Frankfurter Gemeine Zeitung

Guttenberg und die Korumpierbarkeit der neoliberalen Universität

image001Was sagte Angela Merkel, nachdem die Universität Bayreuth ihrem Verteidigungsminister den Doktortitel entzogen hatte? Merkel bezeichnete die Entscheidung der Universität als “richtig und logisch”. Sie liege “auf der Linie dessen, was der Verteidigungsminister vorgegeben hat. Sie macht daher Sinn.” Aha. Ja, das ist logisch, zweifelsohne.Ein Staatsdiener bei Franz Kafka hätt´s nicht besser formulieren können als die Exwissenschaftlerin Merkel: Wann macht die Entscheidung einer Universität über den Entzug eines Doktortitels Sinn? Die Entscheidung einer Universität macht dann Sinn, wenn sie der Linie dessen folgt, was der Verteidigungsminister vorgibt. Gut, das klingt vielleicht ein wenig preußisch- blau oder DDR-grau, ist aber so zu verstehen: die Universität ist der VERTEIDIGUNGSLINIE des Ministers gefolgt, die besagt: “ich habe Fehler gemacht, ich bin auch nur ein Mensch, habe Frau und Kind und habe da ein bisschen den Überblick über meine Fußnoten verloren, mein Gott, wenn ihr das alles so wichtig findet, erkennt mir den Titel ruhig ab!”
Das hat die Universität in verdächtiger Eile getan, denn normalerweise malen Unimühlen sehr, sehr langsam. Die Eile war in diesem Fall opportunistisch: Man hat sich dadurch herumgedrückt feststellen zu müssen, dass der Minister ein Betrüger ist. Und bis diese Feststellung dann von Seiten der Universität irgendwann mal erfolgt, obwohl sie bereits jetzt für jeden anderen Doktoranden, der kein Minister ist, felsenfest feststünde, haben sich die Gemüter ja vielleicht wieder anderen Themen zugewandt. Das Material, aus dem hervorgeht, das Guttenberg 290 Seiten seiner Doktorarbeit nahezu wortwörtlich abgeschrieben hat oder hat abschreiben lassen- natürlich ohne sich die Mühe des Abschreibens im eigentlichen Wortsinn zu machen, denn seine Quellen sind fast alle im Internet copyandpastebar- dieses Material wurde nicht von der Uni Bayreuth zusammengetragen, sondern von der akademischen Schwarmintelligenz im Netz: von der Website GuttenPlagwiki.
Das mindeste, was man von der Universität hätte erwarten können, war die quasiamtliche Feststellung des ministerialen, betrügerischen VORSATZES aufgrund der Quellen, die andere für sie zusammengetragen haben. Denn die abgeschriebenen Passagen wurden mit viel Zartgefühl von Guttenberg (oder einem eventuellen Ghostwriter) nur dort verändert, wo eine andere Urheberschaft ansonsten durchgeschimmert hätte.
Hätte die Universität nach der überwältigenden Beweislage bei einem anderen als einem Minister gezögert, das festzustellen? Undenkbar. Inzwischen hat sich der Nachfolger von Guttenbergs Doktorvater zu Wort gemeldet. Er findet deutliche Worte, sagt: “Wir sind einem Betrüger aufgesessen.”
Sein Doktorvater, der mit 76 emeritierte Professor Häbele hatte zunächst und natürlich gegenüber BILD geäußert, es liege kein Plagiat vor. Gestern sagte er dann: “Die in der Promotionsschrift von Herrn zu Guttenberg entdeckten, mir unvorstellbaren Mängel sind schwerwiegend und nicht akzeptabel.”Ich weiß, das ist positiv. Aber zu wenig. Ich frage mich : Ihr, hochdotierte Professoren, Gutachter, seid einem Betrüger “aufgesessen”? Warum? Warum waren diese Mängel “unvorstellbar”? Wieso sind niemanden die eklatanten Stilunterschiede aufgefallen in einer Dissertation, die ein Patchwork aus Zeitungartikeln. Grußworten, Kommentaren