Frankfurter Gemeine Zeitung

Bekenntnisse eines Killerspiel-Zockers

Als Kind durfte ich niemals Spielzeugpistolen besitzen. Ebenso wurden mir von meiner Mutter die damals beliebten „Masters of the Universe“-Figuren verboten, da „He-Man“ ein negatives Rollenmodell sei und die Figuren auch objektiv betrachtet krass hässlich waren.

Glücklicherweise gab es bei uns im Haus einen anderen Jungen, den meine Mutter immer als Problemkind empfand. Da seine Mutter aber recht früh an Krebs gestorben war, begrüßten meine Eltern es letztlich doch, wenn ich dem „armen Jungen ein Wenig Gesellschaft leiste“.

Der andere Junge war, obwohl einige Jahre älter als ich, über die Gesellschaft dankbar und auch ich profitierte sehr davon.

Endlich hatte ich die Möglichkeit nach Herzenslust mit Pistolen und sogar mit den von meiner Mutter strikt verbotenen Plastiksoldaten, die es damals im Spielwarenhandel in großen Beuteln zu kaufen gab, zu spielen.

So spielten wir gemeinsam unsere ersten Killerspiele. Natürlich waren die Plastiksoldaten und Spielzeugpistolen damals noch analoge und nicht digitalisierte Killerspiele, doch vom Prinzip her bestand kein Unterschied.

Es ging darum, in der Phantasie Leute abzuknallen oder sie zu zerbomben.

Wir spielten Räuber und Gendarm, lieferten uns heftige Feuergefechte mit den Spielzeugpistolen oder stellten die Plastiksoldaten zu einer Schlachtordnung auf, um sie dann mit Bauklötzen (imaginären Bomben) zu bewerfen.

Und die zersetzende und verrohende Wirkung, die Bauklötze und Plastiksoldaten auf den kindlichen Geist ausüben, traf mich mit Macht.

In meinen jungen Jahren wurde ich süchtig nach analog-virtueller Gewalt.

Ein besonderer Suchtfaktor war dabei natürlich der Reiz des Verbotenen. Wenn meine Eltern mir damals Soldaten und Spielzeugpistolen geschenkt hätten, wären diese wahrscheinlich in der Ecke gelandet und hätten Staub angesetzt.

So aber waren diese Spiele für mich das Tollste auf der Welt und ich besuchte meinen Freund immer öfter.

Und eigentlich war das Verbot ohnehin total sinnlos, da bei einem phantasievollen Kind, welches Lust hat mit Waffen zu spielen, auch ein Stück Holz in der Phantasie zu einer Pistole werden kann.

Irgendwann hatte mein Freund dann etwas völlig Neuartiges. Die magische Kiste: Einen Commodore C64!

Ich erinnere mich noch gut an das erste Spiel, das wir damals spielten. Es hier „Wizard of War“, spielte in einem pacmanähnlichen Labyrinth, nur mit dem Unterschied, dass man keinen gelben Ball spielte, sondern einen kleinen Weltraumsoldaten, der virtuelle Monster mit einem Laser abschießen musste.

Wir waren fasziniert und umso begeisterter, als wir feststellten, dass man das Spiel auch zu Zweit spielen kann.

Bald stand mein Entschluss fest:

So ein Gerät musste ich auch haben!

Erstaunlicherweise war es gar nicht schwer, dies bei meinen Eltern durchzusetzen und so hatte ich mit acht Jahren einen eigenen C64 und einen winzigen Fernsehbildschirm aus DDR-Produktion, welcher ein Tribut an die damals noch kommunistische Einstellung meines Vaters war, der meinte, man müsse die DDR finanziell unterstützen.

Die Gefahr, dass ich mit dem Fernseher unerwünschte Sendungen sehen könnte, hatten meine Eltern ausgeschlossen, denn sie verweigerten tapfer den Kabelanschluss, so dass es auf dem Fernseher ohnehin nur das dröge Programm der öffentlich rechtlichen Sendeanstalten in den Achtzigern und nachts das Testbild zu sehen gegeben hätte.

Dafür hatte ich mit dem C64 nun endlich mein eigenes kleines Reich, welches sich der permanenten, pädagogisch gutgemeinten, mütterlichen Überwachung entzog.

Wenn ich schon keine Spielzeugpistolen haben durfte, so konnte ich wenigstens „Commando Lybia“ spielen, bei dem man (kein Witz!) in Bonuslevels Ghaddafis Kinder an die Wand stellen konnte.

