Frankfurter Gemeine Zeitung

Straße ohne Zeichen

Im folgenden machen wir etwas IM WIRKLICHEN LEBEN unmögliches. Wir laufen eine moderne Straße entlang, aus der alle Zeichen entfernt wurden. Eine Video-Arbeit von IkanoGrafik.

Abondance et disparition
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Ein wirtschaftsjournalistischer Dissident

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Das “Cafe Wiesengrund” bietet im Logenhaus der Finkenhofstrasse seit Jahren Platz für anregende Vorträge und Diskussionen. Vor einigen Tagen hatten wir deshalb das Vergnügen, dort den Frankfurter Wirtschaftsjournalisten Lucas Zeise zu hören. Der war zuerst bei der “Börsen-Zeitung”, einem eng mit den Finanzmarkt-Geschehen liierten Blatt, wurde dann Mitgründer der Financial Times Deutschland, für die er noch heute Kolumnen schreibt.

Sein Buch “Ende der Party” spricht eine andere Sprache, als es die genannten Blätter vermuten lassen, seine dezidierte Kapitalismus-Kritik kommt im neuen Band “Geld – der vertrackte Kern des Kapitalismus” noch mehr zum Ausdruck. Es sind Bücher gegen den neoklassischen Mainstream in der Ökonomie, die sich durch verschiedene Eigenschaften auszeichnen: besondere Faktenkenntnis und ihre Neuinterpretation im Anschluß an die Wirtschaftspresse; eine synoptische Vermittlung der Geschehnisse um die Wirtschaftskrisen; und sein Anschluß an die nichtorthodoxe Wirtschaftstheorie.

Sein Vortrag im Wiesengrund hob auf die umfassendere Perspektive des neuen Buchs ab: eine Interpretation des Geldes und seiner ganz eigenen Effekte, das in der Neoklassik jedoch nur als irrelevanter Vermittler oder Meßgröße agiert. Ein kurzer Abriss der weltweiten neoliberalen Machtübernahme seit den siebziger Jahren verdeutlicht aber dessen Eigendynamik, wenn es als “Kreditgeld” besondere Steuermacht gewinnt: die Grundlage des Aufschwungs der Finanzmärkte und ihrer Institutionen.

Zeise koppelt das durchaus an Karl Marx, der im Kapital eine geldwerte Eigendynamik erkannte, die sich institutionell organisierte. Originell bindet er diese Eigendynamik an die aktuellen Mechanismen des Finanzaufschwungs, besonders an das Versprechen von Vermögen. Irreales Kapital gewinnt gegen reales Kapital. Die Finanzgelder werden zur umfassenden Motivation, Geld-Erfolg heißt die Devise. Auf diese Weise binden sich ökonomische Bewegungen direkt an “Ideologien” – oder wie man im nachideologischen Zeitalter sagt, an herrschende Gepflogenheit.

Ein anderes weit verbreitetes Stereotyp greift Zeise gleich mit an: hilfloser Staat gegenüber Allmacht der Finanzinstitutionen. Mitnichten: der Staat ist die Mutter, die das hilflose Finanzkind immerfort nährt! Wer druckt denn das Geld, wer gibt die Kredite an die Banken, wer macht die Gesetze und Durchführungsbestimmungen usw?  Eine folgenreiche Diagnose, denn auf gleiche Weise sind auch Einschränkungen der Finanzinstitutionen möglich, die “Finanzmärkte” herrschen nämlich nicht einfach. Wenn nicht die enge Verbandelung wäre…

Der Staat liegt im Zwielicht, er spielte ja auch bei der Krise eine wichtige Rolle, und jetzt reden wir wieder nur über dessen Pleite und die Kürzungen. Zeise meint, “er habe die Krise gut hingekriegt”, aber mit welchen Folgen für wen?

Direkte politische Forderungen aus seinen Diagnosen sieht er in einer Revolte gegen die Bindung von Staat und Finanzkapital, am besten ein “zurück zu den 60ern”, im Sinne eingeschränkter Kapitaltransfers und Finanzoperationen.

