Frankfurter Gemeine Zeitung

Hört auf die Aussagen streunender Hunde!

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Was wir zur Zeit erleben, ist das Abdriften der Weltgeschichte, zumindest der arabischen Revolution ins Surreale.
Augenscheinlichster Beleg dafür war der 30-Sekunden-Auftritt von Gaddafi im libyschen Staatsfernsehen, einem Sender, der ansonsten fast nicht mehr sendet: Gaddafi sitzt nicht in seinem Präsidentenstuhl, auch nicht in einer Staatskarosse, sondern in einem schmutzig-weißen, klapprigen Laster, einen weißen Regenschirm über sich aufgespannt, im Nirgendwo und erklärte: „Ich wollte mit den jungen Leuten auf dem Grünen Platz (in der Innenstadt von Tripolis) reden und mit ihnen die Nacht verbringen, doch dann kam der gute Regen. Hiermit zeige ich: Ich bin in Tripolis und nicht in Venezuela. Hört nicht auf die Ansagen der streunenden Hunde!“Aber wie kann sich ein Revolutionsführer, der nach eigener Äußerung “bis zur letzten Patrone kämpfen und als Märtyrer sterben” will, vom Regen abhalten lassen, zu den Massen zu sprechen? Noch dazu ein Beduine, bei dem man, äh, eine positive Grundeinstellung zum Regen voraussetzen darf?
Aus dem Pariser Exil meldete sich Gaddafis ehemals treuer Weggefährte und Berater Nuri al-Mismari und forderte ihn auf, die “Macht abzugeben”. Noch drei Monaten hatte er erklärt, er sei nur nach Paris geflohen, weil andere Leute um Gaddafi ihn “schlecht gemacht” hätten.
Libyens Botschafter im Ausland legen unterdessen ihre Ämter nieder wie die Fliegen. Libyens Flieger hingegen springen mit dem Fallschirm ab und lassen ihre Flugzeuge zerschellen, anstatt die Aufständischen zu bombardieren. Ein gestern für tot erklärter Innenminister hat sich überraschend der Revolte angeschlossen. Gaddafi hatte gesagt, er wäre von eben diesen Aufständischen erschossen worden. Inzwischen hat Ex-Innenminister Abdulfattah Junis aber in einem Telefoninterview mit dem Nachrichtensender Al-Arabija klargestellt, dass er 1. nicht tot sei , dass es 2. ein Anhänger Gaddafis gewesen sei, der ihn versucht habe zu töten, aber er hätte nur einen seiner Verwandten verletzt und dass er 3. nun kein Minister mehr sei, sondern “ein Soldat im Dienste des Volkes”.
Am späten Dienstagabend landete eine Lufthansa-Maschine mit Deutschen aus Tripolis in Frankfurt.
Selbst Guido Westerwelle weiß inzwischen, was die Stunde geschlagen hat: High Noon. Und deshalb findet er die passenden Worte: Es sei unsere “verdammte Pflicht” da…etwa zu tun.
Und natürlich hat auch ER angerufen, Vieltelefonierer und Diktatorengspusi Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Er ist wie er selbst sagt, ein Freund schöner Frauen, aber auch: “ein Freund Gaddafis” (und Mubarraks, Putins et. al.). Er betonte im Telefonat, wie wichtig eine “friedliche Lösung und Mäßigung” seien.
A bissl schad aus meiner eurozentrischen Perspektive, dass das Gespräch nicht andersherum stattfand und “der Irre” Gaddafi Silvio zur Mäßigung aufrufen musste… aber so surreal wird´s dann eben doch nicht.
Noch nicht.
Nach Mäßigung sehnen sich wie immer auch die Weltmärkte. Der US-Ölpreis stieg zwischenzeitlich auf den höchsten Stand seit über zwei Jahren. Die Internationalen Öl- und Gaskonzerne stellen ihre Förderung in Libyen ein und ziehen ihre Mitarbeiter ab.
Die Nächte toter Innenminister brechen an.
Hört auf die Aussagen streunender Hunde.
Denn es kommt Regen auf.


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