Wenn man das Fadenkreuz auf die Strichmännchen richtete und das Feuer eröffnete, so gab es 4 oder 5 verschiedene Arten, auf die der Körper zerplatzen konnte.

Angesichts dessen war ich mit mir und der Welt höchst zufrieden.

Mit Spielen war ich gut versorgt. Mein Freund aus dem Haus gab mir seine gesamte Spielesammlung zum Kopieren und dazu „erbte“ ich auch noch die Sammlung eines Arbeitskollegen meines Vaters, der versäumt hatte, die Spiele vorher nach Eignung für Kinder auszusortieren.

So kam es, dass ich irgendwann auch „Strip-Poker“, „Sex Games“ und das legendäre „KZ-Manager“ besaß, eine Wirtschaftssimulation der makabersten Sorte, bei der es darum ging, ein KZ zu verwalten.

Hinzu kam der Glücksfall, dass ich etwa im gleichen Alter, in einem versteckten Winkel, eine riesige Kiste mit Pornos fand.

So hatte das Schicksal mir beste Voraussetzungen gegeben, mich von klein auf zu dem unkonventionellen Freidenker, der ich heute bin, zu entwickeln.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich damals noch zu unreif war, die Freuden der Erwachsenen, wie „KZ-Manager“ und Pornos angemessen zu zelebrieren.

Mir reichte es, am Bildschirm zu killen. Das machte mir gute Laune, denn in meiner Schulklasse hatte ich eher weniger zu lachen.

Schließlich war ich damals der Jüngste in der klasse (früher eingeschult), ein Wenig unsportlich und eher stiller Denker, als der fröhliche und extrovertierte Spaßmacher.

In dieser Zeit baute sich meine Gewalthemmschwelle tatsächlich ab, was aber weniger meinen Computerspielen geschuldet war, sondern vielmehr der Erfahrung, dass man sich gegen Provokationen und Hänseleien mit Gewalt ganz gut zur Wehr setzen kann und dass man auch als Kleinerer und Schwächerer gewinnen kann, wenn man nur kompromisslos genug zuschlägt.

Trotz damaliger Schwierigkeiten mit dem Lehrkörper und der Schulleitung, sehe ich das heute als ganz positive Erfahrung, denn immerhin lernte ich, mir nicht von jedem dummdreisten Vollidioten die Butter vom Brot nehmen zu lasse, eine Fähigkeit, die in unserer Gesellschaft leider zu vielen abhanden gekommen ist.

Wer nicht versteht, was ich meine, der möge einmal einen alternativen Grün-Wähler aus dem Frankfurter Nordend anrempeln und ihm sagen „Ey pass auf Du Hurensohn“. Ich gehe jede Wette ein, dass wenn man dies nur glaubwürdig genug rüberbringt, der Nordend-Grüne sich entschuldigen wird, obwohl er selbst angerempelt wurde.

Sobald dieser Nordend-Grüne dann in seinem sicheren Heim ist, wird er entgegen seinen sonst so „liberalen“ Prinzipien vehement für mehr Polizei auf den Straßen eintreten, aber das ist ein anderes Thema.

Wenn Killerspiele tatsächlich die Aggression fördern könnten, würde ich ihm jedenfalls Zocken nicht unter zehn Stunden wöchentlich verordnen, wenn ich sein Psychologe wäre.

Leider funktioniert die Aggressionsförderung durch Gewaltspiele in der Praxis nicht.

Für mich waren diese Spiele jedenfalls Ventil zum Aggressionsabbau und wer weiß, was passiert wäre, wenn ich dieses Ventil nicht gehabt hätte.

Mit einem Klassenkameraden, der ebenfalls Außenseiter war, diskutierte ich des Öfteren, wie man unsere gesamte verdammte Schule einschließlich Mitschüler und Lehrkräfte möglichst effektiv zur Hölle schicken könnte.

Ich hatte dazu einen Plan entwickelt, der leicht zum größten Massaker aller Zeiten an einer Schule hätte werden können, wenn ich ernsthaft daran gedacht hätte, ihn umzusetzen.

Bei diesem Plan inspirierten mich allerdings nicht Computerspiele und das Szenario, das ich mir ausgedacht hatte, hätte eher an den Amoklauf von Volkhoven erinnert, als an ein klassisches School-Shooting, mit dem Unterschied allerdings, dass es mir am handwerklichen Geschick zur Herstellung eines Flammenwerfers ermangelte.