Interessante Aspekte seiner Analysen finden sich sicher in der Herrschaft des Neoliberalismus mittels einer doppelten Ideologie des Versprechens, des Geldvermögens und seiner automatischen Vermehrung. Gleichzeitig verweist sie auf den grundlegenden Widerspruch des Kapitalismus, nämlich versprochene Potentiale gerade nicht verwirklichen zu können – in diesem Fall sogar diejenigen in seinem Kern, dem Geld. Genau das ist die Finanzmarktkrise. Plötzlich war nicht mehr Geld da, sondern das Geld war weg.

Ein Problem scheint mir in Zeises starker Bewertung des Staats und der entsprechenden Unterbewertung der Eigenkraft der Finanzinstitutionen zu liegen. Wenn wir institutionelle Konfigurationen und ihre Kraft bewerten, müssen wir ihre realen Verankerungen und Wirkungsfelder betrachten. Gerade in Frankfurt sieht man, dass diese bei Finanzinstitutionen weitreichend sind, tiefe Infrastrukturen mitführen oder anregen. Gleichermaßen geben sie entscheidende Anregungen und Impulse in das Geflecht von Politik, Medien und Wissenschaft. In diesem Sinne ist das Verhältnis ein double bind von Zwillingen, weniger von Mutter und Baby.

Dazu passt die Frage nach der Krise und ihrer kritischen Behandlung. Der Schritt zurück zu den 60ern allein reicht nicht. Die Krise als Finanzkrise ist noch keine politisch relevante Krise, und die genannten Impulse aus dem Finanzkapital sprechen für verschiedene potentielle Krisenkomponenten: erst wenn der umfassende Finanzblick in Medien und Wissenschaften kriselt, besonders wenn er im Alltagsbewußtsein brüchig wird, wird die Krise zu echter politischer Krise, die dem Finanzregime die Macht nehmen kann.

Schreibende wie Lucas Zeise haben einen gewichtigen Anteil daran, dass genau das geschehen kann.


Parkour als Paarkur

Die Stadt als eine Abfolge von zu überwindenden Hindernissen: eine Art von Alltagsakrobatik: Parkour. Laut Eigenphilosophie eine Rückeroberung des privatisierten öffentlichen Raums. Der Traceur (“der den Weg ebenet”) soll dabei Rücksicht auf den von ihm begangenene, besprungenen, überwundenen Raum nehmen, ebenso auf die anderen, die ihn benutzen. Interessanterweise erlernte der 1973 geborene “Erfinder des Parkour”, ein Schauspieler mit dem schönen Namen David Belle die sogenannte “methode naturelle” von dem Angehörigen einer Berufsgruppe, die für ihre Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Raum bekannt war: einem ehemaligen Vietnamsoldatenn seinem Vater. Dies geschah in den Wäldern Nordfrankreichs. Er wandte sie an in einem Pariser Vorort Lissez, einer Landschaft aus Stahl und Beton. Natürlich fährt die Werbung auf den Parkour ab, also die Macht, die den öffentlichen Raum mehr besetzt, als jede andere. Angeblich hat der Parkour Videospiele a la Prince of Persia beeinflußt. Vielleicht war es aber auch umgekehrt und lauter persische Prinzen springen durch die Städte. Ob es auch Prinzessinen gibt? Oder ist das so ein Jungsding? Existieren über Springbrunnen gemeinsam springende Paare? Taugt der Parkour als Paarkur? Oder endet am Ende alles an der nächsten Parkuhr?


Blind Dates 1.3.-6.3.

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Di 1.3.
Club Voltaire: 19 Uhr Eröffnung der Austellung “Trotz alledem” – Ein Porträt des Widerstands im Rhein-Main-Gebiet 1933-1945 in Linoldrucken des Künstlers Thilo Weckmüller.. Zu dieser Vernissage erwarten wir auch einige der dargestellten Persönlichkeiten sowie deren Töchter, Söhne, Enkel und Urenkel. Der Künstler Thilo Weckmüller wird ebenfalls anwesend sein.

Mitt 2.3.

