar Minuten nach Abfahrt besetzt. Er entpuppt sich als fliegender Bushändler für chinesische Produkte und bietet eine halbe Stunde ohne Pause seine Produktpalette an. Einfach, aber griffig ist sie: einzeln verpackte Bonbons, damit es in den Tropen nicht so klebt; Zahnbürsten zum dreifachen Preis von Aldi-Deutschland mit dazu passender Zahnpasta; Wundersalben gegen Schmerzen jeder Art; und vor allen Dingen Sang Lang, die automatische Ameisenvernichtungsanlage – Ameisen sind wirklich eine dauernde Plage in diesen Breiten, jeder kennt das.

Der örtliche Verkäufer wurde offensichtlich im chinesischen Geschäftemachen trainiert: innerhalb von ein oder zwei Minuten unterbietet er seinen zuerst genannten Preis auf ein Viertel, wer kann da noch nein sagen. Alle sagen nein, wenn es Sang Lang betrifft, hinsichtlich der Ameisen traut den Chinesen dann doch niemand in Kamerun.

Wir hier müssen uns aber überlegen was passiert, wenn sich Millionen unten auf die chinesischen Motorräder schwingen, starten und einfach durchfahren, bis sie von Süden über das Frankfurter Kreuz als singende und hupende Motorrad-Armada in das Kamerun im Gallus einfahren und uns noch mehr chinesische Produkte bringen.


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