Stattdessen hatte ich eine andere Idee, die aber auch auf dem Prinzip „Kill it with fire!“ beruhte:

An unserer Schule gab es Deckenverkleidungen hinter die praktisch nie jemand schaute. Es war überhaupt kein Problem diese Deckenverkleidungen hochzudrücken und etwas dahinter zu verstecken.

Zum Test verstaute ich in der neunten Klasse etwas Müll dahinter und beobachtete, ob jemand diesen entfernt. In der elften Klasse wurde es mir dann zu blöd und ich gab die Beobachtung auf.

Wahrscheinli8ch liegt der Müll noch heute da.

Die Idee bestand darin, sukzessive über Tage hinweg immer mehr Brandbeschleuniger, Grillanzünder, Spiritus, Nagellackentferner und Campinggaskartuschen hinter den Deckenverkleidungen zu verstecken. Dies hätte man in den Nachmittagsstunden machen können, in denen das Schulgebäude zwar geöffnet, aber kaum noch frequentiert war.

Auch wenn alle über die Benzinpreise schimpfen:  Brennbare Flüssigkeiten sind leicht und preisgünstig beschafft und wenn man jeden Tag ein paar Liter deponiert, fällt das nicht weiter auf.

Man hätte nur darauf achten müssen, dass man die Tragfähigkeit der Deckenverkleidungen nicht überstrapaziert, aber mit einer guten Verteilung der Brandsätze wäre das locker drin gewesen.

Und für eine einmalige Aktion wie einen Amoklauf, wäre man natürlich bereit gewesen, auch einmal sein Sparschwein zu schlachten und etwas tiefer in die Tasche zu greifen.

Unsere Schule hatte mehrere Ausgänge, die alle eines gemeinsam hatten: Es handelte sich um Doppeltüren, mit großen, fest angebrachten Griffen auf beiden Seiten, die nach außen aufgingen.

Eine solide Kette aus dem Baumarkt mit einem Vorhängeschloss durch diese Griffe gewickelt, hätte gereicht, jede dieser Türen von außen zu blockieren.

Man hätte also nur noch eine Schulstunde schwänzen, alle Türen bis auf eine von außen verschließen (so etwas wurde schon im Rahmen eines Abistreiches gemacht), etwas Feuer legen und durch den letzten verbliebenen Ausgang flüchten müssen.

Jemand der sich in der Schule auskannte, hätte diese Aktion sogar als Einzeltäter in weniger als fünf Minuten durchführen können. Ich hatte interessehalber mal die Zeit gestoppt, die ich zu den einzelnen Ausgängen und den beabsichtigten Brandherden hätte laufen müssen.

Die Wahrscheinlichkeit, dies (sofern man bei den weniger benutzten Ausgängen beginnt) weitgehend unbehelligt tun zu können, schätzte ich als durchaus realistisch ein.

Resultat der Aktion wäre ein Feuer gewesen, welches sich rasend schnell durch die Decken verbreitet hätte, durchsetzt mit Explosionen von Gaskartuschen, für zusätzlichen Sach- und Personenschaden und zur Erschwerung der Lösch- und Bergungsarbeiten.

Die flüchtenden Schüler wären natürlich zu den verschlossenen Ausgängen geströmt und in tumultartiger Panik von ihren nachrückenden Mitschülern erdrückt worden.

Selbst wenn es nicht möglich gewesen wäre, alle Ausgänge zu verschließen, wäre es wohl zur Katastrophe gekommen.

Klar:

Dies war eine pubertäre Gewaltphantasie und ich dachte niemals daran, sie wirklich in die Tat umzusetzen.

Jedoch gab sie mir ein angenehmes Gefühl der Macht und diente mir so als Schutz gegen das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber der Massenabfertigung eines deutschen Schulsystems, demotivierten Lehrern und ignoranten Mitschülern.

Wann immer ich an dieser Schule verzweifelte, konnte ich mir denken:

„Wenn Ihr nur wüsstet! Ihr könnt hier nur deshalb so fröhlich-dumm vor Euch hinleben, weil ich zu gutmütig bin, Euch alle zu vernichten.“

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wurde Schule erträglich.

Meine Aggressionen wurden aber überflüssig, als ich Marihuana für mich entdeckte. Da ich recht schnell gute Kontakte aufbaute, konnte ich damals nicht nur mich, sondern alle meine neuen Freunde stets mit gutem Gras beglücken und viele der damals geknüpften Freundschaftsbande sind mir durch die vielen Jahre bis heute erhalten geblieben.