English Theatre, 17.30 Uhr Eröffnung der Ausstellung von Fotograf Ulrich Mattner. Mattner zeigt Milieustudien im Bahnhofsviertel: Menschen, Emotionen, Situationen… Er fotografiert seit sechs Jahren das Quartier mit seinen Banken, Bettlern und Bordellen. Auf großformatigen Lambda-Prints zeigt der Fotograf nun seine Bilder aus dem Milieu der Kontraste an acht Standorten im Bahnhofsviertel.. Nach ein paar einleitenden Worten von Gerald Hintze, Kurator der Weißfrauen Diakoniekirche, führt Ulrich Mattner zu den weiteren Standorten der “Street Gallery” im Bahnhofsviertel: über “Raum für Kultur” in der Commerzbank, Diakoniezentrum Weser5, Pik Dame und Kaiserpassage bis zum Stadtteilbüro Bahnhofsviertel. Dort zeigt der Künstler Fotografien aus seinem audiovisuellen Vortrag “Die im Dunkeln sieht man nicht – Lichtbilder aus dem Bahnhofsviertel”. Die Bilder werden verkauft, der Erlös geht an die Obdachlosenhilfe des Diakoniezentrums Weser5. Die “Street Gallery” im English Theatre Frankfurt ist geöffnet: montags von 12 bis 18 Uhr, dienstags bis freitags von 11 bis 18.30 Uhr, samstags von 15 bis 18.30 Uhr und sonntags von 15 bis 17 Uhr. Die anderen Ausstellungsorte sind montags bis samstags von 10 bis 20 Uhr offen. Der Eintritt ist frei.
Mampf, ab 20.30 Uhr SOUVENIRS DE PARIS
Martin Landzettel (v), Stefan Frisch (g), Tillman Suhr (g), Paul Schmandt (b) – hommage an Django Reinhardterstellt von Mal Seh’n Kino.

Do, 3.3.
Mal sehn Kino: Donnerstag 3. bis Mittwoch, 9. März, jeweils 20 Uhr / Donnerstag, 10. bis Mittwoch, 16. März 2011, jeweils 18 Uhr: Film: Fritz Bauer – Tod auf Raten. Von Ilona Ziok, Deutschland 2010, 97 Min.. Mit derselben Zielgerichtetheit mit der Fritz Bauer die Angehörigen des 20. Juli-Putsches rehabilitierte, hat er wie kein anderer Jurist die Aufhellung und Ahndung der NS-Verbrechen in Gang gesetzt. Als hessischer Generalstaatsanwalt (1956-1968) war er der maßgebliche Initiator der Frankfurter Auschwitzprozesse. Am Donnerstag, 03.03. in Anwesenheit von Regisseurin Ilona Ziok.

19.30 Uhr Renate Kohn im Nebbienschen Gartenhaus, Frankfurt
„Apollon trifft Dionysos“,
Texte von Baudelaire, Ovid, Goethe, Gernhard u.a., Gerd Zimanowski, Saxophon und Hang

Sa 5.3.
14 Uhr Björn Wissenbach führt in der Reihe Stadtspaziergänge durch das Bahnhofsviertel
Die Gesellschaft für Frankfurter Geschichte lädt am Samstag, 5. März, zu einem Spaziergang durch das Bahnhofsviertel ein. Treffpunkt für diesen “Stadtspaziergang”: Vorhalle des Hauptbahnhofs.
1888 setzten der neue Zentralbahnhof und die Internationale Elektrotechnische Ausstellung zukunftsweisende und kraftvolle Akzente in der preußischen Provinzstadt. Bald darauf wurden zwischen Gallusanlage und Bahnhof gründerzeitlichen Gebäude errichtet. In das Bahnhofsviertel zog es luxuriöse Hotels und Geschäftshäuser, aber auch Amüsieretablissements wie das Schumanntheater, Castans Panoptikum und diverse „Lichtspielhäuser“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Bahnhofsviertel ein Synonym für die käufliche Liebe.
Die Führung ist kostenlos. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Informationen gibt die Gesellschaft für Frankfurter Geschichte, Telefon 069/287860.

