Frankfurter Gemeine Zeitung

Bye bye Gutti

Er wird uns noch fehlen, denn immerhin war er der brilliantinste Darsteller eines Ministers. Die klare Grundhaltung, das offene Gesicht, die gut gebauten Sätze, die vielen Bilder von ihm im Einsatz. Wie ein Jungscharführer mitten im Camp, lässig drapiert inmitten der glänzenden erwartungsvollen Gesichter „seiner“ Soldatinnen und Soldaten. Immer im Massanzug, immer mittenmang.

Und jetzt: dieses Leid, die Bürde seiner Verantwortung, die weinenden Soldaten, die er zurücklassen muss. Es ist schon ein Elend mit der deutschen Politik. Da ist es gut zu wissen, dass er heimkehren kann in den Schoss der Familie, in die Geborgenheit des Stammsitzes.

Er hat nur das getan, was doch jeder auch getan hätte an seiner Stelle, die Welt wirft ihm vor, dass er gehandelt hat wie dies von ihm erwartet werden konnte. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Dummerweise ist er erwischt worden, doch auch jetzt spielt er den reuigen Sünder mit der gleichen Grandezza, mit der er als Minister agierte.

Jetzt ist er mit einem Male ein Hochstapler, doch was werfen wir dem Hochstapler eigentlich vor? Dass er einen Titel unberechtigt trägt? Dass er auf eigene Kappe Leistungen hervorbringt, die ihm nicht zustehen? Dass er sich einen Vorteil nimmt, nur weil er in greifbarer Nähe ist? Oder noch einfacher, dass  so viele vor ihm, die auch nicht widerstehen konnten. Es soll ja Ansätze geben, in Brüssel eine Selbsthilfe-Gruppe zu gründen.

Und es gibt da noch die wohlbekannte Katharsis, dieses Fegefeuer, durch das man hindurch geht, um als Besserer als Reiner wieder hervor zu treten. Diese Vorstellung kann begeistern, ein zu Guttenberg, der innen genau so aussieht wie aussen..

Wir werden dich ermissen, der einzige Strahlemann, der uns immer vermittelte, dass die Lage lange nicht so schlimm ist, dass man nicht gut aussehen könnte.


4 Kommentare zu “Bye bye Gutti”

  1. gaukler

    Das einzig Interessante an der ganzen Affäre ist doch das “Italien-Syndrom”, das sich dabei präsentiert. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung, das sich nach reichen Blendern sehnt, abseits jedem politischen Sinn auf Beschiss setzt.
    Wenn du dir Forums-Äusserungen im Web dazu ansiehst, währst du dich in der Irrenanstalt.
    Aber das ist wohl Indikator des weltweiten Trend: Lobbyisten vs. reiche Blender mobilisieren unterschiedliche Regimenter und haltlose Individuen suchen bei den einen oder anderen Hilfe, und zwar eher blindlings.

  2. trickster

    Tja, es fällt angesichts dieser Erscheinungen recht schwer, nicht zynisch zu reagieren und sich zurückzulehnen, um sich das Spiel anzusehen. Die Infantilität nimmt immer noch zu und gebiert dabei Gestalten, die sich in der Tradition eines Ludwig II gefallen und im Extremfall in die von Gaddafi gehören.

  3. Bert Bresgen

    Well: Die Berlusconisierung der Politiuk ist in diesem Fall in der Tat nicht zu übersehen. Aber offenkundig hat sie (noch) nicht ausgereicht, allen Bemühungen von BILD und Guttenberg selbst zum Trotz . Das lag an denen, die sich nicht zynisch zurückgelehnt haben, um das Spiel anzusehen und sich über die “Infantilität” oder den “Irrsinn” der haltlosen Individuen auszulassen, sondern sich der Mühe unterzogen haben, kollektiv die Guttenbergsche Doktorarbeit auseinander zu nehmen, die Fundstücke für alle nachvollziehbar im Netz zu präsentieren usw. Hätte man die Prüfung allein einer Kommission der Uni Bayreuth überlassen wäre sie kaum so ausgefallen, denn diese hängt am Tropf der CSU. Der Rücktritt v. G ist aber auch den Doktoranden zu verdanken, die ohne wie hynotisiert auf die 300000FB-Anhänger von Guttenberg zu starren einen Privat- Brief an Merkel verfasst haben und innerhalb von einer Woche dafür über 50000 Unterstützer aus dem akademischen Milieu bekamen. er hängt zum dritten an einem Widerspruch im konservativen Diskurs selbst: Der FAZ-Leser mag sich nicht so einfach mit der BILDaufforderung “Scheiß auf die Doktorarbeit!” anfreunden, denn Bildung hat in den letzten Jahren wieder eine verstärkte Funktion als Mittel zum Distinktionsgewinn erfahren…außerdem ist Deutschland stärker als Italien auf Wissenschaft u. Bildung angewiesen. Wichtig ist es jetzt den akademischen Druck auf die Uni Bayreuth u. (damit indirekt) die Staatsanwaltschaft aufrechtzuerhalten. Wird der Vorsatz amtlich festgestellt u. würde Guttenberg gar verurteilt, würde es nämlich auch nix mit dem jetzt schon anvisierten Comeback.

  4. gaukler

    Ich glaube nicht, dass eine Analyse der Politiktransformationen automatisch “zynisch zurückgelehntes Ansehen des Spiels” oder “hypnotisiertes Starren auf Facebook” impliziert.
    Motive und Aktivitäten verschiedener Fraktionen oder sozialer Milieus sind für politische Initiativen interessant und das dreht sich nicht nur um das Berliner Theater, sondern Möglichkeiten darüber hinaus.
    PS. Das mit wissenschaftlicher Bildung in Deutschland und Italien finde ich witzig….

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