Auch entwickelte sich mein ganzes Leben, einschließlich meines, bis dahin nicht existenten, Sexuallebens unter der Wirkung des heiligen Krautes zum Besseren.

Nun stand bei den Killerspielen für mich nicht mehr der Aspekt des Aggressionsabbaus im Vordergrund, sondern der freundschaftliche Wettbewerb, wenn es darum ging, wer wen bei „Golden Eye“ oder „Perfect Dark“ abschießt.

Durch die Fähigkeit zur Hyperkonzentration, die ich durch meine Mischung aus Hyperaktivität und gesteigertem Kiffkonsum entwickelte, wurde ich nicht nur in Ego-Shootern, sondern auch in meinen allgemeinen Schulleistungen immer besser.

Ich blickte nun vorsichtig optimistisch in meine Zukunft und machte letztlich ein durchaus respektables Abi mit 2,3 und wahrscheinlich hätte es auch besser sein können, wenn Schule nicht so schrecklich langweilig gewesen wäre, dass ich nie Hausaufgaben machte oder mich mündlich beteiligte.

Meine Punkte holte ich eigentlich nur in den Klausuren.

Ich beschloss nach meinem Abi, nicht zu studieren, sondern etwas Vernünftiges aus meinem Leben zu machen und ging in den öffentlichen Dienst.

Vorher allerdings hatte ich noch ein anderes Killerspiel zu spielen, zu dem mich ironischerweise Vater Staat verdonnerte.

Zehn Monate galt es damals abzureißen und ich beschloss, gegen den ausdrücklichen Protest meiner Mutter, nicht zu verweigern.

Irgendwie wäre ich mir verlogen vorgekommen, wenn ich dem Amt hätte schreiben wollen, dass ich als absoluter Pazifist aus Gewissensgründen nicht in der Lage sei, Dienst an der Waffe zu verrichten.

In meiner langen Laufbahn als Zocker von Killerspielen muss ich übrigens gestehen, dass der realistischste und interessanteste Ego-Shooter ein Besuch auf der sogenannten „Waldkampfbahn“ war.

Ich hatte während dieser Übung die Ehre auf dem Beifahrersitz eines LKW zu stehen, das lafettenmontierte MG (hinter vorgehaltener Hand liebevoll „Hitlersäge“ genannt) zu bedienen und Klappscheiben, die Menschen darstellten (sogenannte „Pappkameraden“) zu durchsieben.

Wo wurde Killen je ralitätsnäher gespielt, als bei der guten alten Armee?

Von daher muss ich anmerken, dass in einem Land, welches noch bis vor Kurzem jedem männlichen Bürger eine Ausbildung im Töten angedeihen ließ (es sei denn, er verweigerte dies ausdrücklich), eine Diskussion über Computerspiele reichlich absurd ist.

Inzwischen spiele ich deutlich weniger Killerspiele, denn auch ich bin nun erwachsen und meine wilden Tage sind vorbei, obwohl mir mit „Wii-Bowling“ und „Mario Kart“ noch immer niemand zu kommen braucht.

Zu Aggressionen und folglich auch zu Aggressionsabbau habe ich dank eines ausgefüllten, Berufs-, Privat- und Liebeslebens nun einfach weniger Bedarf.

Ich habe mir jetzt „X3- Terran Conflict“ gekauft, die komplexeste Weltraum-, Flug- und Wirtschaftssimulation aller Zeiten.

Meine erste Amtshandlung in diesem Spiel war es, mein Kampfraumschiff direkt zu Anfang zu verkaufen und mir einen vollkommen unbewaffneten Frachter zu kaufen, da man mit Handel in diesem Spiel einfach mehr Geld macht, als mit roher Gewalt.

Da gehe ich strikt nach dem Prinzip „Von China lernen, heißt Siegen lernen“. Erst wird die Wirtschaft aufgebaut, dann kauft man sich seine Armee.

Darum spiele ich jetzt lieber Kapitalismus als Krieg.

Denn Kapitalismus spielen macht verdammt viel Spaß!


8 Kommentare zu “Bekenntnisse eines Killerspiel-Zockers”

  1. gaukler

    Schön ist doch, dass wir uns heute in der “Realität” web-spielerisch austoben können: http://breitband.dradio.de/vom-zocker-zum-weltenretter/

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