Mampf:20.30 Uhr DEBATING CLUB
Carl McCreight  (p,fl), Ulrich Nutsch (b), Jörg Woinowski (dr) „Die Herren debattieren halt gerne. Wie sie es schaffen, trotzdem
so zu klingen, wie sie klingen, ist eines der ungelösten Rätsel der Neurophysiologie – aber egal, Hauptsache sie klingen. Dass Debating Club darüber hinaus in der Lage sind, ein Publikum zu begeistern, zeigen die drei sowohl auf ihren stets gelungenen Club- und Kneipenkonzerten, als auch auf Hochzeiten und Kongressen (Ja, man kann die Herren auch buchen – aber nicht eichen.) Ob sie Jazzklassiker von Charles Mingus oder Ray Obiedo in ganz unerwarteten Versionen spielen, eines ihrer eigenen Stücke präsentieren oder Popnummern bearbeiten: Es kommt immer lebhafte und mitreißende Musik heraus. Und auf ihrem Debüt-Album „Funny?“ kann man dieselbe gelungene Mischung auch zu Hause hören. Mit Carl McCreight an Klavier und Querflöte, Ulrich Nutsch am Kontrabass und Jörg Woinowski am Schlagzeug haben sich drei Musiker gefunden, die auch nach Jahrzehnten des professionellen Musizierens in Bands und Projekten aus praktisch allen Stilrichtungen immer noch mit ganzem Herzen einfach so spielen können, wie sie gerade Lust haben. Und wenn sie mal keine Lust haben – dann debattieren sie eben.“ (bandinfo) www.debating-club.de

So, 6.3
Mampf. 20.30 Uhr: Pedro Soriano (g,voc) “Lieder gegen den Ernstfall”

- Chansons, Flamenco, Latin – http://www.artescan.com


Bye bye Gutti

Er wird uns noch fehlen, denn immerhin war er der brilliantinste Darsteller eines Ministers. Die klare Grundhaltung, das offene Gesicht, die gut gebauten Sätze, die vielen Bilder von ihm im Einsatz. Wie ein Jungscharführer mitten im Camp, lässig drapiert inmitten der glänzenden erwartungsvollen Gesichter „seiner“ Soldatinnen und Soldaten. Immer im Massanzug, immer mittenmang. Und jetzt: [...]

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Medienkompass – Ende Februar 2011

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Die Diskussionen um die politische Rolle des Internets haben sich mit den Aufständen in der arabischen Welt verstärkt, besonders in den führenden Medien wird die befreiende Wirkung von Social Media, Foren und Blogs betont.
Einsprüche spitzen sich darauf zu, dass sich in den massenhaft genutzen neuen Medien bloß ein Stammtisch 2.0 heranbildet, und das sollte ja nicht als demokratischer Schub zu verstehen sein.
Jens Berger hat im Freitag darüber informiert, dass das Web-Potential neben der freien Diskussion auch in der freien Manipulierbarkeit bestehen kann, und zwar auf sehr unaufällige Weise: man setze kluge Programme von “Persona-Management” ein, die sich glaubwürdig als menschliche Web-Akteure in Social Media, Foren und Blogs ausgeben. Das wäre noch nicht viel, aber diese “Bots” könnten scharenweise gewünschte Meinungen verbreiten, besonders sie als Mehrheitsmeinung erscheinen lassen, was viele Unentschlossene zu dieser bewegen könnte. Wie viele Gutti-bots könten da in Facebook…
Berger nennt eine US-Firma, die daran bereits arbeitet und er überlegt, was das wohl in staatlichen Händen

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Die Dinosaurier-Übernahme

Mit der Übernahme der New York Stock Exchange bereitet die Deutsche Börse ihren Sprung an die Weltspitze vor. Der Zusammenschluss der beiden Finanzunternehmen, der vergangene Woche angekündigt worden ist, wird dem neuen deutsch-US-amerikanischen Konzern nicht nur eine herausragende Position in der Konkurrenz mit den Börsen Asiens sichern, sondern auch das europäische Geschäft dominieren. Im Termingeschäft etwa käme er auf einen Marktanteil in Europa von mehr als 90 Prozent. Deutsche Medien sprechen angesichts des neu entstehenden Börsengiganten vom “Griff nach der Weltmacht”.

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