und Fachliteratur zusammenschustert- bis ein linker Juraprof aus Bremen kam. Wieso fühlte sich keiner der Bayreuther Professoren an etwas erinnert, was er schon mal irgendwo gelesen hat? Wieso erhielt das zusammengestoppelte Recycling von Gedanken, die teilweise ein Jahrzehnt alt waren oder von unterbezahlten Schreibern des Bundestages verfasst die Weihe der Höchstnote, ein Summa, die Auszeichnung für den, der etwas grundsätzlich Neues in die Welt bringt? Auch das war “logisch” im Merkelschen Sinn: es geschah eben, weil der Verfasser von Guttenberg hieß. Die Uni Bayreuth gehört zu den jungen Universitäten; man kann vermuten, dass der Betrüger, der Minister ist, sie bewusst wählte. Die Uni schmückt sich mit dem Namen “Bayreuth”, der dem Bildungsbürger immer noch wie Öl runtergeht und sie schmückte sich bis vor kurzem mit dem Namen Guttenberg, der in einem Werbevideo der Uni auftrat, das natürlich jetzt schamhaft verschwunden ist. Darin erläutert Guttenberg die Wahl des Faches mit dem ebenso knappen wie treffenden, allerdings nicht eben Wissenschaftsaffinen Satz: “Jura. Es lohnt sich.” Und weiter: “Wo? Fraglos nur ein Ort: Bayreuth.” Guttenberg saß zur Zeit seiner Promotion im Aufsichtsrat der Rhön-AG, die ebenso wie das CSU-geführte Verbraucherschutzministerium an der Bayreuther Universität eine Stiftungsprofessur eingerichtet hat: Gesamtwert mehr als 1,6 Millionen Euro. Bei den Summen, um die es da geht, liegt das “Summa” irgendwie nahe- auch wenn man immer ein kleines Summen im Ohr hat, das vielleicht nicht alles mit ganz rechten Dingen zugegangen ist… aber wen kümmert das, bis es lauter wird und lauter.
Die Korrumpierbarkeit, die die Uni Bayreuth gezeigt hat, verschont keineswegs die großen alten Unis wie die Uni Frankfurt. Gab es eine nennenswerte Anzahl von ProfessorInnen, die sich hier gegen die Umwandlung in eine Stiftungsuniversität ausgesprochen haben? Seitdem herrscht hier wie überall endgültig die Marktlogik, d.h. die Wissenschaft wird von den Professoren als Nimbusbehaftete Marke an den Mann und die quotierte Frau gebracht…ansonsten muss jeder schauen, wie er zurecht kommt und woher die Drittmittel kommen. Nie zuvor gab es hierzulande so viele “ExzellenzCluster” und so wenig Intelligenz anstelle von Beziehungs-Kleister.
Die Hoffnung liegt vielleicht bei jenen inzwischen 30 000 im Netz gesammelten DoktorandInnen, die den Rücktritt Guttenbergs fordern. Inzwischen haben immerhin über 1000 Universitätsprofessoren nachgezogen und sich einer ähnlichen Erklärung angeschlossen. Der Aufstand der Wissenschaft hat den Rücktritt des Minsters herbeigeführt. Vielleicht wird ja die Guttenbergdämmerung zu einer Götterdämmerung der neoliberalen Universität.
Und einer Morgenröte der Wissenschaft.


Ein Kommentar zu “Guttenberg und die Korumpierbarkeit der neoliberalen Universität”

  1. Saritleave

    Symbolism is a 19th-century movement in which art became infused with exaggerated sensitivity and a spooky mysticism. It was a continuation of the Romantic tradition, which included such artists as John Henry Fuseli and Caspar David Friedrich.

    Anticipating Freud and Jung, the Symbolists mined mythology and dream imagery for a visual language of the soul. More a philosophical approach than an actual style of art, they influenced their contemporaries in the Art Nouveau movement and Les Nabis.
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